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Am 17. Februar 2007 um Mitternacht ging das chinesische Jahr des Hundes
zu Ende und das Jahr des „Untiers“, dessen Namen und Antlitz nach einer
Mitteilung des chinesischen Senders CCTV nun nach tausenden von Jahren
endlich nicht mehr gezeigt und erwähnt werden soll, hat begonnen. Dieses
gar fürchterliche Untier, das sich gerne im Dreck wälzt, liebevoll
grunzt und meistens zuletzt doch auf dem Grill oder in einer Pfanne
endet, hat endgültig ausgedient und folgt damit in seinem ergebenen
Schicksal dem allgemein bekannten Feiertag, der von einer
weitverbreiteten religiösen Gruppe gerne im Dezember jeden Jahres mit
liebevoll geschmückten Tannenbäumen und vielen Geschenken begangen wird
und nunmehr nach dem Willen der amerikanischen Regierung nur noch
„Festtag“ genannt wird. Wir nennen diese Säuberungen „politisch korrekt“
und meinen damit, dass es Dinge gibt, die es eigentlich nicht geben soll
und die man daher besser nicht mehr ausspricht, die man besser
verleugnet, solange zumindest, bis sie endgültig aus unserem Denken
verschwunden sind. Der gute George Orwell lacht sich gerade halb kaputt,
stammelt immer wieder die Worte „Neusprech“ und „Gedankenverbrechen“ und
das seltsame Geräusch im Hintergrund kommt von Herrn Robespierre, der
sich gerade mehrfach im eigenen Grab herumdreht. Es ist vollbracht: wir
verstümmeln uns nun selbst und versenken unser eigenes Schiff im
vorauseilenden Gehorsam.
Wir Deutschen kennen diese beunruhigenden Situationen, wenn sich
Proleten als erwählte Propheten ausgeben und öffentlich den Holocaust
als Teil der deutschen Geschichte leugnen. Wir kennen das beklemmende
Gefühl beim Anblick des allzu erschreckenden Gesichtes eines gelebten
Ausländerhasses und einer sich durch unser tägliches Leben ziehenden
Diskriminierung. Und wer hatte nicht schon das Gefühl, dass man diesen
Proleten einfach das Wort verbieten sollte. Brigitte Zypries, die
deutsche Justizministerin, hat nun ihrerseits vorgeschlagen, dass alle
EU-Staaten die Leugnung des Holocausts unter Strafe stellen, sowie die
Zurschaustellung von Nazi-Symbolen verbieten sollten. Die Süddeutsche
Zeitung gibt dagegen zu Bedenken, dass der Weg zur Hölle mit guten
Absichten gepflastert und diese Initiative nicht durchdacht sei.
Schließlich sei die Meinungsfreiheit ein einzigartiges, ein
grundlegendes Gut in freien Gesellschaften; der Sauerstoff, der unsere
Freiheit am Leben erhält. Sicherlich und genau genommen, wollen all
diese Maßnahmen im Grunde vielleicht nicht einmal unsere
Meinungsfreiheit beschränken, würden wir Menschen nur eben die richtige
Meinung haben. Zurecht stellt sich daher auch die Frage, ob es nun die
Worte sind oder das Denken, das zu diesen Worten führt. Ist ein
Deutscher, der den Krieg Israels gegen den Libanon offen verurteilt,
bereits ein Antisemitist oder nur ein besorgter Mensch? Erfährt ein
Amerikaner nun die ihm zustehende Gleichbehandlung, weil man ihn
„afrikanischer Amerikaner“ nennt und sind wir etwa schon Rassisten, weil
wir unseren Nachbarn Chinese oder Italiener nennen? Ist der Genuss eines
Schweineschnitzels in der Öffentlichkeit nun bereits Ausdruck einer
Verachtung des Islams und das Jahr des Schweins ein offener Affront
gegen diese Religion?
Jegliche Zensur und Gesetze zur Einschränkung der Meinungsfreiheit sind
in etwa so sinnvoll, wie die Verhängung der Todesstrafe für einen
Selbstmordattentäter. Im Grunde stellen derartige Vorgehensweisen nur
Aktionismus und eine Kapitulation vor den eigentlichen Herausforderungen
einer freien und vor allem multikulturellen Weltgemeinschaft dar. Dabei
fordern uns Terrorakte eines Osama bin Laden genau so heraus, wie dies
eine RAF früher getan und eine NPD mit ihren rechtsextremen Anhängern
auf ihre Art heute tut. Keinesfalls darf ein Staat mir der Einschränkung
der Menschenrechte reagieren und sich selbst durch seine Verwandlung in
einen autoritären Staat angreifbar machen. Verbote und einschränkende
Gesetze führen zur Polarisierung und zur Verhinderung eines öffentlichen
Diskurses, der eine so dringend benötigte Meinungsbildung zum Ziel hat.
Wer seine Meinung nicht mehr öffentlich zu Markte tragen darf, der wird
nicht damit beginnen, sich eine neue Meinung anzueignen, sondern seine
Meinung im Dunkeln verbreiten, sich dabei der Besonderheit und der
Attraktivität des Illegalen bedienen und sich durch seine Unsichtbarkeit
nicht nur der Strafe, sondern vor allem der Kritik entziehen. Es sind
genau diese unterschwelligen Strömungen, die eine freie Gesellschaft
unterwandern und an ihren Grundfesten nagen. Zensur und Verbote führen
zur Abwesenheit eines engagierten gesellschaftlichen Diskurses und
garantieren in ihrer Konsequenz das Überleben extremer Positionen.
Die Kreuzzüge sind zwar längst vorbei und vor den berüchtigten
Anschlägen des 11. September 2001 gab es im Grunde keine globale
Auseinandersetzung mit dem Islam, keine Feindseligkeiten, sondern eher
ein gleichgültiges Nebeneinander. Das hat sich inzwischen grundlegend
geändert. Cartoon- und Kopftuchdebatten sind so aktuell wie nie zuvor
und beherrschen inzwischen die politische Landschaft. Da ist von
heiligem Krieg die Rede, vom Kampf der Kulturen, da werden Flaggen in
Brand gesetzt, Menschen geköpft, Bomben gezündet und nun ist auch noch
das arme Schwein der chinesischen Selbstzensur zum Opfer gefallen. Ein
Vorgang, der im zensurträchtigen China schon von besonderem Interesse
ist. „Angst essen Seele auf“ erscheint als tragende Motivation der Zeit,
denn ein geeigneter Dialog oder eine konstruktive Auseinandersetzung
findet bislang nicht statt. Was dem einen sein Weihnachten, das ist dem
anderen sein Hajj nach Mekka und was dem einen sein Kopftuch, das ist
dem anderen sein Schwein. Ein offener Diskurs kann nur eines zum Inhalt
haben: die Akzeptanz der Unterschiede als Ausprägung der menschlichen
Vielfalt. Ein solcher Diskurs muss daher Toleranz und vor allem das
tragende Verständnis zum Inhalt haben, dass andere Menschen anderen
Kulturen und Religionen angehören, danach leben und deshalb noch lange
keine Feinde sind. So ist das Jahr des Schweins für sich genommen ein
neutraler kultureller Aspekt des chinesischen Volkes und keineswegs eine
politische oder religiöse Aussage. Wer darin etwas anderes sieht, dem
kann eigentlich nur mit einem klaren „Honi soit qui mal y pense“
geantwortet werden. Ein Grund zur Selbstzensur kann sich hieraus aber
kaum ergeben und auch nicht mit nationalen Sicherheitsaspekten begründet
werden. Wer die universellen Menschenrechte richtig verstanden hat, der
sollte sich auch mit derartigen gesetzlichen Beschränkungen eher schwer
tun.
Die Bedrohung unserer Gesellschaften durch Drogen, Menschenhandel,
Hunger, Korruption und vor allem Umweltverschmutzung sind weitaus größer
als die zu erwartenden Aktionen islamistischer Extremisten und doch
reagieren Politiker hier eher zaghaft oder gar nicht. Am gefährlichsten
ist jedoch, dass wir mit der Aufgabe unserer eigenen Freiheiten
reagieren und damit die Grundfesten demokratischer und freier
Gesellschaften abbauen. Dies kann letztlich nur zur Motivation eben
dieser Extremisten führen, denn sie sehen den Erfolg ihres Handelns.
Dieser Erfolg zeigt sich für diese Menschen schon darin, dass unsere
westlichen Werte ganz offensichtlich nicht universell sind, dass wir
nicht bereit sind, den steinigen Weg zu gehen, um für unsere Werte und
unsere Kultur einzustehen. In den Augen eines Attentäters, der bereit
ist für seine Werte zu sterben, müssen wir ja geradezu lächerlich
erscheinen. Und so werden dann auch weiterhin Menschen in den Madrasa
des mittleren Ostens in eine Welle der Gewalt gezogen, die durch
Zeitungen, Internet-Seiten, Videos und hetzerische Reden gegen die
Dekadenz des Westens vollendet wird. Osamas Plan geht auf und die
ungläubige Welt fügt sich in erstaunlicher Naivität in diesen Plan ein.
Da ist ein Papst Benedikt schon sehr zu bewundern, wenn er in weiser
Voraussicht den Dialog auf wahrer Gegenseitigkeit aufbaut und klar
macht, dass dies auch die Errichtung katholischer Kirchen in den
islamischen Ländern zum Inhalt haben muss. Eine freie Welt kann eben
nicht auf Drohung und Unterwürfigkeit aufgebaut werden und wird erst
dann zu finden sein, wenn sich Menschen ungeachtet ihrer Herkunft, ihres
Geschlechtes und aktuell vor allem ihres Glaubens überall und zu jeder
Zeit frei entfalten können.
Gesetze gegen Nazi-Symbole haben die rechtsextreme Bewegung genau so
wenig aus unseren Gesellschaften verschwinden lassen, wie
nationalistische Ideen in allen Teilen der Welt. Gedanken, Ideen und
Ideologien müssen verarbeitet werden, es müssen Überzeugungen und
moralische Grundlagen geschaffen werden, die dem einzelnen Individuum
bei dessen freier Abwägung behilflich sind, das Richtige zu tun. In
diesem Sinne muss auch die etische und moralische Diskussion endlich
eine globale Dimension entwickeln und zur freiwilligen Grundlage unseres
politischen und wirtschaftlichen Handelns gemacht werden. Dieser Diskurs
verträgt keine Aufgabe eigener Werte, keine Zensur und keine Verbote. Am
wenigsten verträgt er aber eine Polarisierung und schon gar kein „wer
nicht für uns ist, ist gegen uns“. So ging der konstruktive Ansatz des
früheren Premierministers Mahatir Mohammed völlig in einem
internationalen Aufschrei unter, als dieser sich vor Jahren an die
Länder des Islam wandte. Danach sollte es auch im Islam möglich sein,
den jungen Menschen eine Zukunft zu geben, ihnen ein gutes Leben
aufzuzeigen und sie vom Hass zu befreien, damit diese sich entwicklen
und sich endlich nicht mehr selbst in die Luft sprengen müssen. Es geht
um Armut und Reichtum, es geht um Kulturen und es geht um Religionen. Es
geht um uns alle und nicht um die USA oder Europa. Dabei müssen dann
auch keine Schweine aus China verbannt werden, sondern es müssen
Erklärungen und Taten folgen, es muss ein realer Dialog stattfinden, der
zwingend unter Gleichberechtigten zu führen ist. Denn letztlich wird
Osama bin Laden als einsamer Wanderer in den Bergen des Hindukusch
sterben, wenn keine fanatischen und aufgehetzten Jihadis mehr den Weg in
seine Lager finden, sondern sich zuhause als Arzt oder Lehrer ein
eigenes Leben mit Familie und Kindern aufbauen.
Anstatt sich in die Ecke zu verziehen und den Kopf in den Sand zu
stecken, sollte es Tradition werden, die Unterschiede zu zelebrieren,
anstatt sich selbst zu kasteien. Wir müssen aufklären ohne die Gedanken
zu kontrollieren, wir müssen erklären und um Verständnis werben und wir
müssen leben, wozu wir stehen, denn an unseren Taten wird man uns
erkennen. Dies erfordert keine politischen Gremien und Ausschüsse,
sondern kulturellen Austausch und den Mut zur Offenheit und einer
selbstbewussten Klarheit. All dies kann jedoch nicht zu einem Erfolg
führen, solange große Teile der Menschheit in Armut und Elend leben und
sich daher in den Bann der Ideologien begeben, die sich gegen die
Inhaber globaler Macht und unglaublichen Wohlstands wenden. Hierin liegt
unser Verzicht und nicht in der Aufgabe unserer eigenen Werte und
Kulturen. Wir müssen lernen unsere Macht abzugeben und einen Dialog
unter Gleichberechtigten zu führen, damit der Begriff des Feindes
endlich seine Bedeutung in unserem Leben verliert.
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