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Die Apokalyptischen Reiter sind keine Fabelwesen einer anderen Welt,
sondern menschliche Reiter, die das Ende der Welt einläuten und damit
der Überzeugung Rechnung tragen, dass wir es selbst sind, die unser
Schicksal bestimmen und die Zukunft der Menschheit und der ganzen Welt
in unseren Händen halten. In diesem Bewusstsein hat die Menschheit in
ihrer vergleichsweise sehr kurzen Entwicklung auch Erstaunliches
erreicht und alle negativen Entwicklungen konsequent einer der vielen
Gottheiten zur Last gelegt, die wir für solche Fälle in allen Bereichen
bereit halten. Doch immer dann, wenn die Lage aussichtslos oder viel zu
komplex wird, greifen wir nach obskuren heilbringenden Wundermitteln,
nach der eierlegenden Wollmilchsau also, die dann auch noch reitbar ist.
In der Regel manifestieren sich diese Wundermittel dann in kernigen
Schlagworten oder einfachen Slogans, deren Bedeutung zumeist keinem im
Detail bewusst ist und damit eine Mystifizierung in greifbare Nähe
rückt. Dies, so scheint es, ist auch der Fall, wenn wir heute über die
so allgegenwärtige Globalisierung reden.
Die einen betrachten Globalisierung als Segen für die Zukunft der
Menschheit, die anderen als die Reinkarnation des Teufels selbst. So
unterschiedlich die Debatte auf beiden Seiten auch über die letzten
Jahre geführt wurde, so klar tritt jedoch auch hervor, dass sich die
Standpunkte beider Seiten bereits in der Definition und somit auch in
der Bedeutung des Begriffes wesentlich unterscheiden. Was genau wird
hier eigentlich globalisiert, wer globalisiert, wie wird globalisiert
und vor allem: warum wird globalisiert? Die Beantwortung dieser Fragen
wäre sicherlich einfacher, wenn wir aus Vergangenem lernen und
entsprechende Schlüsse für die Zukunft ziehen könnten. Daher sollte sich
zunächst auch die Frage stellen, ob Globalisierung ein in sich neuer
Prozess ist oder ob wir Ähnliches oder Gleiches in unserer Geschichte
schon einmal durchgemacht haben. Sicherlich, die Motive mögen im
Einzelnen unterschiedlicher Natur gewesen sein, doch die Geschichte der
Menschheit ist eine einzige Reihe von Globalisierungsbemühungen, an
deren vorläufigem Ende sich unsere heutige Weltordnung und die sich
darin befindlichen Systeme wiederfinden.
Als die ersten Menschen ihre lange Reise in neue Gebiete antraten und
Afrika in Richtung Norden verließen, wurde der Grundstein für die
Globalisierung der Menschheit gelegt. Die Gründe für diese Migration
haben sich über die Zeit nicht grundlegend verändert, denn auch heute
zählen neuer Lebensraum, Nahrung oder Bodenschätze zu den grundlegenden
Beweggründen für Migrationsbewegungen in aller Welt. In der Folge haben
aber nicht nur die heutigen Weltreligionen zu einer globalen Vernetzung
von Menschen unterschiedlicher Herkunft geführt, sondern auch die
Unternehmungen eines Alexander dem Großen, eines Dschingis Khan und
natürlich des Römischen Reiches. Die Vereinigung verschiedener Völker
zum Beispiel unter einer Pax Romana ist damit nichts Neues und in
wirtschaftlicher Sicht hat ein Marco Polo und andere Abenteurer wie
Columbus letztlich genau so zur Schaffung der Basis für den Handel
zwischen den Kontinenten gesorgt, wie dies die Kolonialmächte danach
getan haben. Ein römischer Bürger konnte genau so Produkte aus fernen
Ländern sein eigen nennen, wie dies im Mittelalter und auch später der
Fall war. Zudem lehrt uns die Geschichte, dass die gemeinsamen
Interessen einer Bevölkerungsgruppe letztlich zu den USA, Europa, der
ehemaligen Sowjetunion und einem vereinten China geführt und damit die
Kleinstaaten der alten Welt abgelöst haben. An der Spitze dieser
Bemühungen stehen heute solche Organisationen wie die Vereinten
Nationen, die Weltgesundheitsorganisation oder die
Welthandelsorganisation. Damit legt sich der Schluss nahe, dass
Globalisierung kein neues, sondern ein mit der menschlichen Entwicklung
verknüpftes Phänomen ist.
Das Reich eines Alexander dem Großen ist jedoch im Zuge der Geschichte
genau so untergegangen, wie das Römische Reich oder das Reich eines
Dschingis Khan. Auch ehemalige Kolonialmächte wie England, Spanien oder
Portugal haben ihre Kolonien und damit ihre einstige Größe verloren.
Mesopotamien oder Alexandria sind bei weitem nicht mehr das kulturelle
Zentrum der Welt und die Vereinten Nationen haben in der Zeit seit ihrer
Gründung kaum einen bemerkenswerten Einfluss erhalten und werden nicht
nur von den USA als überflüssige Einrichtung betrachtet. Ist damit
jegliche Globalisierung zum Scheitern verurteilt? Die Gefahr eines
solchen Scheiterns ist in der Tat sehr groß, da jede Globalisierung eben
nicht einseitig erfolgen kann, sondern eine Vielzahl an Komponenten
adressieren muss, die nur in ihrer Gesamtheit zum Erfolg führen können.
Wer Globalisierung nur mit einer globalen Erweiterung des
Wirtschaftsraums gleichsetzt, übersieht wichtige Aspekte im Bereich der
politischen, kulturellen, religiösen, aber auch militärischen und
umweltrelevanten Interessen der betroffenen Menschen. Aus der Natur der
Sache kann Globalisierung also nur ein gegenseitiger Prozess sein und
damit eine globale Integration der Interessen der Weltbevölkerung. Es
ist genau dieses sensible Gleichgewicht aus nationalem und
internationalem Interesse, welches Menschen in die Lage versetzt, auf
eigene Aspekte ihres Lebens zu verzichten und diese durch andere zu
ersetzen. Damit tritt die Frage in den Vordergrund, wer nun eigentlich
tatsächlich globalisiert und vor allem: warum.
Die maßbeblichen Betreiber der Globalisierung sind die Industrienationen
unter der Führung der USA. Im Hinblick auf eine ausgewogene Abwägung
nationaler Interessen und damit einer möglichst realitätsnahen und
gerechten Vertretung der Weltbevölkerung lohnt sich an dieser Stelle ein
Blick auf die Zusammensetzung eben dieser Weltbevölkerung. Bei einer
Gesamtbevölkerung von 6,5 Milliarden Menschen im Jahr 2006 ergibt sich
eine kontinentale Verteilung von 59,82% für Asien, 13,75% für Afrika,
13,69% für Amerika, 12,25% für Europa und 0,49% für Ozeanien, wobei die
USA und die EU zusammen nur 12,14% der Weltbevölkerung stellen. Indien
und China hingegen beheimaten zusammen immerhin ganze 37,60% aller
Menschen unseres Planeten. Die rhetorische Frage ist nun eben, ob wir
diese Zahlen in der internationalen Politik und den realen
wirtschaftlichen Kräften genau so wieder finden oder ob wir hier eher
eine Umkehr der tatsächlichen Verhältnisse haben. Wenn also eine
Minderheit den verbleibenden 80% der Menschen klar zu machen versucht,
wie die Welt von morgen auszusehen hat, dann ist selbst bei positiver
Betrachtung ein Misserfolg das wahrscheinlichste aller Ergebnisse, das
wir zu erwarten haben. Dies wird gerade auch vor dem Hintergrund
interessant, dass es den Betreibern überwiegend nicht darum geht, Asien,
Südamerika und Afrika zu integrieren, sondern neue Märkte zu eröffnen
und militärische Sicherheitsaspekte zu adressieren. Ausgesprochen
aufschlussreich ist hierbei auch die Lektüre der für das „Project for
the New American Century“ dargelegten Prinzipien, welche nicht nur von
so illustren Namen wie Jeb Bush, Dick Cheney oder auch Paul Wolfowitz
unterzeichnet wurden, sondern ganz deutlich den Führungsanspruch der USA
in militärischer und wirtschaftlicher Hinsicht aufzeigen.
Auf der anderen Seite ist kaum davon auszugehen, dass die mit einem
steigenden Sendungsbewusstsein ausgestattete USA ihre eigenen Interessen
denen der armen oder gar der internationalen Weltbevölkerung unterordnet
und sich als Gleicher unter Gleichen zeigt. Und die Anderen werden auch
weiterhin die wirtschaftlichen Möglichkeiten der sogenannten
Globalisierung nutzen, um mehr von dem Kuchen zu erhalten, der hier zu
verteilen ist. Es wäre jedoch ein Trugschluss, wenn man davon ausgehen
würde, dass sich zum Beispiel China, Russland, Indien oder die Länder
des mittleren Ostens den politischen, kulturellen, religiösen oder gar
den militärischen Ideen einer USA fügen werden. Vielmehr werden wir in
den nächsten Jahrzehnten eine verstärkte globale Polarisierung
vorfinden, die vor allem durch die neue Finanzstärke der Entwicklungs-
und Schwellenländer hervorgerufen und zu weiterer militärischer
Aufrüstung führen wird. Diese Entwicklung legt den Schluss nahe, dass
die Globalisierung eine weitere Nationalisierung zur Folge haben wird
und damit dem Grundsatz des Überlebens der Stärkeren folgt. Die armen
Länder werden ihren Marsch in die reichen Länder fortsetzen und ihre
eigene Heimat sich selbst überlassen. Diese sich heute schon
vollziehende Migrationsbewegung wird in ihrer Folge zu ernsthaften
sozialen Problemen in den Zielstaaten führen und diese letztlich
deutlich schwächen. Dieser eher negative Ansatz begründet sich schlicht
in der Überlegung, dass eine einseitige wirtschaftliche Globalisierung,
die dem alten Grundsatz „wer zahlt, schafft an“ folgt, die verbleibenden
Aspekte nicht oder nicht ausreichend berücksichtigt und damit den
Menschen in Bangladesh oder Kenia nicht gerecht wird. Wenn ein T-Shirt
in Bangladesh für 1 Dollar gefertigt und dann im fernen Los Angeles für
30 Dollar über die Ladentheke geht, dann kann der Arbeiter in Bangladesh
davon noch immer kaum leben, der Amerikaner hat seine Arbeit verloren
und nur die Händler und multinationalen Konzerne sind etwas reicher
geworden. Wer darin ein Wundermittel sieht, sollte sich den erwarteten
Segen der Globalisierung nochmals genau überlegen.
Friedrich Engels schrieb 1847 in seinen „Grundsätze des Kommunismus“,
dass die große Industrie schon dadurch, dass sie den Weltmarkt
geschaffen hat, alle Völker der Erde, und namentlich die zivilisierten,
in eine solche Verbindung miteinander gebracht hat, dass jedes einzelne
Volk davon abhängig ist, was bei einem andern geschieht. Nichts anderes
erwarten sich die Führer der Globalisierung, denn die wirtschaftliche
Abhängigkeit der Zulieferstaaten von den Märkten in den USA und Europa
führt nicht nur zu einer wirtschaftlichen Zwangslage, sondern zu einer
erzwungenen politischen Gefolgschaft in der sich ein „für uns oder gegen
uns“ nahtlos einfügt. So schreibt Peter Scholl-Latour in der
April-Ausgabe des Magazins „Cicero“: „Wer die Dinge beim Namen nennt,
setzt sich in den deutschen Medien unweigerlich dem diffamierenden
Vorwurf des Antiamerikanismus aus“. Weiter führt der Artikel aus: „Seit
George W. Bush und seine neokonservative Umgebung trotz gelegentlicher
Beschwichtigung an die europäische Adresse am Unilateralismus der
US-Politik festhalten und die wirklich relevanten Staaten sich frei nach
Nietzsche als „kälteste aller Ungeheuer“ zu erkennen geben, wirken die
Beteuerungen von Nibelungentreue, wie sie aus dem Berliner Reichstag
über den Atlantik klingen, naiv und unzeitgemäß. Wer kann es übrigens
Wladimir Putin verübeln, dass er den Aufbau neuer Lenkwaffenstellungen
an seiner Westgrenze, die mit einem von Warschau geschürten „Drang nach
Osten“ der Nato und der EU einhergeht, als Provokation empfindet und
adäquate Gegenmaßnahmen trifft. Hat bei den patentierten Kreml-Kritikern
jemand bedacht, wie wohl die amerikanische Öffentlichkeit reagieren
würde, wenn russische Ingenieure ihre Raketensysteme – unter welchem
Vorwand auch immer – in Venezuela, Nicaragua oder gar Kuba
einbetonierten?“
All diese Überlegungen führen letztlich zu dem Schluss, dass die
wirtschaftliche Form der Globalisierung weiter fortschreiten und das
Gefälle zwischen Arm und Reich vor allem auf nationalem Niveau noch
weiter verschärfen wird. Wer sich durch die verstärkte wirtschaftliche
Vernetzung jedoch eine spürbare Steigerung der nationalen Sicherheit
erwartet, wird sich vom Gegenteil überzeugen lassen müssen. In den
kommenden Jahren werden sich nicht nur die Amerikaner fragen müssen „why
do they hate us so much?“ Es scheint immer wieder unerklärlich, wie
selbstverständlich die Tatsache missachtet wird, dass Armut und
Ungerechtigkeit in jeder Form dazu geeignet sind, Gewalt zu erzeugen und
Menschen zu ermutigen, das ihnen Zustehende auch mit eben dieser Gewalt
einzufordern. Wer jährlich über 80 Milliarden Dollar für einen sinnlosen
Krieg ausgibt und angesichts der Kinder, die täglich an Hunger und
heilbaren Krankheiten sterben, endlose Diskussionen führt, wer die Welt
in Gut und Böse einteilt und sich aus nationalen Interessen den
Forderungen der internationalen Gemeinschaft nach Umweltschutz
verschließt, wer selbst bis an die Zähne aufrüstet und anderen die
nationale Verteidigung in gleicher Form verweigert, der ist für eine
globale Führungsrolle schlicht ungeeignet. Angesichts drohender
Umweltprobleme, Hunger, Krankheiten und globaler Armut ist es an der
Zeit die Eckpunkte der Globalisierung genauer oder auch einfach neu zu
definieren. Es mag die These aufgestellt werden, dass Menschen in ihrem
Leben dann nicht zu Terroristen werden oder ihr Land durch Krieg
zerstören, wenn sie in ihrer Heimat ein gesichertes Leben und die reale
Hoffnung haben, dass ihre Familie eine menschenwürdige Zukunft erwartet.
Globalisierung kann nur dann erfolgreich sein, wenn alle Aspekte in
dieses Konzept eingebunden werden und damit eine Weltgesellschaft
geschaffen wird, die nicht durch Angst und Schrecken, Armut und
Krankheit geprägt ist. Diese Globalisierung muss von Gleichheit und vor
allem von ausgleichender Gerechtigkeit geprägt sein. Damit verbietet
sich aber per se der Gedanke einer Führungsrolle, es sei denn, diese
Führungsrolle wird von allen Nationen gleichermaßen wahrgenommen. Diese
Interessengemeinschaft gibt es heute schon. Leider wird ihr kein Gewicht
beigemessen. Warum wohl?
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