|
„Cui bono?“ ist ein lateinisches Sprichwort und zugleich ein Prinzip,
welches sich nicht zuletzt in der Kriminologie seit Jahrhunderten fest
etabliert hat und dem römischen Konsul und Zensor Lucius Cassius
Longinus Ravilla zugeschrieben wird. Bekannt wurde dieses Zitat aber vor
allem durch Marcus Tullius Cicero, der sich dieses Prinzips nachhaltig
in seinen römischen Prozessen bediente, um die wahren Schuldigen und
Drahtzieher hinter einem Verbrechen zu identifizieren. „Cui bono?“ folgt
dabei dem an sich sehr einfachen Prinzip, dass die wahren Schuldigen in
der Regel unter solchen Menschen zu finden sind, die durch die
betreffende Tat direkt oder indirekt etwas zu gewinnen haben. So bemüht
sich Cicero um eine objektive Sicht des Sachverhalts, fragt konsequent
„wer profitiert von alledem“ und versucht sich dadurch vor allem über
Täuschung und falsche Eindrücke hinwegzusetzen. Die Frage zielt also auf
die wahren Motive hinter einer Handlung und folgt damit der alten
Erkenntnis, dass Menschen nur in den seltensten Fällen unmotiviert und
vor allem ohne ein ureigenes Interesse handeln.
Vor allem Politik und Marketing haben diesen Grundsatz durch dessen
klugen Umkehrschluss nahezu perfektioniert und so finden wir heute in
zunehmendem Maße eine Argumentationskette vor, die uns bereits die
Antwort auf die Frage nach dem „cui bono?“ mitliefert – wir allein haben
nämlich den Vorteil. Diese Strategie führt in ihrer Folge nicht nur zur
Entpersonifizierung eines bestimmten Vorgangs, sondern auch zu einem
Realitätsverlust, da die zugrunde liegende Kausalität für den Betrachter
in der Regel nahezu verschwindet. So ist dann auch bald nicht mehr zu
erkennen, wer für einen Zustand verantwortlich ist, den die Betreffenden
gerade zu unseren Gunsten verbessern oder lösen wollen. In dieser
absichtlich geschaffenen Situation der Verwirrung dient die künstlich
erzeugte Angst schließlich der wahren Perfektion und dem Sieg der
Wenigen über die Vielen. Auf diese Weise wird uns alles von
Lebensmitteln über Kriege im Irak bis hin zu einer Gesundheitsreform
verkauft. In Thailand weiß man schon lange, dass ein Militärputsch
letztlich nur dem Wohle des Volkes dient und in China erklärt man den
Massen immer wieder, dass Begriffe wie „Demokratie“ in keinem Falle gut
für das chinesische Volk sind. In Amerika wird die Demokratie hingegen
so hoch gehalten, dass sie nur durch eine konsequente Militarisierung
der amerikanischen Außenpolitik erhalten werden kann. Unpatriotisch ist,
wer diesen seinen Vorteil nicht erkennt und danach fragt, wer denn die
Rentengelder in den Sand gesetzt hat, wie viele Soldaten und vor allem
Zivilisten denn noch im Irak sterben müssen oder wozu man Lebensmittel
herstellt, die Krebs und Herzleiden verursachen.
Auch wenn wir uns selbst gerne als eigenständige Individuen sehen, so
haben wir doch in der Struktur moderner Gesellschaften die Funktion der
Masse besetzt und uns damit bewusst oder unbewusst einer Minderheit
untergeordnet, deren eigene Intentionen in der Regel nicht einmal
unserem Wohle dienen. Aus der Sicht dieser Minderheit ist dieser Zustand
natürlich außerordentlich wünschenswert, erlaubt er doch eine weitgehend
einheitliche Führung der Masse und eröffnet zudem die Möglichkeit,
gezielte Maßnahmen zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung
vorzunehmen. So sehr haben wir uns an diese „Kooperation“ gewöhnt, dass
uns oft nicht einmal mehr bewusst wird, wenn wir um vermeintlich so
erhabener Prinzipien willen gegen uns selbst vorgehen. Zur Begründung
wird die Angst um den eigenen Arbeitsplatz, die Sorge um die Familie
oder auch einfach der Zerfall kultureller Werte angegeben und nur selten
wird uns dabei bewusst, dass wir uns damit genau von unseren eigenen
Interessen entfernen. Niccolò Machiavelli bemerkt schon in seiner
Abhandlung „Der Prinz“, dass Menschen einfach zu regieren sind, solange
deren Lebensart erhalten bleibt und sich die gewohnten Bräuche nicht
ändern. Und weiter führt er aus, dass die Menschen auch gerne ihre
Herren in dem Glauben austauschen, dass sich damit ihr Leben verbessert,
sich dabei aber nachhaltig irren und schon bald erkennen, dass sich ihre
Situation letztlich verschlechtert hat. Auch in Thailand macht sich
genau dieser Eindruck nun breit und schon sucht man nach neuen Führern,
die es jedoch nicht gibt. In seiner Konsequenz führt dies zum Überdruss
und zur Gleichgültigkeit gegenüber der Politik, der Gesellschaft und
allen Belangen, die nicht unmittelbar die eigenen sind.
Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, bedarf es einer strukturellen
Änderung der Denkweise. Aber der denkende und vor allem der flexible
Bürger ist das Gespenst jeder herrschenden Schicht und doch ist es genau
dieser selbstbewusste und vor allem kritische Bürger, der durch seine
Individualität und seine aktive Anteilnahme am politischen Leben die
Garantie schafft, dass sich die Gesellschaft als Ganzes zu ihrem Vorteil
entwickelt. Die Kritiker werden diesem Gedanken entgegenhalten, dass zu
viel Individualität zu Anarchismus und zur Instabilität einer
Gesellschaft führt, da sich ein einheitlicher Konsensus in einem solchen
Umfeld nur schlecht erreichen lässt. Doch genau das Gegenteil ist der
Fall, denn der gleichgültige und überdrüssige Bürger wendet sich von
seinen Führern ab und ist nicht selbst ein Teil dessen, was einst einmal
als „demos kratein“ oder „Demokratie“ gemeint war: die Herrschaft des
Volkes. Diese Herrschaft beschreibt jedoch nicht die Wahl derer, die uns
beherrschen, sondern eine Selbstverwaltung und Selbstbestimmung, die dem
freien Menschen zueigen sein muss. Dagegen findet sich vor allem in
Asien häufig der alte chinesische Spruch wieder, dass ein guter Diktator
besser ist als ein schlechter. Diese Distanzierung von
gesellschaftlichen Belangen spiegelt nicht nur ein weit verbreitetes
Desinteresse wieder, sondern auch die konkrete Bereitschaft, sich unter
den jeweiligen politischen Bedingungen selbst seinen eigenen Weg zu
suchen und eigene Angelegenheiten selbst zu regeln. Aus diesem Grunde
findet man in den meisten Ländern Asiens auch eine hohe Bereitschaft
wieder, geltende Gesetze zu umgehen und die Belange der Allgemeinheit zu
ignorieren. Dabei ist dies jedoch kein ausschließlich politisches
Problem, denn auch Firmen erkennen immer wieder, dass Mitarbeiter nur
schwer an die eigene Organisation gebunden werden können und Loyalität
eher schwer zu finden ist.
Diese Loyalität ist es, die auch die derzeitige Militärregierung in
Thailand sucht, da die anfängliche Euphorie nach dem Militärputsch des
letzten Jahres ganz langsam verfliegt und durch unangenehme Fragen
ersetzt wird. Die zunehmende Gewalt im Süden des Landes hat sich
inzwischen fest in das psychische Gewebe des Landes gemischt und vor
allem die Furcht vor weiteren Anschlägen in Bangkok führt nun selbst auf
dem Lande unverkennbar zur Verunsicherung der Bevölkerung. Dazu fügen
sich alte und neue Probleme und vor allem die letzten Maßnahmen der
Militärregierung haben nicht unbedingt zur Beruhigung der Gemüter
geführt. Entsprechende Umfragen haben dies auch klar gemacht und in
manchen Teilen der Gesellschaft wurde dann sogar die Frage gestellt, ob
der gestürzte Premierminister Thaksin Shinawatra trotz aller Bedenken
letztlich nicht doch besser für das Land gewesen sei. Die wachsenden
Zweifel an der Effektivität der Regierung werden durch die chronischen
Probleme des neuen Flughafens genau so genährt, wie durch die Sorge um
die neue Verfassung, die Zukunft der Demokratie und natürlich durch die
Tatsache, dass auch nach über sechs Monaten kein offizielles Verfahren
gegen den gestürzten Premierminister eingeleitet und damit bislang
keinerlei Rechtfertigung für den Militärputsch vorgelegt werden konnte.
Angesichts dieser ungünstigen Lage wird auch zunehmend klar, dass das
Feindbild des korrupten Premierministers langsam verblasst und kaum mehr
dazu geeignet ist, das Volk geschlossen hinter der Regierung zu halten.
In diesem Umfeld hat sich nun ein neues und nicht weniger intensives
Feindbild entwickelt, welches in seiner Substanz zwar unklar und kaum
greifbar, jedoch als solches besser geeignet ist, die vorhandene
Stimmung in der Bevölkerung so gut wie möglich zu nutzen. Nicht die
ursprünglich Beteiligten, Temasek und Thaksin Shinawatra, sind in den
Mittelpunkt der aktuellen Kritik geraten, sondern Singapur selbst und
damit alle seine Einwohner. So erklärte General Sonthi Boonyaratglin,
der Vorsitzende des Rates für nationale Sicherheit, daher noch im
Februar zum Auftakt einer „Kampagne zur Stärkung des patriotischen
Bewusstseins“ vor über 2000 Studenten: „Ich denke an nationales Vermögen
im Wert von 140 Milliarden Baht, welches von Singapur gekauft wurde und
welches ich wieder zurück haben will.“ In seiner Rede forderte er zudem
alle Thailänder zum Nachzudenken auf, wie ein Land wie Singapur,
wenngleich ohne jegliches Farmland, doch so reich werden konnte, um
derartige Investitionen zu tätigen. Thailand selbst habe sich nur
deshalb nicht wie geplant entwickelt, weil der notwendige Patriotismus
im thailändischen Volk nicht hinreichend verankert wurde. Ganz nach Art
des Hauses wurden diese Bemerkungen zwar am nächsten Tag wieder
relativiert, doch wird dies allein wohl nicht genügen, um die Gedanken
aus dem Denken des Volkes zu vertreiben. Und dieses Denken offenbart
sich dem geneigten Leser einschlägiger Internetforen, in denen sich
wahre Hasstiraden, Beschimpfungen und Drohungen gegen den neuen und so
gefährlichen Feind in beängstigender Form manifestieren. Nun steht auch
die nationale Sicherheit und vor allem der Stolz des Landes auf dem
Spiel und das vereinigt bekanntlich nicht nur Thailänder.
„Cui bono?“ fragt man sich zurecht und die Antwort wird je nach
Standpunkt des Betrachters einfach sein. Die ehemaligen Freunde und
Vertrauten des gestürzten Premierministers Thaksin Shinawatra haben die
Zeichen der Zeit bereits erkannt und so bot sich Somkid Jatusripitak,
vor dem Militärputsch noch Finanzminister unter Thaksin, für den Vorsitz
eines Sonderkomitees zur Erläuterung der neuen „sufficiency economy“ an
und damit als Prediger des genauen Gegenteils seiner eigenen Politik.
Auf Druck verschiedener Gruppen musste er diesen Vorsitz aber bald
wieder abgeben. In seiner Rücktrittserklärung versicherte er seine
Mitbürger, dass er nicht nur das genaue Gegenteil Thaksin’s sei, sondern
im Grunde auch kein Politiker. Da er sich inzwischen mit dem Gedanken
trägt, seine eigene Partei zu gründen, macht diese Position sicherlich
hinreichend Sinn. Worin bei alledem jedoch der Vorteil für das
thailändische Volk zu sehen ist, mag zurecht bezweifelt werden. Die
aktuellen Vorgänge machen jedoch auch klar, wie gefährlich eine an sich
unpolitische Bevölkerung ist, die eine aktive Anteilnahme an den
Geschicken des Landes seit vielen Jahren an eine Minderheit abgegeben
hat. Aber auch die politischen Parteien des Landes entbehren jeglicher
Strategien, haben keine für den Bürger nachvollziehbaren Zielsetzungen
und sind daher mangels eigener politischer Prinzipien kaum zu
unterscheiden. So empfinden die meisten Bürger des Landes auch den
Verlust ihrer demokratischen Rechte nicht allzu schmerzhaft, sondern
verharren in einer Position des Zuschauers und werden damit zum idealen
Spielball der Demagogen. Im Grunde beachtlich, wie zielsicher ein
Niccolò Machiavelli diese Vorgänge beschrieben hatte und wie wenig sich
in all der Zeit geändert hat. Bleibt bei alledem nur zu hoffen, dass
sich nie wieder jemand auf die Gnade der späten Geburt berufen muss.
|