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In den letzten Tagen haben sich die Grenzen mehr als sonst verschoben
und, wie so vieles, das sich über die letzten Jahre auf so seltsame
Weise ereignete, waren es auch diesmal nur unscheinbare Veränderungen,
die für sich zunächst keine besondere Aufmerksamkeit forderten und sich
somit harmonisch in ein Bild einfügten, das langsam in mir zu wachsen
begann.
Zu Anfang folgte ich den in sich verschlungenen Wegen des Knotens noch
mit abwesendem Interesse und empfand dabei eine tiefe Verbundenheit mit
dieser vergessenen Zeit, die sich über die Jahrhunderte wohl im Nichts
unserer Vorstellungskraft verloren hatte. Die Anordnung des Knotens war
perfekt, eigentlich zu perfekt und ich vermutete, dass sich in diesen
endlos dahinziehenden Strömen eine durchlässige Stelle befinden musste,
ein Tor vielleicht, durch das es möglich wäre in den Raum hinter dem
Knoten zu gelangen. Doch die Struktur des Knotens war so in sich
geschlossen, so unnachgiebig und geradezu hartnäckig in ihrem Wesen,
dass ich schon bald auf eine endlos anmutende Reise durch all die Höhen
und Tiefen, die Schlingen und Biegungen, geschickt wurde, die mich mit
jedem erneuten Beginn weiter in das mystische Labyrinth des Knotens zog.
Schon bald wurden die einzelnen Fasern sichtbar, die kleinen Adern, die
sich im Fluss des Knotens eng umeinander wanden und so für sich wiederum
hunderte von neuen Knoten bildeten.
Nur zögerlich suchten meine zitternden Finger jetzt den Knoten und schon
bei der ersten leichten Berührung bemerkte ich eine seltsame Angst in
mir aufsteigen. Es war nicht die übliche, quälende und lähmende Angst,
die sich da in mir auftat, sondern mehr eine Angst vor dem Ungewissen,
dem was sich gleich vor mir auftun und mich für immer mit sich ziehen
konnte. Je länger ich den Knoten befühlte, streichelte und betastete,
umso mehr konnte ich sehen, wie sich das Tor in diese Welt öffnete,
diese keltische Welt der Zauberer und Feen, die sich dort hinter dem
Knoten zu verbergen schien. Ganz langsam folgte ich mit meinen Fingern
den Wegen des Knotens und fand mich bald in einem dichten Nebel wieder,
der nur schwer die Umrisse einer Landschaft erkennen lies, die mir
ungewohnt vertraut erschien. Meine Finger verhafteten noch immer auf dem
Knoten, der sich nun langsam in sich auflöste und die Form meiner Finger
annahm, die sich vorsichtig an den Nebel herantasteten, der sich wie
eine weiße Wand vor mich stellte. Unter mir spürte ich nun eine
Bewegung, ein leichtes Schaukeln und ich konnte mit einiger Anstrengung
auch das beruhigende Geräusch der Wellen hören, die gegen mich schlugen
und sich langsam wieder entfernten. Vorsichtig ließ ich jetzt meine Arme
aus dem Nebel nach unten gleiten und spürte die Wärme eines
Gegenstandes, konnte unter mir etwas Festes, etwas tatsächlich
Vorhandenes spüren.
Ich saß in einem Boot. Der Geruch des nassen Holzes war deutlich zu
riechen und vermischte sich mit der Kälte des undurchdringlichen Nebels,
der über allem hing. Das Wasser um mich herum war still und die Wellen,
die am Rande des Bootes entlangzogen, spiegelten nur leicht die Umrisse
des Lichts wieder, das sich allmählich durch den Nebel drängte. Die
gleichmäßig dunkle Oberfläche des Wasser deutete an, dass ich mich
irgendwo auf einem See befand. Neben mir sah ich nun auch die Ruder, die
nur lose in den Riemen hingen und von den Wellen in gleichmäßigem
Rhythmus bewegt wurden. Wie tote Arme durchschnitten die Ruder das
schwarze Wasser und forderten mich mit stillen Worten dazu auf, das
Geschehen nun doch selbst in die Hand zu nehmen. So sehr mir dieser
Gedanke auch kurz verständlich wurde, so sehr war ich mit mir selbst
beschäftigt, mit dem Nebel und dem Knoten, dessen Fasern sich in dem
Bild aufgelöst hatten, das nun so mächtig vor mir stand. Die tiefe
Stille, die diesen seltsamen Ort umgab, war so bedrückend und
beruhigend, dass meine Gedanken sich tief in mir versteckten und ich nur
noch an mich selbst denken konnte. So musste ich wohl für mehrere
Stunden auf dem See getrieben sein ohne mich zu bewegen und ohne ein
Ziel anzusteuern.
Nun, da ich meine Gedanken wieder auf das Geschehen um mich herum
lenkte, also wieder auf dem See war und versuchte, irgendetwas in dem
dichten Nebel zu erkennen, einen Umriss oder eine Gestalt, fiel mir auf,
dass sich ein Teil der Landschaft vom Nebel befreite, sichtbar wurde und
sich durch seine noch immer dunklen Formen zu erkennen gab. Da waren
Berge und dichter Wald, Flüsse und Anhöhen zu sehen und ich vermutete,
dass sich ein tiefes Grün über alles legen würde, sobald die Sonne den
Weg durch diesen seltsamen Nebel fand. Mehr jedoch fand ein dunkler
Punkt meine Aufmerksamkeit, der bei genauerem Hinsehen immer größer
wurde und auf mich zukam. Schon bald konnte ich die Umrisse genauer
sehen und erkannte, dass es ein Tor war, eine Türe, die jedoch ohne
jedes Mauerwerk in der Luft schwebte. Die beiden Seitenflügel waren fest
verschlossen und die roten Holzplanken spiegelten sich nun in den Wellen
vor dem Boot. Das Tor kam unaufhaltsam näher und obwohl ich alles um das
Tor herum absuchte, konnte ich keine Mauer oder irgendein Gebäude
finden, zu dem das Tor gehören konnte. Die langsame Bewegung des Tors
wurde durch ein unklares und dunkles Geräusch begleitet, das wie ein
tiefes Brummen klang und sich fast wie die Stimme eines alten Mannes
anhörte, der sich selbst von etwas zu überzeugen versuchte. Das Tor
stand nun genau vor mir und schwebte bewegungslos über dem Wasser.
Nichts war mehr zu hören, auch nicht die Stimme des alten Mannes.
Das Tor selbst war nicht besonders beeindruckend und zeigte sich eher
schlicht in seiner Form, die am oberen Ende wie ein Bogen zusammenlief.
Vielleicht war es gerade die Schlichtheit und das Fehlen der sonst
üblichen Verziehrungen, die ihm dennoch eine besondere Ausstrahlung
gaben oder vielleicht war es auch nur die intensiv rote Farbe seines
Holzes und die eher mächtigen Beschläge, die das Tor in seinen Angeln
hielten. Ich wurde beim Anblick des Tores zunehmend andächtig, bewegte
mich kaum und streifte mit meinem Blick über jedes Detail, das ich
finden konnte. Da war zunächst die Maserung des Holzes, die durch die
stark aufgetragene rote Farbe nur noch schwer zu erkennen war. Bei
genauerem Hinsehen konnte ich jedoch erkennen, dass sich die einzelnen
Fasern des Holzes nicht wie sonst in eine Richtung zogen, sondern sich
wie zuvor bei dem Knoten in sich wanden und eine endlose Linie bildeten,
die sich über die gesamte Fläche des Holzes zog. Auch fiel mir auf, dass
es kein Schloss gab, kein Schlüsselloch und auch sonst keinen Riegel,
der mich daran gehindert hätte, die beiden Flügel ganz einfach
aufzudrücken. Danach war mir in diesem Moment aber ohnehin nicht zumute,
da mich das Tor allein schon durch seine bloße Existenz lähmte und dabei
so beeindruckte, dass mir jede unüberlegte Handlung in diesem Moment als
dumm und verwegen vorkam. Zudem gab es da an jedem Flügel ein Zeichen,
das dort in Form eines Kreises etwa in der Mitte angebracht war. Diese
Kreise waren eher wie Halbkugeln, die man als Beschlag dort befestigt
hatte und in denen sich nun das aufkommende Licht des Tages spiegelte.
Auf der linken Seite konnte ich ganz deutlich ein Pentagramm sehen, das
sich vom äußeren Rand über zwei Kreise über die gesamte Fläche der
Halbkugel erstreckte. Die Spitzen des Pentagramms waren jeweils mit
einem metallenen Dreieck überzogen, das auf der ansonsten weißlichen
Oberfläche des Pentagramms angebracht war. Hinter dem Pentagramm waren
zwei Kreise zu sehen, die in sich außerordentlich schöne Verziehrungen
trugen und in allen möglichen blauen, grünen und silbernen
Schattierungen glänzten. War hier Magie im Spiel oder was sollte dieses
Zeichen, das über die Jahrhunderte so oft im Zusammenhang mit Hexen und
schwarzen Künsten verwendet wurde, bedeuten? Doch der leidige Drudenfuß
konnte sich hier nicht zu erkennen geben, da nur eine Spitze des
Pentagramms nach oben zeigte. Doch waren Feuer, Wasser, Erde, Luft und
Äther hier gemeint, die tragenden Elemente also, die auch in der
Alchemie und der Hexerei ihre Verwendung gefunden hatten. Da ich keine
sinnvolle Antwort auf die Frage fand, welchen Zweck dieses Zeichen auf
einer roten Türe, die zudem noch freischwebend über dem See hing, haben
sollte, wandte ich mich dem anderen Zeichen auf der rechten Seite zu.
Dieses Zeichen bestand aus zwei äußeren Ringen und einem Kreis, auf dem
drei mit sich verbundene Spiralen dargestellt waren, die wiederum durch
ein dichtes und kompliziertes Geflecht umgeben waren, das dem Knoten
sehr ähnlich sah, der mich zuvor erst in diese Situation brachte. Die
äußeren Kreise waren wiederum von sechs Dreiecken durchbrochen, deren
Spitzen allesamt ins Zentrum des inneren Kreises zeigten. Wie zuvor
glänzten auch die äußeren Ringe wieder in blauen, grünen und silbernen
Tönen, wobei die Spiralen des inneren Kreises in einem erdigen Braunton
gehalten waren. Diese drei Spiralen standen für die eigentlich
weiblichen Kräfte von der Jungfrau über die Mutter bis zur alten Frau.
Mehr wollte mir jedoch weder dieses noch das andere Zeichen sagen.
Ich haderte mehr als einmal mit mir, streckte meine Hand nach dem Tor
aus und zog sie schnell wieder zurück. Sollte ich das Tor öffnen? Sicher
war es ein Risiko, ein Wagnis, denn ich hatte nicht einmal eine Ahnung,
was sich hinter diesem roten Tor verbarg, was sich vor mir auftun würde,
sobald ich die Türe geöffnet hatte und vor allem bereitete es mir
ausgesprochen Sorge, dass ich nicht wusste, ob ich das Tor wieder
verschließen konnte, wenn ich es einmal geöffnet hatte. Andererseits war
ich nun in diesem Boot, das sich still vor dem schwebenden Tor auf dem
See befand. Die Uhren waren stehen geblieben, nichts bewegte sich mehr
und die letzten Sekunden schienen in sich selbst zu fließen. Meine Zeit
war um, ich hatte es vollbracht und wartete nur noch auf den Moment, an
dem sich die Zeit selbst vollenden würde.
Ich musste dieses Tor aufstoßen oder hier für immer in diesem hölzernen
Kahn sitzen, regungslos und tot auf einem See herumtreiben ohne jemals
wieder das Leben in mir zu spüren. Wenn es schon das Ende sein sollte,
dann konnte auch dieses Tor nichts mehr daran ändern und im Grunde
konnte ja nur etwas Gutes dabei herauskommen, denn für immer auf dem See
herumzutreiben, erschien mir kaum erstrebenswerter als die Hölle zu
durchwandern. Langsam streckte ich nun erneut meinen Arm aus, um das Tor
zu öffnen, als mich die Stimme des alten Mannes erneut erreichte und
mich trotz ihres ruhigen Tons in tiefe Unruhe versetzte.
„Du solltest es dir gut überlegen, ob du diesen nächsten Schritt
tatsächlich unternehmen willst, um in eine Welt einzutreten, die nicht
die deine ist. Dabei ist der nächste Schritt, um durch diese
unscheinbare Türe zu treten, der kleinste Aufwand den du zu betreiben
hast und es mag dir gerade jetzt so erscheinen, dass es sich ja nur um
einen Schritt von vielen handelt, ein Schritt also, wie du ihn in deinem
bisherigen Leben schon so oft getan hast. Und dennoch sei dir ans Herz
gelegt, dass du dir diesen Schritt, so klein er auch erscheinen mag, gut
überlegst und dir vor allem die möglichen Folgen vor Augen hältst. Diese
sind nämlich durchaus in der Lage, dir die Ruhe deiner Seele für immer
zu nehmen, dich in den Abgrund des Zweifels und der Dunkelheit zu
stürzen, ein Abgrund, der schon so vielen das Leben gekostet hat. Dies
ist nicht deine Welt in die du jetzt eintreten wirst, noch ist es eine
Welt, in der du dich selbst in der vertrauten Form wiederfinden wirst.
Mit diesem kleinen Schritt trittst du in meine Welt und damit in dich
selbst ein.“
Ich verharrte mit dem Blick auf dem Tor und wunderte mich woher diese
ruhige Stimme herkam. Ich konnte den alten Mann oder wer immer er auch
war, nicht sehen, noch konnte ich aus der Stimme erkennen, aus welcher
Richtung diese kam und ob es sich wirklich um einen alten Mann oder eine
alte Frau handelte. So sehr ich mich auch bemühte, so wenig konnte ich
mit den Worten des alten Mannes anfangen und mein Gesicht musste diese
Unwissenheit wohl hinreichend widergespiegelt haben.
„Du zögerst also. Ich gestehe natürlich gerne zu, dass diese Worte nicht
gerade ermutigend und auch nicht besonders einladend wirken und
wahrscheinlich empfindest du sie auch nicht so, da meine Worte, wie gut
sie auch gemeint sein mögen, dich doch letztlich davon abhalten könnten,
dich auf dieses Abenteuer einzulassen, dessen Ausgang sich zudem mehr
als ungewiss, wenn nicht sogar unvorhersehbar, herausstellen könnte.
Doch gebe ich dir auch zu bedenken, dass alles, was du sehen und
erfahren wirst, für dich nur dann von Bedeutung sein kann, wenn die
Natur der Erscheinung als solche erhalten bleibt und sich das Wesen der
Dinge nicht mit dem Wunsch vermischt, sich nicht selbst befremdet und
letztlich gar dazu benutzt wird, eine Realität ins Leben zu rufen, die
einem anderen Zwecke dient als dem, dir selbst genug zu sein. Die
Wahrheit, die du suchst, kommt zu dir und wird nicht geschaffen, denn
sie ist und bedarf daher nicht deiner Meinung. Wir alle sehen nur im
Dunkeln, denn die Nacht erzeugt das Licht, wir hören nur in der Stille,
denn die Ruhe erzeugt das Wort und wir fühlen, doch wir berühren dabei
nichts. So frag mich nun auch nicht nach Namen und Begriffen, denn die
Existenz geht in sich selbst auf und bedarf deiner Deutung nicht.“
Ich wagte nicht mich zu bewegen oder gar nach Erklärungen zu fragen,
obwohl mir in diesem Moment sicherlich hunderte von Fragen in den Sinn
gekommen wären. Jegliche unüberlegte Reaktion erschien mir deshalb nicht
nur unpassend, sondern in besonderem Maße gefährlich, denn, obwohl ich
die Stimme des alten Mannes hörte, konnte ich sie noch immer keinem
Gesicht oder einer Gestalt zuordnen, ich wusste nicht, wer genau da zu
mir sprach und wie ich dieser Stimme vertrauen sollte, wenn ich ihre
eigentliche Existenz, ihren Ursprung nicht sehen oder doch zumindest
spüren konnte.
„Ich verstehe deine Zweifel, denn nichts ist dem Menschen so suspekt wie
seine eigene Existenz. Jede Antwort ist jedoch mit der ihr zugrunde
liegenden Frage unwiderruflich verbunden, kann nicht ohne diese bestehen
und wird völlig inhaltslos, sobald die Frage ihr Wesen und ihr Ziel
verändert. So sollte die Frage das eigentliche Ziel der Suche sein, mehr
noch als der Wunsch nach der Antwort, denn der Wunsch lässt jede Suche
zu einem Wettspiel werden, dessen Antworten die Anstrengungen nicht zu
rechtfertigen vermögen. Und doch sucht der Mensch nur nach Dingen, die
er kennt, die ihm logisch und vertraut erscheinen, nach Dingen also, die
er letztlich für möglich hält und doch dabei vergisst, dass seine
Überzeugung, so ernsthaft sie auch sein möge, im Hinblick auf die wahre
Existenz sogar hinderlich ist, denn das Existente bedarf zu seiner
Existenz auch unseres Glaubens nicht.“
Die Worte des alten Mannes verstummten und wurden lautlos von den Wellen
an das ferne Ufer getragen. Nichts, absolut nichts war nun noch zu hören
und die Wärme des Augenblicks verwandelte sich in tiefe Andacht,
bewegungslos und stumm. Meine Gedanken suchten ihren Weg durch diese
Kathedrale des Schweigens, irrten durch dunkle Gänge und Räume und
fanden darin keinen Halt, keinen Zuspruch in ihrer Verzweiflung. Sie
hatten nun endgültig ihre Bedeutung verloren. So wandte ich auch meinen
Blick von der Türe ab, denn auch sie war nun nicht mehr wichtig. Es gab
keine Zeit mehr, es hatte sie nie gegeben.
Ganz langsam lehnte ich mich zur Seite, stützte meinen Arm am Rande des
Bootes ab und sah in die Tiefe des Wassers. Ich hatte aufgehört zu sein,
war ein Teil der Veränderung geworden, war selbst Wasser und Luft. Mein
Blick zog über das gleißende Licht, das sich auf dem See spiegelte,
tauchte in die Wellen und verschwand schließlich in den Tiefen des
Wassers. Ich hatte mich befreit, mich losgelöst und den Fischen
geschenkt, die nun über mir ihre Kreise zogen. Dort am Grunde des Sees
sah ich ein altes Stück Holz und ich verstand sofort, dass es viel zu
lange schon in den engen Kanälen der Städte getrieben war, bevor es
seine Ruhe hier im See gefunden hatte. Für viele Jahre war das Holz
gefangen gewesen und begnügte sich mit den gelegentlichen Wellen, die
durch die Kanäle zogen. Draußen im Fluss wäre es sicherlich weiter
getrieben worden, hätte ein Ufer wie dieses hier gefunden oder wäre an
andere Plätze gespült worden. Das Holz erzählte von seinen Träumen und
erinnerte sich an die Zeit, als es noch ein Baum war, wilde Triebe gebar
und seine Blätter nach der Sonne ausstreckte. Diese Zeiten waren schon
lange vorbei und seine Gedanken glichen sich bald den gleichmäßigen
Bewegungen der Wellen an. Allein die in ihm schlafende Seele spendete
dem Holz noch die nötige Kraft, doch auch dieser Teil schien langsam zu
verstummen. Das Holz erkannte, dass es im Sterben lag.
Ich ließ das Holz am Grunde des Sees zurück und machte mich auf meinen
Rückweg. Ich hatte plötzlich eine tiefe Sehnsucht nach mir, ein
Verlangen nach all den Fehlbarkeiten und Sorgen, nach meinen Gedanken
und vor allem nach meinen Sehnsüchten. Nun fiel hier der erste Schnee
über die Palmen und Pinien. Ich war am Grunde des Sees, geborgen in der
Dunkelheit der Tiefe und sah dem Licht und der Welt entgegen, die sich
von der anderen Seite in den Wellen spiegelte. Der dichte Nebel überzog
noch immer die grünen Hügel und Schlösser am Rande des Sees und nur die
Elefanten schienen von all dem nichts bemerkt zu haben. Ich sah mich um
und konnte den Schatten des Bootes nicht mehr sehen. Aufgeregt drehte
ich mich nach allen Seiten um, doch nichts war an der Oberfläche mehr zu
sehen. Statt dessen bemerkte ich Schatten, die sich wie Schlangen aus
der Tiefe nach oben bewegten. Es waren die Umrisse menschlicher Körper,
die da ihren Weg nach oben suchten. So viele Körper waren nun um mich
herum, dass ich aufgeregt und neugierig wurde, wohin diese Körper zogen,
ob sie sich an der Oberfläche trafen und ich auf diese Weise mehr über
diese mir noch immer unheimliche Welt erfahren könnte. Ich musste ihnen
folgen und so stieß ich mich leicht vom Boden ab und glitt langsam nach
oben. Nach einiger Zeit bemerkte ich jedoch, dass das Licht nicht
heller, sondern zunehmend dunkler wurde und je mehr ich mich an die
Oberfläche heranarbeitete, umso dunkler wurde es um mich herum.
Schließlich war kein Licht mehr zu sehen und ich war mit mir allein,
einsam, verlassen und doch in diesem Nichts geborgen und zuhause.
Ich sitze nun fast bewegungslos und vergessen in meinem Stuhl vor dem
geschlossenen Fenster meines Zimmers, welches inzwischen zum Mittelpunkt
meines Lebens geworden ist. Ich liebe Fenster, denn sie erlauben mir,
die Welt in aller Ruhe und auf meine Weise zu beobachten und zu
studieren. Ich bin hier sicher und muss mich nicht sorgen, denn Fenster
geben mir die Möglichkeit von einer sicheren Position aus Anteil zu
nehmen und zu betrachten ohne selbst ein Teil des Ganzen zu werden. Dies
macht mein Fenster so attraktiv und schon lange habe ich mich an die
ausgewaschenen Holzrahmen und den grauen Schleier gewöhnt, der die
billigen Scheiben mit so viel Staub überzieht. Die heiße tropische Sonne
und der alljährliche Monsun haben ihre Spuren auf dem weichen Holz
hinterlassen, sie haben tiefe Fugen und scharfe Risse in das Holz
gefressen und die Fensterrahmen derart verzogen, dass der gelegentlich
sehr heftige Wind das Regenwasser ganz ungestört in mein Zimmer zu
treiben scheint. Nichts kann die stille Gewalt der Natur aufhalten. Wir
sind ihr ausgeliefert, aber die Natur ist ehrlich, sie lügt nicht und
macht sich nicht einmal die Mühe uns zu täuschen. Die Natur spricht mit
eindeutigen Worten zu uns und verlangt nur, dass wir zuhören und
versuchen zu verstehen. Wie unglaublich schwer dies doch für uns im
Laufe der Zeit geworden ist. Die Einfachheit ist uns zum Feind geworden,
hat sich endgültig aus unseren Gedanken geschlichen und ist dem Wahn zum
Opfer gefallen. Die Antworten sind längst gefunden, doch die Fragen sind
nicht verstummt. Wir werden auch weiterhin fragen und fragen, nur um
unsere tiefe Isolation, Hilflosigkeit und Einsamkeit erträglich zu
machen. Doch der nächste Morgen ist oft weiter entfernt als gedacht.
Dies sind die schlimmsten Stunden, denn die Dämonen der Nacht zerstören
woran wir letztlich glauben, nehmen den Schleier von der Überzeugung und
führen uns zurück auf den Weg, der uns schon immer zugewiesen war. Ich
habe diesen Weg in meinen dunklen Stunden oft gesehen und auch ich war
nicht in der Lage, die Antwort auf meine Fragen zu akzeptieren, mich mit
der Unwesentlichkeit meiner Existenz abzufinden. In diesen Stunden finde
ich mich immer wieder vor dem Fenster, trage meine Zweifel in die Ferne
und sehe zu, wie sich das Bild der Häuser, Straßen und Palmen auflöst,
verschwindet und dann allmählich durch Bilder ersetzt wird, die eine
andere Welt zeigen, eine Welt, die für mich gemacht wurde, die mich
aufnimmt und mich erfüllt, mir Sinn und Wichtigkeit gibt ohne mir meine
Freiheit zu nehmen. Ich lebe in dieser anderen Welt, die für mich so
real geworden ist, dass ich sie mit der Welt nicht eintauschen wollte,
die sich vor meinem Fenster zeigt. Auch wenn mich die Dinge vor dem
Fenster gelegentlich sehr interessieren, so kann ich mich doch an keine
Zeit erinnern, zu der ich meine Welt hätte aufgeben wollen, um mich zu
verbinden oder gar ein Teil zu werden. Meine Seite des Fensters bin ich
und nur hier finden sich all die Abenteuer, die ich jeden Tag durchlebe
und die mich unsterblich, ja vielleicht sogar wesentlich machen. Ich
habe auch keine Geschichten zu erzählen, ich bin nicht Geschichte
geworden, aber ich habe meine Träume in denen ich ewig leben werde, denn
die Antwort liegt nicht vor dem Fenster.
Das Dienstmädchen scheint sich keine Gedanken zu machen. Jedenfalls kann
ich dies von meiner Seite aus nicht erkennen und auch ihr Verhalten
lässt nicht darauf schließen, dass sie sich mit etwas anderem
beschäftigt als mit ihrer Arbeit, ihrem gewohnten Tagesablauf, der sie
doch von früh morgens bis in die späte Nacht vereinnahmt. Welchen Sinn
sollte es auch haben, anderen Leuten die Wäsche zu waschen, zu putzen,
wo man selbst nicht leben darf und immer von den Anweisungen der
großzügigen Hausherren abhängig zu sein. Welche Träume und Hoffnungen
muss dieses Mädchen haben, um die Trägheit ihrer einfachen Existenz zu
vergessen, die Ziellosigkeit zu überwinden und die Kraft zu haben, jeden
Tag wieder aufs Neue zu leben. Die Hoffnungen müssen klein und
unwesentlich sein, sie müssen sich nahtlos und harmonisch an die
Gesellschaft anpassen, die ihr einen festen Platz zugeordnet hat, einen
Platz, den sie auch bei harter Arbeit kaum jemals verlassen wird. Ist
sie damit zufrieden? Hat sie sich jemals gefragt, was bei all dem für
sie vorgesehen ist? Da kämpft sie tagein und tagaus mit den kleinen
Sorgen und Nöten und hofft, dass sich das Göttliche irgendwann auf ihre
Seite schlägt, sie mit aller Kraft unterstützt und die Schmerzen ihres
Daseins lindert. Vergebens, wie es scheint, denn das Göttliche hat sich
noch nie um uns gekümmert. Wir sind uns selbst überlassen und daran kann
auch die Existenz des Göttlichen nichts ändern.
Das Dienstmädchen ist noch immer mit der Schmutzwäsche ihrer Herrschaft
beschäftigt, läuft von einem Eingang in den anderen und zu meinem
Erstaunen trägt sie bei alledem ein inniges Lächeln auf den Lippen,
strahlt Zuversicht und eine mir unbekannte Einfachheit aus, die mich mit
Interesse trifft, mich zu sich zieht und gleichzeitig mit Traurigkeit
erfüllt. Sie kann mich nicht sehen, da ich mich wie immer geschickt
hinter dem Vorhang versteckt halte. Ich bin darauf bedacht, dass man
mich nicht sieht, nicht bemerkt, dass ich bemerke. Nur so lassen sich
die Dinge in ihrer ursprünglichen Art sehen, denn schon die bloße
Anwesenheit eines Beobachters verändert alles was die Menschen tun,
beeinflusst ihr Denken und zeigt nur noch ein Bild, das mit den
eigentlichen Vorgängen nichts mehr zu tun hat. Es ist ein Spiel, das
sich jeden Tag entfaltet und oft kann ich auch mit größten Bemühungen
nicht unterscheiden, welche Gefühle, Sympathien und Zuneigungen mir
gelten und welche nur gespielt werden, nur dem Zwecke dienen, im
Mittelpunkt zu stehen, sich zu vergrößern, um das eigene Ich zu
vertuschen. Wie verwundbar wir doch sind, wie groß doch die Abhängigkeit
von Dingen geworden ist, die nicht von uns und nicht für uns geschaffen
wurden. Wir streben nach Dingen, die uns nicht dienen, Dingen, die uns
in ein System ziehen, das uns so dringend benötigt und doch nicht
gewillt ist, uns auch nur den Hauch von Respekt zu gewähren. Vor Tagen
hat mich dieses Dienstmädchen auf der Straße direkt vor meinem Haus
angelacht und ein Gefühl in mir hervorgebracht, dessen ich mich nur vage
erinnerte und dem ich noch heute nachhänge. Es mag vielleicht an ihren
Haaren gelegen haben, die an diesem Tage nicht wie gewöhnlich zu einem
Zopf gebunden waren. Sie trug ihr Haar offen und konnte so ihre Anmut
und Schönheit ganz zur Geltung bringen. Ich hatte sie zuvor nie als
schön empfunden und war nun doch sehr erstaunt, wie sehr sich das Bild
geändert hatte. Vielleicht war es auch eine Täuschung. Sicher bin ich
mir jedoch nicht, obwohl sie eigentlich keinen Grund haben sollte,
gerade mir etwas vorzuspielen. Das Lächeln hat mich überrascht, da es in
diesem Lande nicht üblich ist, die bestehenden Grenzen einfach zu
missachten, zu lächeln, um sich zu öffnen und nicht, um sich zu
unterwerfen, Mitleid und Nachsicht zu erbitten. Was immer es auch war,
was dieses Mädchen zu diesem Lächeln getrieben haben könnte, es hat mir
spürbar gut getan, mich erwärmt und mir wider Erwarten ein warmes Gefühl
der Hoffnung gegeben.
Es ist nicht leicht, die Menschen dieses Landes zu verstehen und selbst
heute kann ich noch immer nicht unterscheiden, wann sie leiden und wann
sie glücklich sind. Das Lachen hat hier Tradition und für uns Fremde ist
es oft nicht mehr wert als eine Erscheinung, ein Kleid, welches das
eigentlich Menschliche hinter dieser Fassade zu verstecken versucht,
Eindrücke schafft, die nicht vorhanden sind und eine brüchige Harmonie
aufbaut, die vor Angriffen schützen soll. Der Rückzug auf das Lächeln,
die bewusste Erniedrigung und das Bitten um Nachsicht, wurde mir anfangs
nur als Schwäche bewusst. Eine Schwäche, die ich all die Jahre zu
vermeiden suchte und die mir so verabscheuenswürdig erschien, dass ich
später damit begann, diese Menschen selbst zu verachten. Und dann waren
da die Tage und oft sogar nur Augenblicke, in denen ich ernsthafte
Zweifel an dieser Einstellung entwickelte, mitunter sogar Bewunderung
und dann Neid, da ich über solche Fähigkeiten nicht verfüge und wohl nie
verfügen werde. Immer wieder versuche ich zu verstehen, warum sich diese
Menschen selbst erniedrigen, sich ihrem Platz und ihrer Stellung in der
Gesellschaft bewusst ergeben und in eine Hülle einspinnen, die ihnen
Immunität verspricht, einen Pakt vorschlägt und mitunter wohl für den
ersehnten inneren Frieden sorgt, den wir alle so sehr benötigen.
Vielleicht ist es auch gerade das Gefühl der Unterordnung, die Aufgabe
des eigenen Selbstwertes oder auch die Unantastbarkeit der eigenen
Kapitulation, die mich so nachdenklich stimmen. Ich habe Selbstaufgabe
und Unterordnung immer als Feinde verstanden, die das in uns zerstören,
was uns am heiligsten sein sollte. Für mich war es immer wichtig, die
gesellschaftlichen Hürden zu überwinden, mir und anderen zu beweisen,
dass ich es schaffen kann. Aber hier scheint alles anders zu sein.
Vielleicht liegt es an der tropischen Hitze, dass die Kräfte schneller
schwinden und die Tage sich nur mühsam durch die Zeit drängen.
Vielleicht ist es auch die permanente Einsamkeit, die mich in diesem
Lande umgibt. Ja, wenn die Gründe ihren eigentlichen Sinn verlieren und
die aufkommende Dunkelheit die Erinnerungen verschlingt, wenn die Kraft
nicht mehr zur Verfügung steht, um mit den Vorgängen eines absolut
normalen Tages fertig zu werden, wenn die Tränen sich in die Augen
drängen und der einzige Ausweg sind, um die Last von der eigenen Seele
zu nehmen, dann nämlich, wenn wir den eigentlichen menschlichen Geist
erreichen, die Realität der Verzweiflung und der Wahrheit, dann zeigt
sich die Schwäche, die immer in uns ist und uns so göttlich macht. Man
hat die Schwäche aus unserem Leben verbannt und uns das einzige Gefühl
genommen, das uns erkennen lässt, wer wir sind, immer gewesen sind und
immer sein werden. Nein, Schwäche gehört den Schwachen und unsere
Vorstellungen lassen es nicht zu, dass Erfolg in der Schwäche reift.
Beides ist nicht vorstellbar, denn es würde alles in uns zerstören.
Selbst wenn wir uns gelegentlich heimlich der Schwäche ergeben, um
menschlicher, liebenswerter und letztlich unantastbar zu werden, würden
wir uns dies nie zugestehen, da Schwäche absurd und vor allem dann
erniedrigend ist, wenn sie für andere erkennbar wird. Hier ist alles
anders und meine so sicher geglaubten Wahrheiten gelten nicht mehr. Ich
denke darüber nach, ob es tatsächlich andere Wahrheiten gibt. Ich
beneide dieses Mädchen hinter der Mauer, wie sie sich in ihrer Situation
mit Würde umgibt, sich selbstsicher und bewusst dem Schicksal ergibt,
das ihr zugeschrieben wurde. Ich weiß, dass dieses Mädchen mich nur
allzu leicht mit ihrer Demut erniedrigen könnte, würde sie diese nur
gegen mich richten. Sie würde mich verletzen. Sie würde meine Sicherheit
zerstören und mich mit meiner Arroganz allein lassen, denn ich bin
keineswegs imstande mein Leben so zu leben, wie es ist. Es ist ein Kampf
ohne Gewalt. Das tägliche Überleben der Schwachen findet zwischen den
Zeilen statt, ist von demütigem Lächeln getragen und ist doch stärker
als all die Arroganz und Überheblichkeit, die sich den vermeintlich
Schwachen entgegenstellt. Sie fühlt sich wohl keineswegs gedemütigt.
Warum also empfinde ich dieses Verhalten demütigend und erniedrigend?
Warum verunsichert mich diese Darstellung von Unterwürfigkeit?
Jetzt, da die drückende Hitze des Tages unerträglich wird und selbst das
Atmen schwer fällt, fliehen meine Gedanken und schweifen durch die von
kühlem Wind durchzogenen Pinien der Toskana, ziehen am Ufer des Arno
entlang und nisten sich tief in der mediterranen Landschaft ein. Ich
atme den betörenden Geruch der Olivenhaine in Kalabrien und strecke mich
auf den Stiegen der Spanischen Treppe in Rom aus. Ich werde ein
Italiener, schlendere über die Piazza Navona, kaufe frisches Gemüse und
Käse auf dem Campo di Fiori, lasse mich mit Leonardo da Vinci über Kunst
und Literatur aus und trinke heißen Espresso mit Niccolò Machiavelli.
Ich sehne mich nach all den Dingen, die ich hier nicht habe und empfinde
ein brennendes Gefühl von Heimweh. In diesen Stunden ist es oft fast
unerträglich meinem Hiersein auch nur den geringsten Sinn abzugewinnen
und ich frage mich, wo genau meine Heimat und mein eigentliches Zuhause
sind. In all den Jahren hier in Asien habe ich nie vergessen, dass ich
ein Deutscher bin und ich fühlte mich zu jeder Zeit den Werten und
Traditionen meines Heimatlandes verpflichtet. Vielleicht sind mir
Bedeutung und Sinn meiner Herkunft auch erst hier in der Fremde in einem
Maße bewusst geworden, welches mir jetzt erlaubt abzuwägen, auszuwählen
und letztlich das zu leben, was mir am sinnvollsten erscheint. In diesem
Sinne habe ich mich sicherlich, wenn auch nicht immer nach freiem
Willen, von vielen Zwängen und Gewohnheiten befreit und doch erzeugt die
Abwesenheit ein Vakuum, eine eigenartige Entwurzelung meines
Seelenlebens – mehr als ich es mir je hätte vorstellen können. Aber ich
habe erkannt, dass sich die Seele immer dann zurückzieht, wenn sie keine
ausreichende Übereinstimmung mehr in der Umwelt findet, wenn einfachste
Fragen unbeantwortet bleiben und vermeintlich logische Handlungen nur
noch zu Verwirrung und Konfrontation führen. Dann jedenfalls schwindet
das Selbstbewusstsein und verwandelt sich in Sarkasmus und Ironie,
Ablehnung und Aggression, und schließlich beginnen die Zeichen einer
schleichenden Vereinsamung unsere Sinne zu übernehmen, eine traurige
Transformation einzuleiten, die letztlich in einer schmerzlichen
Entfremdung ihr Ende findet. Das Ergebnis ist eine Veränderung, die nur
noch von außen zu erkennen ist, da ich selbst zu einer isolierten und
objektiven Betrachtung kaum mehr fähig bin. In diesem Zustand der
Ungebundenheit entsteht der Hang zur Verantwortungslosigkeit bis hin zur
Abnabelung von sozialen und gesellschaftlichen Regeln. Es erscheint mir
zunehmend klar, dass dieser Gefahr des Abgleitens in ein nahezu
asoziales Leben nur mit klaren und vor allem verbindlichen Prinzipien
und einem geregelten Tagesablauf sinnvoll begegnet werden kann, da meine
eigenen Regeln nicht mehr anwendbar sind und die ansonsten üblichen
religiösen und gesellschaftlichen Lösungen des Gastlandes fehlen, nicht
verständlich sind oder von mir schlicht nicht hinreichend verinnerlicht
werden.
Diese Spannung zwischen dem, was ich noch immer meine eigene
Persönlichkeit, meine Erziehung und Kultur nenne und dem, was mich jeden
Tag umgibt, herausfordert und bekämpft, bestimmt mein Handeln und mein
Dasein. Es ist ein einsamer und stiller Kampf bei dem mein Verständnis
um sein Überleben kämpft und damit auch mich selbst in Frage stellt.
Vieles, woran ich früher fest geglaubt hatte, wurde inzwischen in
Zweifel gezogen, Weltbilder haben sich verdreht, Standpunkte verändert
und erprobte Lösungen haben sich als unverlässlich und fehlerhaft
erwiesen. Selbst die Kraft der Sprache ist zum Hindernis geworden. Der
partielle Verlust der Kommunikation hat über die Jahre zur Stärkung
anderer Aspekte geführt, aber auch zum Verstummen dessen, was mich mit
der Welt verbindet. Gesichtszüge, Blicke, Bewegungen haben die Rolle von
Aussagen übernommen, kleine Gesten ersetzen zunehmend Erklärungen und
das Schweigen wird zur aktiven Form der Kommunikation.
Es ist Nacht geworden und die Dunkelheit hat sich wie ein Schleier über
die vorstädtische Gemeinde gelegt, in der ich mein Dasein seit einigen
Jahren friste. Ich hatte mich für kurze Zeit nochmals der Arbeit
gewidmet, mich bemüht, etwas Sinnvolles zu produzieren und die Fragen zu
vergessen, deren Antworten mir schon so lange versagt geblieben waren.
Die Nacht bricht hier schneller über das Land als in nördlichen
Gegenden, die Dämmerung ist kurz und die Dunkelheit verdrängt gewaltsam
den Tag, macht das Leben wieder erträglich, lässt die Hitze schwinden
und beschenkt uns mitunter mit kühler Luft, die sich fast unbemerkt
durch die Palmen drängt. Es ist die Zeit der Nacht, der Ruhe und des
Abschieds. Der Gesang der Vögel ist verstummt und zahllose Moskitos
erwachen zum Leben und laben sich an mir wie Vampire. Diesen Geschöpfen
ist nur schwer beizukommen und letztlich ist ihnen der Sieg immer
gewiss. Mein Blut bekommt letztlich einen Sinn.
Ich genieße diese Stunden. Es gibt nur mich und die Nacht, meine Welt
und die Zufriedenheit mit dem, was ich noch in mir trage, die
Erinnerungen und Gedanken an eine Zeit, die längst vorbei ist, nicht
mehr einzuholen ist und doch immer in mir verweilt, mir die Kraft gibt
und mich überleben lässt. Sie sind die stummen Zeugen der Vergangenheit,
die Genossen auf meinem Wege, die einzigen lebenden Beweise, dass ich
gelebt habe und nicht nur ein Geist gewesen bin. Ich kann verschwinden,
durch meine Welt reisen und erleben statt nur zu leben. Ich blicke in
die Palmen meines Gartens, die vom seichten Licht des Mondes getränkt
werden und meine Gedanken entschwinden in eine andere Zeit, eine Zeit
die ich selbst erlebt hatte und die ich nun wieder besitzen wollte. Eine
Zeit in der ich gelitten habe und die mich dennoch mit Sehnsucht umgibt,
mich in sich zieht und mir das Gefühl der Geborgenheit gibt. Eine
Geborgenheit, die ich nur selten erfahren und erleben kann, eine Wärme,
die mein Herz und meine Seele wie ein warmer Mantel umgibt, mich
aufatmen lässt. Ich sehe Kirchtürme, mir noch bekannte Plätze und alte
Häuser. Ich erkenne Gesichter, Gesten und Klänge, die mir nicht fremd
sind und schon fast wie eine Erlösung aus der Verbannung klingen. Ich
bin wieder Teil geworden, nehme Anteil und darf meinen Teil erbringen,
beitragen und wesentlich sein.
In Erwartung ereignisloser Stunden, nichtssagende Zeilen einer Zeitung
lesend, versuchte ich verkrampft mit meinem Blick etwas länger an einem
Punkt zu verweilen, mich für eine kurze Zeit trotz dieses
herausfordernden, sich stetig bewegenden und verändernden Stromes von
gut gelaunten, fröhlichen und ach so glücklichen Menschen auszuruhen und
um für wenige Minuten in mich hinein zu leben. Ein nahezu sinnlos
anmutendes Vorhaben in Anbetracht der schmerzenden Leere, die sich im
Laufe der Tage in mir breit gemacht hatte. Auch hatte ich die so sicher
geglaubte Perspektive nahezu tot gezweifelt, von allen Seiten so
zerfragt bis sie schließlich als Abschreckung mir selbst gegenüberstand.
In dem Versuch vorüberziehende Vorgänge zu erklären, Zusammenhänge zu
beschreiben, ohne an deren Wichtigkeit letztlich zu glauben, überraschte
mich ein lange verloren geglaubtes und schon fremd anmutendes Gefühl –
eher noch eine innere Bewegtheit, ein nicht deutlich einzuordnendes
Interesse an dieser neben mir stehenden Person. Es war mir plötzlich
nicht mehr möglich wegzusehen oder gar wegzugehen, ich verspürte
plötzlich das brennende Verlangen ihre Anwesenheit zu spüren, diesen
Augenblick noch ein wenig festhalten zu dürfen. Unfähig meinem Empfinden
Ausdruck zu geben, mich mitzuteilen, beschränkte sich der Dialog im
Folgenden auf die bloße Feststellung ‘da zu sein’. Wie sollte ich auch
all das ausdrücken, was mir ebenso fremd wie angenehm war, ohne mit
banaler Aufdringlichkeit vor einem ohnehin ungewissen Beginn alles
abzutöten und in den Bereich der Unglaubwürdigkeit zu ziehen.
Plötzlich saß ich da, einen Zettel mit Name und Telefonnummer in der
vorsichtig geschlossenen Hand, erinnerte mich daran, dass man schöne
Augenblicke nicht endlos wiederholen und ausdehnen darf und wusste doch,
dass ich sie wiedersehen musste und sei es nur, um mir eine Illusion zu
nehmen.
In all dem aufgeregten Treiben fiel es nicht besonders auf, dass ich
damit begonnen hatte mich durch die Menschen und den Raum hindurch in
eine andere Wirklichkeit zu begeben. Es lag nicht daran, dass mich die
Umtriebe der Narren störten. Das war mir eher gleichgültig. Oder
vielleicht war es doch ein enttäuschtes Gefühl, weil die Narren nicht in
der Lage waren, mich genau so in ihren Bann zu ziehen, wie all die
anderen Leute um mich herum. Einmal im Jahr kommen die Menschen dieser
Stadt aus ihren Häusern heraus und stellen sich der Welt in ungewohnt
offener Weise. Einmal im Jahr sind all die Regeln vergessen und jeder
darf für wenige Tage eine andere Person sein, in eine andere Haut
schlüpfen oder sich völlig unkenntlich machen, verschwinden, um sich
dann wie ein Phönix aus der Asche des Alltags wieder als Mensch zu
erheben, als Mensch, der die starren Fesseln seiner Mittelmäßigkeit
abstreift, die ihm zugewiesene Unwesentlichkeit und Belanglosigkeit für
eine kurze Zeit vergessen darf, um sich mit Liebe und Zuneigung seinem
Leben in einer Art zu widmen, die ihm ansonsten nicht erlaubt ist. Es
darf jetzt gelacht werden, Sinnlosigkeit wird erstrebenswertes Ideal und
treibende Kraft des Handelns und die Konturen der eigenen Persönlichkeit
sind plötzlich nicht mehr peinlich, verletzend und unangenehm, sondern
wert nach Außen getragen zu werden, sich im Lichte der Masse als die
wahren Werte zu zeigen und Beweis anzutreten, dass unzählige
Generationen vor uns nicht sinnlos vergeudet wurden und ohne Früchte
geblieben sind. Je mehr dem einzelnen dies gelingt, um so mehr Beifall
wird er ernten und desto beliebter wird seine vorgespielte Erscheinung
sein. Eigentlich seltsam, dass bislang keinem dieser Narren aufgefallen
war, dass er sich selbst spielte und die so mühsam aufgebaute Maskerade
nichts anderes war als eine Facette des eigenen Wunschbildes. Vielleicht
wird man gerade dann ein Narr genannt, wenn man meint anders sein zu
müssen, um sich frei und glücklich zu fühlen. Vielleicht ist es aber
auch nur die tiefe Angst des Menschen, dabei ertappt zu werden, dass er
sich in seiner kläglichen Existenz ausreichend zufrieden fühlt oder gar
versucht sich als einmalig zu begreifen und zu akzeptieren. Ich konnte
sie nie ertragen, diese tollen Menschen, diese Blender und Heuchler und
ich ertappte mich vor allem in einsamen Stunden immer wieder dabei, dass
ich dazu neigte, die gesamte Menschheit zu hassen. Es war eine innere
Abneigung, die mich in mich selbst trieb, mich tief im Inneren nach
Auswegen suchen ließ und die mir den Schlaf raubte, den ich so dringend
benötigte. Woher nahmen all diese leuchtenden Persönlichkeiten die
Kraft, sich mit den Dingen des Lebens so zu arrangieren, um sogar im
Rinnstein der Armut und des Elends noch ihre strahlenden Gesichter zu
bewahren? Worin lag das Geheimnis der Erfolgreichen, die sich über alle
Leiden dieser Welt hinwegsetzen konnten und ohne Selbstzweifel auf ihrem
Weg verharrten? Hatten diese selbst ernannten Führer die Weisheit
gefunden, die zur Erklärung aller Rätsel gesucht und bislang nie
gefunden wurde?
Es war mir nach einiger Bemühung gelungen meine Rechnung zu begleichen
und nun suchte ich meinen Weg durch die Menge der Maskierten und
Verkleideten. Inzwischen war es mir auch gelungen wieder in meiner Welt
zu sein und abgesehen von versehentlichen Berührungen fühlte nun auch
ich mich wieder wohl. Ich dachte an die Ruhe, welche einen
palmengesäumten goldenen Strand umgab und wie schön es sein musste in
der heißen Sonne aufzuwachen ohne durch Worte und Menschen gestört zu
werden. Gerade jetzt empfand ich die Kälte der Fasnachtszeit besonders
hart und ich sehnte mich nach der Stille meiner kleinen Welt. Ich
weigerte mich zunehmend das verstehen zu wollen, was unaufhörlich auf
mich einzudringen versuchte. Ich saß inzwischen wieder in einer Ecke
meines Zimmers und begann mit starrem, bewegungslosem Blick von den
Zeiten zu träumen, an die ich mich nur sehr schwer zu erinnern
vermochte. Was gab es da so Wichtiges, dass ich so verzweifelt danach
auf der Suche war? Nichts war da und allein der stete Versuch, wie ein
Blinder in der Dunkelheit nach unsichtbaren Gegenständen zu greifen,
welche doch nur zu vermuten waren, nahm mir meine ganze Kraft. Warum
wollte ich mich ständig an etwas erinnern? Jeder der heute etwas auf
sich hält, weiß auch etwas zu berichten. Gute alte Zeiten, große Taten
und unendlicher Ruhm. Aber wer etwas zu berichten hat, wer tote und
längst gelebte Erlebnisse zum Besten geben kann, der bekommt schließlich
den Beifall der stillen, immer zurückhaltend abwartenden Masse und hat
so die Gelegenheit, sich zeitweilig auszuruhen, für wenige Minuten Luft
zu holen, ohne das kalte Messer der Erwartungen zu spüren, ohne
übergangen zu werden. Geschichten, Ereignisse und längst vergangene
Erfolge in die Menge zu werfen ist auch der einfachste Weg bar jeder
Anstrengung in den Mittelpunkt des Interesses zu rücken. Ein
interessantes Erlebnis oder wenigstens die Vorstellung von einer großen
Tat sind durchaus ausreichend, um davon lange Jahre zu zehren. Es müsste
so einfach sein, sich in die Ruhe zu begeben ohne sich dabei zu
verkaufen. So einfach und doch mit der Aufgabe der Illusion verbunden.
Ich hatte niemanden, dem ich meine vergessenen Erinnerungen hätte
erzählen können. Und doch saß ich nun da und stocherte in dieser trägen
Maße herum, begann damit, mich mit anderen zu vergleichen und fand kein
Licht, welches mich nach draußen hätte führen können. Sicher, die Musik
aus dem Hintergrund versetzte mich in eine seltsame Stimmung, welche
zwischen Angst und Zuversicht pendelte. Waren es die beinahe endlosen
und so völlig unbekümmert durchlebten Nächte bei dröhnender Musik oder
war es einfach der Wunsch nicht mehr da zu sein – gerade jetzt nicht
leben zu wollen? Ich bemerkte, wie sich nun ein wohliges und warmes
Gefühl in mir breit machte und eine zarte Welle meinen
zusammengesunkenen Körper durchlief. Ich war im Begriff das Vergangene
auszugraben, Vorgänge zu verbinden, obwohl sich all dies nur
bruchstückhaft in meinen Kopf verirrte und sich, wie von selbst, zu
fantastischen Bildern in einem harmonischen Ganzen verband, so dass sich
selbst das Unerträgliche in seiner schönsten Form betrachten ließ. Ich
weigerte mich es aufkeimen, von mir Besitz nehmen zu lassen. Ich begann
an einer nie endenden Kette von Erinnerungen zu ziehen, verbrachte an
manchen Stellen geraume Zeit, stellte Überlegungen an und begab mich
immer schneller zurück, ohne zu bemerken, wie abwesend ich meine eigene
Vergangenheit gleich einem Film an mir vorüberziehen ließ. Ich war auf
der Suche nach einem Grund, der geeignet war, mich in dieser Nacht am
Leben zu erhalten. Zu gut war mir diese Situation bekannt. Ein einsames
Zimmer, Musik von toten Menschen und langsam verschwanden die Konturen
im Nebel der gelähmten Sinne.
Tränen quollen aus meinen halb geschlossenen Augen und ich suchte nach
Schutz in meinen eigenen Armen. Ich dachte an sie, an ihre leuchtenden
und lebensfrohen Augen, ihr Lächeln, welches schon lange nicht mehr mir
gegolten hatte und an die Wärme ihrer Hand, wenn sie mir Mut zusprach,
ich dachte auch an das zufriedene Gefühl zu Hause erwartet zu werden.
Mein Blick hob sich und blieb wie gewöhnlich an dem übergroßen,
hölzernen Kreuz, welches ich neben meinem Bett aufgehängt hatte, stehen.
An diesem Punkt angelangt empfand ich immer wieder eine plötzliche,
tiefe Verbundenheit mit diesem Sinnbild menschlichen Leidens, mit diesem
Stück Holz, auf das man eine Blechfigur genagelt hatte. Es erschien mir
bislang eigentlich immer wesentlich sinnvoller, an mich selbst zu
glauben und das war schon schwer genug. Aber in diesen Stunden war alles
ganz anders, ich war bereit mich zu opfern, Qualen auf mich zu nehmen
für dieses Kreuz, wenn es nur mit mir sprechen wollte. Ich fand keinen
Sinn. Ich stand langsam auf, ging ins Badezimmer und blickte minutenlang
in das Gesicht im Spiegel, in dem ich mich nur schwer erkennen konnte.
Ohne mich zu waschen legte ich mich ins Bett, verfolgte noch die
Schatten an der Zimmerdecke, die von dem schwachen Licht der Laterne auf
der Straße in mein Zimmer geworfen wurden und bemerkte, dass ich
aufgehört hatte nachzudenken. Irgendwann bin ich eingeschlafen.
Langsam, ganz langsam die Augen öffnen und dabei nichts verlieren, auf
keinen Fall etwas weggeben und schon gar nicht die Wärme der Bettdecke –
noch weniger die Träume. Ich drehte mich nochmals um, hörte den Vögeln
zu – ich konnte es nicht, nein, ich fand den Anschluss nicht mehr. Es
lag alles so weit entfernt von mir, kaum mehr sichtbar und doch wieder
ein Stück klarer als zuvor. Hätte ich mir doch gestern nicht soviel
vorgenommen, hätte ich mir nicht eingebildet, die Welt verändern zu
müssen und das auch noch zu können. Aber in diesen Nächten kommen sie
immer wieder unaufhaltsam, diese Illusionen. Der Selbstbetrug steht
hilfreich zur Seite und morgens liegt man dann im Bett und versucht sich
von den Sehnsüchten zu befreien. Ich stand langsam auf und sah aus dem
Fenster, wobei ich schmerzlich feststellen musste, dass sich seit
gestern nichts verändert hatte. Ich rieb mir den letzten Schlaf aus den
Augen und nahm mir für den Tag vor, wieder einmal in die Universität zu
gehen. Ob ich mich allerdings zu einer Vorlesung durchringen würde,
wusste ich noch nicht, aber das war auch jetzt nicht wichtig.
Duschen, Zähneputzen – alles tropft in dieser Wohnung. Völlig abgewohnt.
Wie Bahnhöfe sind diese Mietswohnungen, jeder hinterlässt hier das, was
er nicht mitnehmen will, wenn er an einem anderen Ort wieder neu
beginnt. Ich ließ mein Handtuch auf den Boden fallen und ging langsam
zurück ins Zimmer, in dem noch alles so war wie ich es gestern
hinterlassen hatte. Ich suchte meine Kleider zusammen. Da zog ich mich
nun an, nur um mich am selben Abend wieder auszuziehen. Alte Socken
liegen zwischen vollen Aschenbechern, leeren Bierflaschen und ich denke
an dich – eine Rose inmitten von grauen Augen, die aus toten Mauern
Blicke werfen. Gewohnte Handgriffe, alles war so wie am Tag zuvor.
Morgens sind diese Tage doch alle gleich.
Beim Verlassen des Hauses bemerkte ich, dass es schon erstaunlich warm
geworden war und ich dachte daran, wie ich früher an solchen Tagen mit
meinen Freunden im Internat voller Tatendrang in den Speisesaal gestürzt
war, um gleich nach dem Frühstück wieder einen Teil der Welt zu
erforschen, die schon allein durch ihr Vorhandensein unbeschreiblich
wesentlich und wichtig war. Gab es da doch so vieles, wovon wir zwar
schon manches gehört hatten, selbst jedoch diese wunderbaren Dinge noch
nicht durchleben konnten oder meist eben nicht durften. Ich dachte an
all die raffinierten Tricks, die wir uns einfallen ließen, um
Aufmerksamkeit bei den Mädchen zu erwecken, damit wir mit ihnen ins
Gespräch kommen konnten. Wir alle träumten davon, einmal eines dieser so
fremden Wesen zu berühren, das wohlige Gefühl des Verliebtseins zu
spüren, zufrieden zu sein neben ihr stehen zu dürfen.
Ein freier Parkplatz unterbrach meine Erinnerungen. Ich parkte mein Auto
in die kleine Lücke und machte mich auf den Weg zur Cafeteria in der
neuen Aula. Nach vielen Jahren in einer doch relativ kleinen Stadt wie
Tübingen vermag schon der bekannte Weg durch die Straßen und Gassen das
Gefühl von Geborgenheit zu vermitteln. Alles ist so vertraut, dass man
bereit ist es in die eigene Person mit einzubeziehen. Einige
Sonnenstrahlen und der Anblick der ehrwürdigen Universitätsgebäude gaben
mir das Gefühl am Anfang eines interessanten Weges zu stehen und ich
begann mir meine Zukunft in schillernden Farben auszumalen. Zwar war ich
mir noch nicht so ganz sicher über die genauen Einzelheiten, jedoch
musste es einfach gut werden. Die ganze Welt stand mir schließlich offen
und man musste ja auch nur das Richtige daraus machen. Ich öffnete die
alte und sichtlich abgenutzte Türe und sah das gewohnte Bild. Lange
Schlangen standen vor der Theke der Cafeteria, viele saßen da und
blickten mit verschlafenen Augen in eine Zeitung oder versuchten die
neuesten Ideen auszutauschen. Ich hatte auf einmal Probleme mich wohl zu
fühlen und dachte, dass es einen guten Eindruck hinterlässt sich
intellektuell zu geben. Ich ging weiter in den Raum hinein und
überlegte, ob ich nun meinem Hunger nachgeben oder wieder nach draußen
gehen sollte. Ich blieb dort und stellte mich in die Reihe der
Wartenden. Dazwischen standen immer einige ganz Beflissene, die von
alledem nichts bemerkten und die nicht sehen wollten, wie mühevoll sich
die Welt in diesen neuen Tag quälte. Warum dachte ich gerade jetzt
wieder an sie? Der Wind blies durch ihr langes Haar und ich fing mir ein
leichtes Lächeln ein. Wie oft hatte ich dieses Bild durchlebt, wie sehr
fürchtete ich mich davor.
Diese Leute hinter der Theke haben so eine ekelhafte Art sich bemerkbar
zu machen. Vielleicht ist das notwendig, um hier einen Tag
durchzustehen. Ich bezahlte und ging an einen dieser runden Tische, die
mit einem nicht zu übersehenden Film aus Putzmitteln, Wasser und Dreck
überzogen waren. Darüber stapelte sich in eigenwilliger Architektur das
Geschirr meiner Vorgänger, aber immer nur soweit, dass man die
Klebefolie ‘Bitte räumen sie ihr Geschirr selbst auf’ gerade noch lesen
konnte. Dich hatte ich hier noch nie gesehen. Dies war nicht deine
Umgebung und eigentlich hatte auch ich hier nur solche gesehen, die ich
mir nicht ausgesucht hätte. Es folgten kurze, belanglose Gespräche mit
Leuten, die man eben so kennt. Hin und wieder ein schlecht gespieltes
‘Hallo’. Jeder hatte mit sich selbst zu tun und die Aufsteiger der Woche
versuchten keine Minute zu vergeuden, um noch rechtzeitig ihre
persönlichen Verbindungen auszubauen. Es wurde mir plötzlich klar, dass
es besser war aufzustehen und nach hause zu fahren. Nach hause, dort wo
alles tropft.
Ein kurzer Entschluss, doch nach Außen zu dringen, mich hinzugeben, mich
gehen zu lassen, mich zu betrinken, ließ in mir am Abend, nachdem ich
den Rest des Tages verschlafen hatte, den Entschluss reifen, doch noch
in die Stadt zu gehen. Dieselbe Straße, bekannte Wege und dann ein
Gefühl von Wärme und Furcht, von Geborgenheit und Ungewissem. Ich trat
in den nicht gerade hell erleuchteten Raum. Inmitten von lauter Musik
und viel Rauch saß dort Peter ganz allein an einem Tisch. Wie immer sah
er suchend auf die verlebten Mauern und es schien als wäre er
unbeteiligt und abwesend, als ginge ihn all dieser Lärm hier gar nichts
an. Ich grüßte ihn kurz und er bemühte sich um ein geborgtes Lächeln,
fand es schließlich auch und ich hatte endlich einmal wieder das Gefühl
zur rechten Zeit gekommen zu sein. Ich sah ihn an und bemerkte, dass
seine Augen eine traurige Verlorenheit ausstrahlten, als wollten sie die
tief empfundene Einsamkeit verbergen, die ihn zu verzehren drohte. All
dies machte Peter so liebenswürdig für mich, ja sogar vertraut und doch
blieb er für mich ungreifbar und distanziert.
Peter arbeitete in einer Bücherei und hatte hiermit auch eine
Beschäftigung gefunden, welche zu ihm passte. Zwischen all den
Bücherregalen konnte er sich mit fremden Ideen beschäftigen und je nach
Bedarf das eine oder andere auch für sich in Anspruch nehmen. Er hatte
sehr viel Zeit für diese Dinge, da er seit Jahren schon keine Beziehung
mehr zu einer Frau hatte und sich damit auch abgefunden hatte. Genaues
wusste ich natürlich auch nicht, da er eigentlich nie über solche Dinge
sprach und ich immer den Eindruck hatte, dass ein wichtiger Teil seiner
Person irgendwann einmal verloren ging. Wir sprechen ein wenig über die
Ereignisse seiner Arbeit. Da ich damit jedoch reichlich wenig anfangen
konnte, wurde dies eine eher einseitige Unterhaltung. Ich versuchte so
überzeugend wie möglich mein Interesse zu bekunden und hoffte, dass
Peter meine wahren Gefühle nicht entdecken würde. Was soll man in
solchen Situationen tun? Man ist selbst nicht ganz auf der Höhe, kämpft
gegen den Schmerz und soll sich dann mit einer Schilderung der
Ereignisse einer Bücherei identifizieren. Ich war von zu hause
aufgebrochen, um etwas zu erleben und um ein wenig Spaß zu haben. Ich
wollte mich unbekümmert in diese Nacht fallen lassen und betrunken
wieder nach hause zurückkehren. Peter wollte das auch, nur waren seine
Vorstellungen von einer guten Nacht ganz andere als meine. Dennoch
konnte Peter erreichen, dass ich mich zunehmend besser fühlte.
Vielleicht hatte ich meine schlechte Laune unbemerkt auf ihn abgelegt
und die Schilderung seines Lebens hat mich wieder aufgebaut. Vielleicht
ging es mir ja gar nicht so schlecht. Um das herauszufinden bedarf es
wohl immer wieder des Elends anderer Menschen. Gemeinsam verließen wir
die Kneipe und gingen dann zielstrebig aber wortlos nebeneinander her,
um uns eine Umgebung zu suchen, welche für den heutigen Abend etwas
Neues bringen würde. Ich fühlte mich verbunden mit diesem Mann, der gut
zehn Jahre älter war als ich und den ich zwar nicht bewunderte, aber
doch gern hatte, vielleicht gerade, weil er nicht viel redete, nicht
über seine Probleme klagte und doch durch nicht hörbare Schreie seine
Verzweiflung mitteilen konnte. Wir erreichten eine neue Kneipe, eine
neue Umgebung und wieder saßen die altvertrauten Leute da und redeten
mit ernsten Gesichtern über die Machbarkeit des Machbaren.
In den Gassen der Altstadt wurde man immer schnell fündig, wenn man
wieder einmal auf der Suche nach dem berühmten theoretisch-
intellektuellen Ansatz war. In endlosen Gesprächen wurde da erörtert wie
Kindern am besten das Ballspiel zu vermitteln sei, ohne hierbei auf
althergebrachte Methoden zu verweisen. Für einen Unkundigen war dies
alles sehr schwierig zu verstehen und allein die Hoffnung blieb, dass
die Kinder das einst verstehen mögen. In jedem Falle musste alles ganz
anders werden, denn die bestehenden Ordnungen konnten nicht akzeptiert
werden. Schon allein die Tatsache, dass man seinen drängenden Hunger bei
McDonalds gestillt hatte, konnte einem zum abendlichen Verhängnis
werden. Da ich als werdender Jurist ohnehin die herrschende Klasse
vertrat, stand ich außerhalb der Betrachtungsweise und diente gerne als
Grund für die gelegentlich aufkommende Unruhe. Zu später Stunde wurden
die Gespräche wieder etwas mehr auf der Ebene des ‘Normalen’ geführt, so
dass man sich durchaus auch über die neuesten Beziehungsprobleme im
Freundeskreis unterhalten und auslassen konnte. In dieser illustren
Umgebung wirkte mein Freund Peter eher wie ein Fels in der Brandung,
welcher diese Diskussionen nur allzu selten aktiv begleitete und sich
mit einem wissenden Lächeln zufrieden gab. Ich dachte mir, dass er sehr
allein sein musste und fühlte eine gewisse Ohnmacht, da es mir nicht
möglich war, ihm in irgendeiner Weise zu helfen. Mit einem letzten
Händedruck und einem sehnsüchtigen Blick trennten wir uns dann für
diesen Abend und wir wussten, dass es ein Abschied für eine längere Zeit
war. Wir hatten uns zufällig wieder getroffen. Auch diesmal würden wir
dies nicht ändern, da wir nicht einmal wussten, wie wir den anderen
erreichen sollten.
Ich lag wieder im Bett und dachte noch einmal über diesen Tag nach, die
Bettdecke wärmte sich, Träume kamen auf. Jetzt nur nichts verlieren, nur
nichts weggeben. Was auch?
Ein lästiges Hupen unterbricht meine Gedanken und ich werde auf grausame
Weise wieder in meinen Garten gezogen. Der Nachbar ist zu später Stunde
wieder nach hause gekommen und versucht nun sein Dienstmädchen zum
Öffnen der Türe zu bewegen. Wie bin ich nur hierher gekommen? Welchem
Umstand habe ich es zu verdanken, dass ich am Ende meines Weges in
diesen Abgrund stürze, in dieses Nichts eines grundlosen und
ereignislosen Daseins, in die Heimatlosigkeit und die Kälte der
Gefühllosigkeit? Ich habe keine Heimat mehr, keine Freunde und kein
Ziel, das es zu erreichen gilt. Und das Sterben ist ein langsamer und
nur allzu oft schleichender Vorgang, der wohl meist ganz unbemerkt
einsetzt, solange, bis der eigentliche Tod ins Geschehen tritt und für
übliche Überraschung sorgt. Dabei ist der Tod nur der Endpunkt eines
langen Weges, der sich oft über die Berge und Täler des gesamten Lebens
zieht. Es ist seltsam, dass wir den Beginn des Sterbens nicht bemerken,
hängt doch so viel von diesem Ereignis ab. Doch in der Nacht sieht die
Welt immer ganz anders aus, verliert seine scharfen Kanten und lässt uns
tief einatmen, um die Besonderheit dieser Zeit zu genießen. Verschwunden
sind all die lästigen, störenden und nervenden Geräusche des Tages. An
ihre Stelle ist die Ruhe getreten, eine Ruhe, die unglaubliche Macht
über uns gewinnt, sobald wir es zulassen uns in dieser Ruhe auszuruhen
und ihr zu lauschen, die Geschichten zu hören, die in Generationen vor
uns gelebt und nie aufgeschrieben wurden. Es sind die Geschichten der
Liebe und des Leidens, es sind die Geschichten des Menschen.
Ich empfinde eine tiefe Leere in mir. Es ist das kalte Gefühl des
Versagens, das sich über die letzten Jahre in mir ausgebreitet hat und
vieles verdrängte, was mir einst lieb und teuer gewesen war. Ich habe
verloren, habe meine Ziele aufgegeben und mich dem sich unaufhaltsam
ausbreitenden Nichts hingegeben ohne mich in einer nennenswerten Art
dagegen zu wehren, mich gegen diese Verarmung des Geistes zu stemmen und
ohne mich über die Vorgänge zu stellen, die so ungebeten wie machtvoll
in mir tätig geworden sind. Ich habe aufgegeben, mich treiben lassen und
mich nicht einmal gewundert, wo all die Hoffnungen und Begierden meiner
Jugend geblieben sind, wohin der Drang nach Erlebnissen und nach neuem
Wissen verdrängt wurde und wo das tief empfundene Gefühl jetzt und hier
zu leben noch zu finden wäre. Ich habe mich von der Welt so weit
entfernt, dass selbst die Not und das Leiden um mich nicht mehr in der
Lage sind, mich aufzuwühlen, Rebellion zu entfachen und das Beste in mir
zum Leben zu bringen. Es ist einsam geworden und letztlich bin ich mir
nur selbst geblieben, ohne Heimat und Zuflucht und ohne die helfende
Hand, die ich so dringend benötigen würde, gerade jetzt, da ich im
Universum treibe, vom weltlichen Denken verspült, hilflos nach einer
Zuflucht suchend, die in diesem schwarzen Raum nicht mehr zu finden
scheint. Ich leide und mein Inneres sagt mir, dass ich mich daran
gewöhnt habe, süchtig geworden bin und immer weiter in diese Isolation
treiben werde, um den seelischen Schmerz in seiner Vollendung zu
erfahren, um genusssüchtig mit meinem Zerfall zu spielen und dabei ruhig
zu sehen, wie sich mein Körper, mein Geist und meine Seele entblößen und
den Zerfall sichtbar machen, der inzwischen kaum mehr erkennen lässt,
wie ich einst ausgesehen habe. Verschwunden ist das Lachen, die
Zuversicht und die Liebe, das freie Baden im Fluss des Lebens und das
gierige Aufsaugen des Schönen. Ich sehe nichts mehr. Es ist alles grau
und schwarz geworden, wie die Nacht, die mich umgibt, und Eintönigkeit
hat das Leben, das Erleben in allen Bereichen ersetzt. Ich habe mich nun
völlig in mich zurückgezogen, habe mich auf eine Insel begeben von der
es kein Entkommen gibt und die von keiner anderen Seele je erreicht
werden kann. Die Mauer, die mich beschützen sollte und an der ich so
lange gearbeitet habe, ist nun zu meiner Bedrohung geworden. Was
geblieben ist sind die Bewegungen auf der anderen Seite, das Klopfen und
Hämmern. Vergeblich. Ich bin eingemauert, verschlossen und niemand kann
das mir so lieb gewordene Leiden stören oder gar vernichten. Und nun,
umgeben von der Dunkelheit der warmen tropischen Nacht, suche ich nach
dem Sinn, dem Licht, das mich leiten könnte, dem ich vertrauen und
folgen könnte und das mir den Weg ins Ungewisse zeigen würde. Einen Weg,
der nicht in meiner naiven Vorstellung existiert, den ich mir nicht zu
erträumen wage und der nur in meinen Träumen gelegentlich aufblitzt,
mich fasziniert und doch die verbotene Frucht ist, die unerreichbar ist
und mir nicht zusteht. Doch die Nacht ist still und undurchdringlich.
Die Schwüle der Luft gibt mir ein Gefühl der Sicherheit, das Gefühl in
Sicherheit zu sein. In diesen nächtlichen Stunden bewegt sich nichts,
der Gesang der Vögel ist verstummt, die Farben des Gartens haben sich
der grauen Umgebung angepasst und die Seelen schlafen, schlafen tief und
sind für mich nicht mehr erreichbar. Nichts ist mehr erreichbar, selbst
wenn ich mich zu so später Stunde noch zum Ausbruch entschließen wollte,
wenn ich mich endlich dazu entschließen sollte, die Mauer einzureißen
und in die Freiheit zu schreiten, die meine Sehnsucht erfüllt. Doch
diese Nacht lässt dies nicht zu, behütet mich vor Nachlässigkeiten,
bedrückt meine Gedanken und bewahrt mich vor dem Drang der Befreiung.
Ich werde ruhiger, begebe mich wieder ins Innere meiner Welt und lasse
mich in meiner Wertlosigkeit, meiner Bedeutungslosigkeit und meiner
grenzenlosen Mittelmäßigkeit treiben. Ich schwimme auf den Wellen einer
Sinnlosigkeit, die sich in allen Dingen versteckt. Ich huldige dem Tode,
der allein in der Lage ist, mich von den Fesseln des Weltlichen zu
befreien, mir die Qualen zu nehmen und mir die Freiheit zu geben, die
ich hier in dieser Nacht nicht zu leben vermag. Ich habe alles verloren,
habe mich von allem gelöst und der Welt meinen Abschied eingereicht. Ich
habe mich endlich befreit und gehe nun daran zugrunde.
Ich habe mich mit weltlichen und materiellen Gütern eingedeckt und kann
es mir endlich erlauben mich von den Zwängen der Arbeit zu lösen. Ich
habe mich von meiner Heimat gelöst und genieße nun ein Leben, das es mir
erlaubt meinen eigenen Weg zu gehen. Und doch, ich finde nichts in
diesem Einerlei, nichts was es wert wäre genannt zu werden. Es ist
nahezu widersinnig, dass der Gewinn der Freiheit nichts anderes nach
sich zieht als Angst, Angst vor der Zukunft. Es ist widersinnig, dass
all die Mühen, die Selbstaufgabe und die Versklavung nicht mehr hervor
gebracht haben als die Erkenntnis, dass alles Bedeutende vor uns liegt,
dass es keine Geheimnisse gibt. Lange vergessen sind die seltenen
Stunden des Glücks, die ich in Begleitung anderer erfahren durfte und
die mir die Hoffnung gaben, dass auch ich über die Zeit zu meiner Heimat
finden würde, mich endlich ausruhen dürfte und mein Dasein so zu
genießen, wie ich es wollte. Ich habe es nicht geschafft, habe versagt
und bin doch der gleiche Geist geblieben, der ich immer war. Ist es mir
vorbestimmt, ist es mein Schicksal, dem ich nicht zu entrinnen vermag?
Bin ich machtlos, mich gegen die göttlichen Pläne zu wehren, vom Baum
der Weisheit zu essen und meine eigene Unsterblichkeit zu betreiben?
Niemand ist mir wirklich geblieben, um mich auf meinem einsamen Weg
durch die Nacht, diese Nacht zu begleiten. Alle sind sie verschwunden,
selbst die Feinde haben mich verlassen, haben das Interesse an mir
verloren. Ich habe die Menschen und ihre Seele immer gesucht und
gebraucht. Ich habe sie dafür gehasst, verabscheut und gemieden. Ich
hatte nie das aufrichtige Gefühl mit anderen Menschen reden zu können,
ihnen Aufmerksamkeit zu schenken und zu hören, was sie zu sagen haben.
Und ich habe es einfach ausgeschlossen, dass sie in meine Welt kommen,
mich sehen, an mir Teil haben. Vielleicht lag es an der tief
verwurzelten Vorsicht oder dem mir eigenen Misstrauen gegen alles
Menschliche. Vielleicht ist es auch nur die Reaktion auf mir unbequeme,
unangenehme oder widerliche Situationen, die sich immer dann wie von
selbst ergeben, wenn man mit anderen Seelen in Kontakt tritt, sich auf
sie einlässt ohne über die Werkzeuge zu verfügen, die man zur Kontrolle
benötigt, die erforderlich sind, um die anderen in Schach zu halten.
Vielleicht liegt es nur daran, dass ich sehe, höre, aber nie berühre.
So sehr mir auch daran gelegen wäre, die Schuld an dieser Miesere
anderen in die Schuhe zu schieben, so sehr fällt es mir schwer die
Vorsehung zu verneinen. Natürlich gäbe es da vieles, wofür man andere in
die Verantwortung nehmen könnte, doch die Ereignisse der Jahre reihen
sich wie Perlen einer Kette aneinander und bilden nun ein natürliches
Ganzes, das sich als mein Leben zu erkennen gibt und welches zu
verleugnen große Anstrengung verlangen würde.
Das Motorgeräusch hat das Hupen des Nachbarn überlebt und noch immer
wartet er auf die Dienstmagd, die ihm die Türe öffnen soll. Hier macht
man seine Türen nicht selbst auf, wenn man auf sich hält und es zu etwas
gebracht hat. Nein, hier gibt es ja Bedienstete, die zu jeder Stunde des
Tages bereit stehen, um dem Hausherren alle nur erdenklichen Tätigkeiten
und Verrichtungen abzunehmen. Auch jetzt ist dies der Fall, denn schon
bald erscheint ein junges Mädchen hinter dem Zaun und schickt sich an,
die Türe für den späten Heimkehrer zu öffnen. Das Auto verschwindet in
der Hofeinfahrt und nach einigen Geräuschen ist es wieder ruhig. Die
Nacht hat nun die Kontrolle wieder übernommen und meine Gedanken fallen
wie Steine wieder in mich zurück. Ich habe endgültig verloren und will
mit alledem nichts mehr zu tun haben. Ich stehe auf, drücke die letzte
Zigarette aus und schließe die Türe hinter mir. Der Weg führt mich durch
die dunklen Gänge meines Hauses, da ich die Hunde nicht wecken will. Es
ist Zeit ins Bett zu gehen, Schlaf zu suchen. Es ist den Versuch wert.
Ich lege mich hin, ziehe mir die Decke über und versuche zu schlafen. Es
gelingt mir nicht. Ich fühle mich einsam und stehe wieder auf, um aus
dem Fenster zu sehen. Meine Blicke durchströmen die Häuser und Bäume und
ich stelle fest, wie klein ich doch bin. Hier in diesem Zimmer findet
mein Leben statt und ich habe Angst nach draußen zu gehen. Meine ersten
Liebesbeziehungen waren stetig von der Angst umgeben, dass es bald
wieder zu Ende sein könnte und die schönsten Augenblicke hatten daher
immer den Makel der Vergänglichkeit. Schon damals hatte ich die Ahnung,
dass diese Angst der Grund für mein Versagen war, jedoch war es für mich
bedeutend schwerer die Dinge in einem positiven Licht zu sehen. Das
Leben zu durchleiden war viel intensiver und wertvoller als das
unbeschwerte und einfache Leben, wie ich es von vielen meiner Freunde
kannte. Ich wollte mich nicht auf die Ebene der Ignoranz herablassen und
das Leben nur genießen. Nein, ich wollte die Gründe begreifen und immer
sicher sein, dass alles nur logisch, zielgerichtet und konsequent war.
Zwar stellte ich immer auch Emotionen in meine Überlegungen ein, doch
für die zu treffende Entscheidung wagte ich nicht mich daran zu
orientieren. Es erschienen mir oberflächlich und zutiefst ordinär. Etwa
so wie der gewöhnliche Anblick des Nachbarn, der sich mit unerträglich
zufriedenem Gesicht anschickt seinen Rasen zu pflegen. Immer bewegt er
sich absichtlich langsam und man kann kaum übersehen, dass ihm seine
Arbeit Spaß macht. Sollen sie doch zufrieden sein mit ihrem bisschen
Leben, sollen sie sich doch ihr ganzes Leben abrackern und am Ende ihrer
Tage in der abendlichen Sonne an die verpassten Gelegenheiten denken und
sich in ihrer Gerechtigkeit baden. Ich drehe mich um und suche nach
einer Zigarette. Ich denke, dass es wohl besser sei an seinem Leben zu
verzweifeln als von der Mittelmäßigkeit gefressen zu werden.
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