|
Als Bundeskanzlerin Angela Merkel im Mai 2006 ihren Antrittsbesuch in
der Volksrepublik China antrat, konnte sie auf eine Handelsbilanz von
soliden 60 Milliarden Euro blicken und damit als stärkster europäischer
Geschäftspartner auftreten. Zeitgleich veröffentlichte das Magazin der
Stern am 22.05.2006 Auszüge eines geheimen Papiers des
Asien-Pazifik-Ausschusses der deutschen Wirtschaft, woraus unschwer zu
lesen war, dass die anfängliche Euphorie bei den deutschen Unternehmen
inzwischen wohl weitgehend verflogen war. Diese vom Stern als
Jammerkatalog der Wirtschaft bezeichnete 15 Punkte Liste umfasste daher
auch so ziemlich alles, was man in einem Markt beklagen kann. Unter den
rund 2000 deutschen Unternehmen, die im Land der Mitte über die Jahre
immerhin etwa 8 Milliarden Euro investiert haben, finden sich nicht nur
renommierte Namen deutscher Großunternehmen, sondern inzwischen auch
zahlreiche mittelständische Unternehmen, wobei diejenigen wohl nicht
mehr aufgeführt werden, die ihre Zelte bereits wieder abgebrochen haben.
Im Grunde ist es ja verwunderlich, dass man Frau Merkel für ihren Besuch
keinen konkreten Maßnahmenkatalog mitgegeben hatte, sondern eine Liste
zu behebender Mängel. Aber vielleicht ist es auch nur ein Hinweis auf
die eigentlichen Probleme, die deutsche Unternehmen in China plagen.
Jedoch waren und sind diese Probleme weder unvorhersehbar, noch
unvermeidbar.
Die Öffnung Chinas und die fortschreitende Globalisierung wurde von sehr
vielen euphorisch angenommen und wie die Lemminge strömten tausende
Firmen in das Land der Mitte, geblendet von dessen Größe und einem
anscheinend unendlichen Marktpotenzial. Doch eine fortschreitende
Globalisierung der Welt führt nicht nur zu Vorteilen und schon gar nicht
zu einer Vereinfachung der Rahmenbedingungen.
Die Zeit der Handlungsreisenden ist endgültig vorbei, denn die meisten
Zielmärkte haben sich weiter entwickelt, sind eigenständiger und vor
allem selbstbewusster geworden. Umsatz und Gewinn haben als primäre
Götzen ausgedient und werden durch eine „globale Lokalisierung“ als Ziel
aller Unternehmungen ersetzt. „Bist du in Rom, mach es wie die Römer!“
In der Tat ein bekanntes Zitat, doch wie alle Binsenweisheiten wird auch
diese kaum in Strategien übernommen und vielerorts dominiert noch immer
die unterschwellige Hoffnung, dass sich die Chinesen an uns anpassen
werden.
Ungeachtet der Probleme, die viele Ausländer mit ihren chinesischen
Partnern und Kunden haben, muss zunächst einmal erkannt werden, dass
China eine der ältesten Zivilisationen der Welt ist. Wer dies nicht
versteht, kann auch die chinesische Art zu Denken und zu Handeln nicht
verstehen. Die Chinesen haben den Handel vor tausenden von Jahren
geradezu erfunden und von Anfang an wichtige Erfahrungen gemacht, die
ihre Geschäftspraktiken noch heute nachhaltig beeinflussen. Im Gegensatz
zu europäischen Geschäftsleuten werden Chinesen auch immer die
Erfahrungen der Vergangenheit und vor allem der eigenen Geschichte in
ihr Handeln einbeziehen. Daher ist es ausgesprochen wichtig danach zu
fragen, was einen chinesischen Partner antreibt. Dabei wird man sehr
schnell erkennen, dass sich unsere Denkweise in ganz entscheidenden
Punkten von der chinesischen Weltanschauung unterscheidet und damit zu
klaren Diskrepanzen führt. Unser Denken lässt uns aber immer wieder nach
Gemeinsamkeiten suchen und nicht nach den ganz offensichtlichen
Unterschieden. Als vor Jahren der Zug deutscher Unternehmen nach China
begann, wurden oft bewährte Manager ins Feld geführt, die sich durch
große Erfolge in der ehemaligen DDR ausgezeichnet hatten. Der Blick auf
vermeintliche Gemeinsamkeiten der Märkte war so trügerisch wie die
spätere Annahme, dass ein Manager aus Singapur letztlich ja auch ein
Chinese sei. Weiter kann man von der Realität nicht entfernt sein.
Auch das ist in der chinesischen Denkweise anders, denn dort folgen die
Regeln der Wirtschaft nahezu ausnahmslos den Regeln des Krieges und
diese sind auch heute noch bei Sun Tzu nachzulesen. Als Deng Xiaoping
vor drei Jahrzehnten das chinesische Volk mit der Devise „getting rich
is glorious“ in eine neue Zukunft führte, wurde auch klar, dass dies der
Reichtum Chinas sein würde. Wichtiger ist jedoch die Erkenntnis, dass
all dies nur und ausschließlich nach chinesischem Muster und nach
chinesischen Regeln erfolgen würde – ein Umstand, den auch die
amerikanische Regierung bis heute nicht in seiner vollen Tragweite
erfasst hat. Doch in China ist die kürzeste Verbindung zwischen zwei
Punkten nicht immer eine Gerade. Vielmehr ist chinesisches Handeln zwar
von einer strikten Verfolgung eines Ziels geprägt, wobei der Weg dorthin
flexibel, veränderbar und vor allem nicht an einen bestimmten Zeitablauf
gebunden ist. Die Taktik ist von elementarer Bedeutung und diese richtet
sich nach den jeweiligen Gegebenheiten und vor allem nach den Schwächen
des Gegners. In diesem Umfeld gedeiht auch die Kunst der Täuschung, die,
in ihrer eigenen Art und unter diesem „Kriegsrecht“, nicht als
verwerflich angesehen wird, sondern eine hohe Begabung ist, die es
unbedingt zu erlernen gilt. Unter dieser Prämisse erübrigen sich alle
Hoffnungen auf Vertragstreue und althergebrachte kaufmännische Regeln.
Es scheint daher auch nicht verwunderlich, dass Chinesen einen Vertrag
eher als eine Richtlinie sehen, die jederzeit an neue Gegebenheiten
anzupassen ist. Spätestens an dieser Stelle zerfallen unsere
europäischen Wertvorstellungen und dies zu unrecht, da unser
kapitalistisches Wirtschaftssystem letztlich auf den selben Prinzipien
aufbaut – nur die Methoden erfahren jetzt eben eine chinesische Prägung.
China war und ist sich seiner Stärken und Schwächen durchaus bewusst und
dies muss bei einer Bewertung des Marktes entsprechend berücksichtigt
werden. Man hat es also keineswegs mit einem unerfahrenen Land zu tun,
das sich über jeden deutschen Investor freut, sondern mit einem System,
das genau weiß, was es will und darüber hinaus die organisatorische
Macht besitzt, dies durchzusetzen. Um an fehlendes Kapital und vor allem
neueste Technologien zu gelangen, wurde der Markt geöffnet und die Karte
der unbegrenzten Möglichkeiten gespielt. Dabei hat China jedoch nie aus
den Augen verloren, dass das ultimative Ziel eine Stellung als
politische, wirtschaftliche und militärische Weltmacht ist, denn nur
dies wird dem Selbstverständnis Chinas gerecht. So hat man in China
unsere Denkweise und Methoden genau studiert und schon Anfang der 90er
Jahre wurden zentral organisierte Lehrgänge im Umgang mit Ausländern
abgehalten. Ziel waren jedoch nicht die Gemeinsamkeiten, sondern eher
die Eigenheiten unseres Verhaltens, welche, bei entsprechender Taktik,
in einen Vorteil für die chinesischen Partner verwandelt werden konnten.
Die Frage nach dem „cui bono?“ – wer hat den Nutzen – ist daher einfach
zu beantworten: China. So wird immer nur so viel gegeben, wie absolut
notwendig ist, um das gesteigerte Interesse der Investoren zu erhalten
und auf der Gegenseite wird alles genommen, was der aus chinesischer
Sicht blinde Investor bereit ist für die bloße Aussicht auf grenzenlose
Profite zu geben. Ganz im Sinne modernen Marketings werden also gezielt
Träume verkauft, die teuer zu bezahlen sind. Der Erfolg hat dieser
Taktik Recht gegeben und ausländische Investoren sind sogar bereit ihr
Know-how im Rahmen eines Technologietransfers auf chinesische Partner zu
übertragen. Aus chinesischer Sicht ist darin weder etwas Verwerfliches
oder Unmoralisches zu sehen, sondern lediglich der Versuch, die sich
bietenden Möglichkeiten bei der Erreichung des gesteckten Zieles
vollständig auszuschöpfen. Deshalb wird auch geistiges Eigentum in China
erst dann richtigen Schutz erfahren, wenn chinesische Firmen selbst in
der Lage sind entsprechende Technologien auf den Markt zu bringen.
Andererseits mag der Eindruck, dass chinesische Manager unprofessionell
und oft sehr unzuverlässig sind, dann unvermeidlich sein, wenn man außer
Acht lässt, dass diese ganz anderen Prinzipien folgen als wir. So
entwickelt sich eine kontrollierte Unzuverlässigkeit zu einer wirksamen
Waffe, wenn der ausländische Manager unter Entscheidungsdruck steht,
weil die Quartalszahlen anstehen oder der Besuch zu knapp geplant wurde.
Je höher der Druck, umso höher die Bereitschaft weitere Rabatte gegen
eine schnelle Unterschrift einzutauschen. Sieht man sich die Entwicklung
der letzten zehn Jahre in China genauer an, dann stellt man unschwer
fest, dass die vermeintliche Unprofessionalität durchaus zu enormen
wirtschaftlichen Erfolgen geführt hat. Liest man dagegen die Berichte
deutscher Firmen in China, dann stellt sich hier ein grundlegend anderer
Tenor dar.
Zudem muss der in China tätige Manager noch immer eine Balance zwischen
den Erwartungen und Anforderungen aus der eigenen Firmenzentrale und den
lokalen Gegebenheiten und Möglichkeiten finden, die es ihm letztlich
ermöglicht, lokal erfolgreich zu sein. Dabei bleibt es kaum aus, dass er
in unlösbare Konflikte gerät, weil eine Quartalsplanung mit einer
Langzeitplanung einfach nicht zu vereinbaren ist. Er muss auch dringend
damit beginnen, grundsätzlich chinesisch zu denken und zu handeln und
dies wiederum in deutsch zu erklären. Seine eigenen Wertvorstellungen,
Prinzipien und Prioritäten müssen sich in gleichem Maße anpassen wie die
Geschäftspraktiken und im Grunde besteht das größte Problem in einem
drohenden Identitätsverlust. Unternimmt er diese Anpassung nicht, dann
wird er beidseitig inkompatibel und seine Situation verwandelt sich in
einen Überlebenskampf, den er selbst vielleicht noch gewinnen mag, die
Firma jedoch sicherlich verlieren wird.
Dieser Heimvorteil wird konsequent genutzt, denn es geht hier keineswegs
um Wertvorstellungen, sondern um einen Krieg in dem alle Mittel erlaubt
sind, die zum Erfolg führen. Wenn ausländische Manager alle drei Jahre
in ein anderes Land versetzt werden, entstehen genau in diesem Rhythmus
neue Möglichkeiten und kaum ein Manager schafft es, sich in zwei Wochen
in die lokale Gedankenwelt zu integrieren und schon gar nicht
langjährige Freundschaften aufzubauen. Es ist daher selten die fachliche
Qualifikation des Mitarbeiters, die hier zu Buche schlägt, sondern
vorrangig die unternehmensweite Ausrichtung und eine konsequente
Umsetzung einer globalisierten Lokalisierung, denn erst durch diese
Ausrichtung werden die entscheidenden Rahmenbedingungen geschaffen, die
es auch einem qualifizierten Mitarbeiter erlauben erfolgreich zu
arbeiten.
Führt man diesen Gedanken konsequent zu Ende, dann wird die
Größenordnung der erforderlichen Veränderungen schnell bewusst. Firmen
müssen sich selbst ein Umfeld schaffen, das ihren Mitarbeitern
ermöglicht tatsächlich lokal zu arbeiten. Dies bedeutet, dass auch die
Firma gleichzeitig chinesisch, indisch oder japanisch werden muss. Diese
Transformation muss in der Folge die gesamte Firmenstruktur erfassen und
sich von einer lokalisierten Personalpolitik über Berichtszeiträume bis
hin zu Produktdesign und Geschäftspraktiken erstrecken. Dies erfordert
nicht nur eine umfangreiche Flexibilität der Mitarbeiter vor Ort,
sondern auch die Integration dieser globalen Komplexität in den
Firmenzentralen. Wie weit die meisten Firmen hiervon noch entfernt sind,
haben die chinesischen Geschäftspartner zu ihrer eigenen Freude schon
lange erkannt.
Versagen, wie alle kritischen Situationen, sind nach chinesischer Sicht
immer auch eine Chance und eine Möglichkeit, die es sinnvoll zu nutzen
gilt. Selbstkritik des Individuums, wie auch der Gruppe, macht aber nur
dann Sinn, wenn das eigentliche Ziel nicht aus den Augen verloren wird
und wenn der Kontext weder verschleiert noch beschönigt wird. Dabei gilt
es die Regeln des Spiels zu erkennen und zu verinnerlichen. Vor allem
aber gilt es zu erkennen, dass diese Regeln nicht von uns aufgestellt
wurden. Es sind chinesische Regeln und diese folgen nun einmal
chinesischen Prinzipien. Je schneller man sich darauf einstellt, desto
schneller werden auch Erfolge zu verzeichnen sein. Ein erster Schritt in
diese Richtung wäre die Lektüre des Buches „Die Kunst des Krieges“ von
Sun Tzu unternehmensweit zur Pflichtlektüre zu erklären.
|