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In den ersten Jahren dieses Jahrtausends, von dem wir uns alle
sicherlich vieles erwartet haben, hat sich in aller Stille eine ganz
andere Entwicklung abgezeichnet, die gegen unser allzu subjektives
Empfinden steuert und daher bisweilen kaum in ihrer ganzen Tragweite
gesehen wird. So haben diese Jahre nicht nur neue Kriege und Terror in
unsere Wohnzimmer gebracht, sondern auch das ganze Repertoire vom Hunger
bis zum Völkermord. Dagegen scheinen viele andere Entwicklungen, wie
gescheiterte Renten- und Sozialsysteme, schon geradezu von
untergeordneter Bedeutung zu sein. Überschattet von diesen Ereignissen
hat sich aber auch der Zerfall der westlichen Demokratien weiter
ausgebreitet und zu einer ernsthaften Erosion der eigentlichen Basis
dieser Systeme geführt. Dieser Zerfall wird in seiner Folge zu einer
globalen Veränderung der wirtschaftlichen und politischen Systeme
führen. Die Grundlagen hierfür wurden bereits vor langer Zeit gelegt und
es mag daher auch überraschen, dass diese Wurzeln ihre Kraft aus unserer
eigenen Psyche beziehen.
Der moderne Mensch hat die beachtliche Fähigkeit entwickelt seine Umwelt
und vor allem sein eigenes Dasein so selektiv wahrzunehmen, dass ihm
alle negativen Aspekte seines Lebens möglichst verborgen bleiben,
zumindest jedoch so schnell wie möglich relativiert oder verdrängt
werden, denn nichts ist dem Menschen so suspekt, wie seine eigene
Existenz. Universelle Werte, wie sie von Plato propagiert wurden, sind
genau so in den Hintergrund unseres Denkens gedrängt worden, wie die von
einem Maximilien Robespierre verfochtenen Menschenrechte und hier vor
allem der Gedanke der Freiheit. Der Grundgedanke der Demokratie und die
damit zwingend einhergehende Idee der Gedankenvielfalt, der
Individualisierung und der dem Individuum ureigen anhaftenden Freiheit,
sich nach seinen ihm eigenen Fähigkeiten zu entwickeln, wird keineswegs
nur dadurch erfüllt, dass sich eine Gesellschaft freie Wahlen verordnet.
So denkt der Geist der Demokratie auch nicht in bunten Farben wie
schwarz, rot, grün oder gelb, sondern strebt nach Werten und deren
Realisierung zum Wohle der Gemeinschaft. Um zum Leben zu erwachen bedarf
die Demokratie als Ausdruck des Willens nicht der Wählerstimmen und auch
nicht der politischen Parteien, sondern in erster Linie eines treibenden
Geistes, der von der einzig immanenten Kraft, dem homo politicus,
geschaffen wird. Ohne diese Basis verkommt die Demokratie zur bloßen
Organisationsform und zum Instrument politischer Beeinflussung der
Massen. In einem solchen Zustand entstehen Klassengesellschaften unter
dem Deckmantel der Demokratie, die sich damit selbst ad absurdum führt.
Eine vom ARD im November 2006 veröffentlichte Umfrage ergab, dass
immerhin 51% der Befragten mit der Demokratie im Lande unzufrieden waren
und darüber hinaus ganze 66% die deutschen Verhältnisse als ungerecht
empfanden. Der EU Durchschnitt liegt gerade einmal bei 56% und in
Frankreich sind nur noch 45% der Befragten mit der Demokratie zufrieden.
Auch George W. Bush erhielt vom amerikanischen Volk nach einer Umfrage
des Magazins Newsweek im gleichen Zeitraum gerade noch 31% Zustimmung
für seine Politik und Tony Blair liegt etwa in der gleichen Bandbreite.
José Maria Aznar musste seinen Posten schon im Jahre 2004 räumen, da er
den Willen des spanischen Volkes ignorierte und junge Demokratien, wie
hier in Thailand, zeigen ein ganz verwegenes Bild, wenn es um die
Erhaltung der demokratischen Freiheiten geht, denn die Begrüßung eines
Militärputsches mit Rosen und Girlanden mag vielleicht ein schönes Bild
im nächtlichen Bangkok abgegeben haben, doch hat die Bevölkerung damit
auch das Ende der ihr ansonsten wichtigen demokratischen Rechte
gefeiert. Auch im Irak will die Demokratie trotz landesweiter Wahlen
nicht so recht Wurzeln schlagen und der Traum von einem demokratischen
Irak ist weiter entfernt als je zuvor. Liegt es an der Idee der
Demokratie, haben wir eine globale Führungskrise oder haben wir ganz
einfach das Interesse daran verloren?
Interessanterweise ist diese Fragestellung nicht ganz neu und sie wurde
bereits von Erich Fromm in Werken wie „Escape from Freedom“ und „The
Fear of Freedom“ ausführlich diskutiert. Darin sieht Fromm eine hohe
Wahrscheinlichkeit, dass sich die Menschen insgesamt eher zu autoritären
Systemen hinwenden werden, da das Individuum die mit der Freiheit
verbundenen Gefahren und Verantwortungen ganz einfach nicht übernehmen
will. Doch politische und gesellschaftliche Systeme fallen nicht vom
Himmel, sind damit auch nicht unveränderlich, sondern ein Produkt der
jeweiligen Kräfte und vor allem dessen, was jeder Einzelne zulässt oder
nicht. So ist die schweigende Masse der eigentliche Feind der Demokratie
geworden. Ist die Unzufriedenheit mit der Demokratie oder den gerade
amtierenden politischen Persönlichkeiten dann eher eine Kritik am
System, an der Person oder eher ein Ausdruck der individuellen Angst und
Sorge um die eigene Zukunft?
Der Zusammenbruch des mittelalterlichen Feudalsystems führte
unweigerlich zu einer Auflösung starrer Gesellschaftsstrukturen. Die
Menschen waren nun frei und konnten unabhängig denken und handeln. Im
gleichen Zuge gingen jedoch auch gewohnte Sicherheiten und vielfältige
soziale Bindungen verloren. Während diese Veränderungen zu einer der
kreativsten Perioden Europas führten, namentlich der Renaissance, muss
aber auch dem Umstand Rechnung getragen werden, dass die Menschen in
zunehmendem Maße in eine gesellschaftliche Isolation und damit in ein
Gefühl der Hilflosigkeit verfielen. Die Entwicklung kapitalistischer
Systeme hat diese Aspekte nur weiter vertieft, auch wenn sich der
Einzelne heute frei und sehr wohl ungebunden fühlen mag. Ob dieses
Gefühl der Realität entspricht, mag mit Erich Fromm bezweifelt werden,
denn der Geist der gesamten Kultur wird in jeder Gesellschaft von den
einflussreichsten Gruppen bestimmt. Dies ist schon deshalb so, weil
diese Gruppen die Macht haben das Ausbildungssystem, die Schulen, die
Kirche, die Presse oder die Kunst zu kontrollieren und der ganzen
Bevölkerung ihre Sicht der Dinge aufzuerlegen. Darüber hinaus tragen
diese Gruppen so viel Ansehen, dass vor allem die niedrigeren Klassen
mehr als bereit sind, diese Ideen anzunehmen und deren Werte zu
imitieren, um sich letztlich mit diesen Gruppen selbst zu
identifizieren.
Ausgesprochen interessant sind auch die Gedanken eines Neil Postman in
seinem bemerkenswerten Buch „Amusing ourselves to Death“ und die dort zu
findenden direkten Verweise auf Aldous Huxley und George Orwell. So
fürchtete letzterer diejenigen, die Bücher verbieten. Huxley hingegen
befürchtete, dass es eines Tages keinen Grund mehr geben könnte, Bücher
zu verbieten, weil keiner mehr da ist, der Bücher lesen will. Orwell
fürchtete jene, die uns Informationen vorenthalten. Huxley fürchtete
jene, die uns mit Informationen so sehr überhäufen, dass wir uns vor
ihnen nur in Passivität und Selbstbespiegelung retten können. Orwell
befürchtete, dass die Wahrheit vor uns verheimlicht werden könnte.
Huxley befürchtete, dass die Wahrheit in einem Meer von
Belanglosigkeiten untergehen könnte. Er fürchtete die Entstehung einer
Trivialkultur und schreibt in „Brave New World Revisited“, dass die
Verfechter der bürgerlichen Freiheiten und die Rationalisten, nicht
berücksichtigt haben, dass das Verlangen des Menschen nach Zerstreuung
fast grenzenlos ist. Die Parallelen werden unschwer klarer.
Der heutige Mensch sieht sich zunehmend ohnmächtig gegenüber den
Vorgängen, die sein Leben bestimmen. Hat er sich wirklich von den
feudalen Strukturen des Mittelalters befreit oder wurden diese
Strukturen letztlich nur durch eine Illusion ersetzt, die den Einzelnen
in einer ähnlichen oder gar größeren Abhängigkeit belassen? Die moderne
Gesellschaft sieht die Sinnfrage und ein individuelles Leben nicht mehr
als Stärke, sondern als Schwäche, als esoterisch und unpassend für das
Bild des jungen und dynamischen Menschen, der seine Leistungsfähigkeit
nur noch in einem Zeitfenster zwischen 25 und 50 Jahren einbringen kann.
Unsere Ziele sind materielle Werte, die mehr durch die Kaufkraft und
Leistungsfähigkeit als durch Wertigkeiten geprägt sind. Der Einzelne
muss sich diesen Anforderungen in jedem Falle unterordnen, sich einfügen
und sein Leben danach ausrichten, um diesem Bild zu entsprechen. So
verformen sich auch individuelle Entscheidungsvorgänge bewusst oder
unbewusst in Bemühungen zur Erreichung dieses gesellschaftlich
propagierten Zieles und aller Erwartungen, die davon ausgehen. Die Angst
geht um und man arbeitet heute nicht mehr „beim Daimler“, denn die Treue
und Beziehung zur Firma hat heute keinen Wert mehr. Der moderne Mensch
muss sich anbieten, produktiv und vor allem passend sein. Dabei verliert
er die beste seiner Qualitäten: seine Individualität.
Angesichts einer fortschreitenden Qualifizierungen der Bevölkerung in
Zielkunden, Wählerpotenziale und Arbeitseinheiten, entwickelt sich eine
sehr ernstzunehmende Gleichgültigkeit gegenüber den Belangen der
Demokratie und als Folge davon der Rückzug in die Privatsphäre, denn
mehr als zuvor empfindet der Mensch in unserer Zeit seine Isolation und
Machtlosigkeit. Politische Parteien sind schon lange kein geeigneter
Nährboden für neue Ideen und Veränderungen, sondern zeigen sich als
undurchschaubare Machtapparate, die nach Erhalt der Wählergunst sofort
jegliche Verbindung zur Basis verlieren. Aber auch unsere Unternehmen
sind kein Teil der Gesellschaft mehr, da sie sich heute nur noch an
globalen Zielen orientieren, bei deren Realisierung die Menschen der
eigenen Region mehr und mehr an Bedeutung verlieren. Die Distanz wird
immer größer und unsere modernen Gesellschaften entfernen sich zunehmend
von den Menschen, die in ihnen leben. Statt dessen und wohl als
Ausgleich gedacht, werden Produkte geschaffen, die man haben muss, aber
nicht braucht. Man wird mit Fernsehkanälen und Filmen überhäuft, hat 24
Stunden Nachrichten aus aller Welt als Ergänzung zu unzähligen Zeitungen
und Zeitschriften. Wellness, Computerspiele und das Internet tun ihr
Übriges, um uns die Zeit zu füllen und von Fakten wie zunehmender
Verarmung, Arbeitslosigkeit und einer völlig gescheiterten Finanzpolitik
abzulenken. Man muss als Politiker schon Ideen haben, wenn man jährlich
über 80 Milliarden Dollar in den Irak Krieg pumpt und den Menschen
zuhause weder eine ausreichende Schulausbildung, noch eine umfassende
Krankenversicherung anbieten kann. Haben die Politiker und die
Unternehmen als Oberschicht wieder die Rolle der Feudalherren
übernommen?
Alte wie junge Demokratien können nicht ohne eine aktive Beteiligung der
Bürger leben und existieren. Entfällt die Beteiligung und die
Anteilnahme, dann ist dies auch das Ende der Demokratie. Wie weit wir
uns schon den Befürchtungen eines Aldous Huxley oder George Orwell
genähert haben, ist erstaunlich und zugleich erschreckend. In der Tat
ist auch Erich Fromm darin zu folgen, dass diese subtilen Methoden der
Verdummung für unsere Demokratien gefährlicher sind, als alle direkten
sonstigen Angriffe, die wir alle so fürchten. Eine täglich anwachsende
Informationsflut und die weitreichenden Wirkungen der Werbung, wie auch
der politischen Propaganda, erhöhen dabei nur das Gefühl der Isolation
und der Unwichtigkeit des Einzelnen. Auch die in der Politik übliche
Wiederholung von Slogans und Fakten, die mit der Sache nichts zu tun
haben, verringern die kritische Kapazität der Bürger. Doch Isolation und
ein Gefühl der Unwichtigkeit führen nur zur Gleichgültigkeit gegenüber
dem System. Die Menschen sind damit für eine gewisse Zeit zwar einfacher
zu managen oder zu regieren. Auf lange Sicht verlieren die Politiker,
wie auch die Unternehmen, jedoch ihre Basis und damit zwangsläufig die
Legitimation ihrer eigenen Existenz. Dies sollte allen Beteiligten zu
denken geben, bevor wir all dies in andere Teile der Welt exportieren.
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