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Wenn in einem deutschen Stadtpark zu nächtlicher Stunde ein Jugendlicher
mit 4,1 Promille Alkohol gefunden und in die Notaufnahme gebracht wird,
dann mag der geneigte Leser in Asien dies als Geschichte aus fernen
Ländern verstehen und sich interessiert dem Lokalteil seiner Zeitung
zuwenden. Dabei mag es diesem Leser aber dennoch kaum verborgen bleiben,
dass auch dort die Themen von Alkohol, Drogen und vor allem
Selbstmordzahlen durchdrängt sind und dies selbst dann, wenn man die
zugrunde liegenden Informationen in den meisten Fällen leider nur
zwischen den Zeilen lesen kann. Schließlich gehören Depressionen, Suizid
und jegliches andere vermeintliche Versagen unserer Mitmenschen nicht
unbedingt zu den Schlagzeilen, die man in einer dynamischen und
erfolgreichen Gesellschaft zu lesen erhofft. Der Traum vom ewigen und
vor allem gesunden Leben hat sich tief in unser Bewusstsein eingeprägt
und vielen ist der realistische Bezug zu den Höhen und Tiefen unserer
Existenz fast vollständig abhanden gekommen. Die modernen Gesellschaften
haben keinen natürlichen Platz mehr für Alte, Kranke und vor allem für
die schwachen Mitbürger. Doch auch wenn diese Gruppe ihr Schicksal meist
im Stillen erträgt, so sind die Zeichen der Zeit nicht weniger Besorgnis
erregend.
Die chinesische Erfolgsgeschichte hat auch in diesem Bereich einen neuen
Rekord geschaffen. Nach einem aktuellen Bericht der „China Daily“ ist
Selbstmord zur Todesursache Nummer eins unter chinesischen Jugendlichen
geworden. Mit für das Jahr 2006 geschätzten annähernd 300.000
Selbstmorden liegt der Suizid im Land der Mitte damit bereits auf Platz
5 der häufigsten Todesursachen. Wie immer kann die Dunkelziffer weit
höher angesiedelt werden und die Zahl derer, die bei dem Versuch sich
das Leben zu nehmen gescheitert sind, liegt dabei natürlich völlig im
Dunkeln. Nach einer Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation (WHO)
nehmen sich jährlich weit mehr als eine Million Menschen das Leben und
damit fallen mehr Menschen dem Suizid zum Opfer als durch Mord und
Kriege zusammen. In Japan nehmen sich täglich mehr als 100 Menschen das
Leben. Damit scheidet im Land der aufgehenden Sonne alle 15 Minuten ein
Japaner freiwillig aus dem Leben. Bemerkenswert ist auch, dass der
Suizid zum Beispiel in der traditionellen Kultur der australischen
Aborigines im Grunde nicht existent war und nun seit 1970 stetig
ansteigt. Dabei sterben etwa 40% mehr Aborigines durch die eigene Hand
als dies in anderen Gesellschaftsgruppen Australiens der Fall ist. Die
meisten davon sind noch nicht einmal 30 Jahre alt. Zu diesen grausigen
Statistiken gesellen sich die vielen unzähligen „kleinen“ Tode, die von
den Betroffenen ebenfalls durch eigenes Handeln, aber über längere Zeit
und damit durch systematische Selbstzerstörung erreicht werden. Hier
schließt sich dann der Kreis wieder und der im Stadtpark gestrandete
deutsche Jugendliche wird genau so sichtbar, wie der Drogensüchtige oder
die unzähligen Prostituierten in einer der vielen Metropolen Asiens.
Weitgehend ungeachtet blieb jedoch der Aufruf der WHO zum „World Suicide
Prevention Day“, der für den 10. September 2006 zusammen mit der
„International Association for Suicide Prevention“ (IASP) ausgerufen
wurde. Haben der Marlboro Mann und Ronald McDonald eine wahre Flut an
Predigern auf den Plan gerufen, die sich sicherlich ernsthaft um unsere
Gesundheit Sorgen machen, so bleiben derartige Kampagnen zur
Verhinderung einer sich epidemisch ausbreitenden Suizidgefahr nicht
einmal im Plan stecken. Gestorben wird noch immer alleine und die
helfende Hand ist nicht zu sehen. Dabei können sich die wirtschaftlichen
und gesellschaftlichen Auswirkungen des Suizids durchaus mit denen des
Rauchens oder der Fettleibigkeit messen lassen. Menschen scheiden nicht
einfach von einem Tag auf den anderen aus dem Leben und vor allem bei
Jugendlichen müssen schon ernsthafte Gründe vorliegen, um am Anfang
eines Lebens bereits den Ausgang zu suchen. Wenn eine Gesellschaft schon
nicht aus humanitären Gründen die Notwendigkeit sieht, sich dieses
Problems anzunehmen, dann sollten wenigstens wirtschaftliche Gründe die
notwendige Aufmerksamkeit für dieses Problem auf sich ziehen. Jedem
Suizid geht in der Regel eine längere Phase des Rückzugs, der Lethargie
und damit eine Passivität voraus, die für die Gesellschaft nicht nur
einen wirtschaftlichen, sondern auch kulturellen Schaden darstellt. Wenn
im Grunde hochproduktive Menschen sich über Jahre dem Arbeitsleben ganz
oder teilweise entziehen, keine Freude am Leben und damit an ihrer
Arbeit entwickeln können, dann ist nicht nur ein individuelles Leben in
Gefahr, sondern auch die eigentliche Basis einer Gesellschaft. Wo immer
sich gerade bei Jugendlichen verstärkte Hoffnungslosigkeit breit macht,
da wird auch der Nährboden für Exzesse und Subkulturen geschaffen, der
in vielen arabischen Staaten bis hin zu Selbstmordattentätern führen
kann.
Diese Hoffnungslosigkeit und die damit verbundene Flucht in Ersatzdrogen
führt auch zu der im Vormarsch befindlichen Jugendkriminalität,
Bandenbildung und zu einer Abnabelung von den Geschehnissen innerhalb
der Gesellschaft. Dabei ist dieses Problem nicht nur in Städten wie
Frankfurt, London oder Los Angeles zu finden. Auch in Asien ist ein
verstärkter Zerfall gesellschaftlicher Normen und eine Zunahme
exzessiven Verhaltens bei Jugendlichen und Heranwachsenden zu
verzeichnen. In Bangkok ist es nicht unüblich, dass Schüler einen Bus
überfallen und Kinder anderer Schulen nur deshalb erschießen oder
erstechen, weil sie einer anderen Schule oder Universität angehören.
Drogen und vor allem Alkohol spielen hier eine wichtige Rolle und führen
in Verbindung mit sexuellen Ausschweifungen bis hin zu Vergewaltigungen
zu ernsthaften Problemen. In Plastiksäcke verpackte und in den Mülleimer
geworfene Babys sind da leider keine Ausnahmeerscheinung mehr. Wer nun
daran denkt die Liste der Verbote und Gesetze zu erweitern, sieht den
Kern des Problems nicht. In der Tat sind Drogen und Alkohol für viele
der Exzesse verantwortlich und doch bleibt hier die Frage unbeantwortet,
warum sich Jugendliche so bereitwillig in eine Drogenabhängigkeit
begeben und sehenden Auges ihr Leben aufs Spiel setzen. Warum also nutzt
der Jugendliche das Angebot zum Komasaufen mit Flatrate und verbringt
seinen Abend nicht anderweitig? Warum finden sich viele Jugendliche
gerne in einer Gruppe wieder und ziehen dann randalierend durch die
nächtlichen Straßen?
Die Antwort fällt sicher nicht leicht und verlangt schon deshalb unser
besonderes Interesse. Vielerorts werden die Wirtschaftslage,
Computerspiele oder Filme für die Probleme verantwortlich gemacht und
sicherlich tragen all diese Dinge auf ihre Art zu einer Entwicklung bei,
die im schlimmsten Fall den Tod der Betroffenen zur Folge hat. Auf der
anderen Seite mag man sich ernsthaft fragen, was Kinder und Jugendliche
zum Beispiel in Bangkok so den ganzen Tag zu tun haben, womit sie sich
ablenken können und den Spaß finden, der Kindern in jedem Falle zusteht.
In einer typisch thailändischen Familie sind in der Regel beide Eltern
berufstätig und die Erziehung der Kinder wird in vielen Fällen auf die
Großmutter oder eine Tante übertragen. Nach der Schule sind die
Einkaufszentren der Stadt geradezu überfüllt mit Schülern und Studenten,
die man aufgrund ihrer Schuluniformen ja ganz leicht erkennen kann.
Zuhause wartet im Grunde nichts, die Eltern kommen spät und müde nach
hause und so müssen Jugendliche eigene Wege finden, ihre Tage mit
Aktivitäten zu füllen. Wer jedoch nach Sportvereinen, Jugendhäusern,
Museen, Kunstgalerien, Theatern oder anderen geeigneten öffentlichen
Plätzen sucht, wird hier in Bangkok kaum fündig werden. Das Angebot an
freien Einrichtungen ist ausgesprochen dünn gesät und alles andere
kostet in jedem Falle zu viel Geld. So bilden sich Gruppen, die ihr
zuhause in einem der vielen Malls finden, man zieht durch die Stadt und
letztlich findet man sich irgendwo in einer Diskothek oder Straßenkneipe
wieder. Der Kontakt zur Familie ist damit gebrochen und viele
Schulpsychologen beklagen den zunehmenden Verlust der Bindung an die
Familie und die damit einhergehende soziale Verwahrlosung der
Jugendlichen.
Das Neue überkommt das Alte, doch steht dieses auf tönernen Füßen, wenn
es nicht auf erprobten und geeigneten Fundamenten basiert. Eine auf
Leistung und Konsum getrimmte Gesellschaft wird ihrer Jugend keine
ausreichende Perspektive für ein sinnvolles und erfülltes Leben geben
können, wenn nicht gleichzeitig auch Ansätze für die elementaren Fragen
der menschlichen Existenz nach dem Warum gegeben werden. Hier ist das
Geistige gefragt und genau dies kommt in vielen Bereichen moderner
Gesellschaften zu kurz. Literatur, Kunst, Musik sind genauso wie
Philosophie, Moral und Ethik keine Domäne der Reichen, sondern ein Gut
der jeweiligen Kultur, das jedem Individuum jeden Alters gleichermaßen
zugänglich sein muss. Wer Komasaufen, Dogenmissbrauch, Langeweile und
Kriminalität vermeiden will, der muss Angebote machen, Interesse wecken
und verstehen, dass viele Menschen allein im Kampf ums Überleben keinen
ausreichenden Sinn sehen. Eine Gesellschaft, die ihre Kinder in
Tagesstätten verfrachtet, Menschen über 50 aufs Abstellgleis setzt und
die Alten in Heimen versteckt, kümmert sich nur mehr um eine kleine
Gruppe von kaufkräftigen Individuen, solange diese noch produktiv sind.
Es ist eine Herausforderung für die Gesellschaften Asiens und der Welt,
sich diesem Problem zu stellen und Gesellschaften zu schaffen, die nicht
nur durch Geld und finanzielle Werte geprägt sind, sondern durch Kultur,
Religion und eine Freude am Gegenseitigen. Eine soziale Gemeinschaft
muss gefühlt und erlebt werden, damit die Menschen zu ihren eigentlichen
und besonderen Fähigkeiten zurückfinden – Gestalten, Schaffen,
Kreativität und Erleben. Gefordert sind hier nicht nur Regierungen,
sondern auch Firmen, die durch ihre Präsenz mehr bieten können als nur
neue Produkte. Man mag sich auch fragen, warum wir Computer benötigen um
die reale Welt zu simulieren, wenn wir diese auch gemeinsam und direkt
erleben können. Wenn sich Jugendliche in Shanghai oder Tokyo im Stillen
verabschieden, wenn deutsche Teenager im Komasaufen ihr Heil suchen,
wenn Straßengangs, Drogen und Prostitution mehr bedeuten als ein eigenes
Leben, dann haben unsere Systeme trotz ihrer wirtschaftlichen Erfolge
nachhaltig versagt. Dies erfordert auch nicht nur Geld, sondern in
erster Linie Verständnis und vor allem viel Zeit. Jedes Jahr
verschwindet eine Million Menschen lautlos in der Dunkelheit der
Verzweiflung und einem selbst gewählten Tod. Ein Vielfaches mehr
zerstört sich mit Drogen und Exzessen über die Zeit. Darunter könnte ein
Einstein, ein Beethoven oder ein guter Freund gewesen sein. Vielleicht
ist es jetzt an der Zeit, dieses Thema zum Thema zu machen.
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