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Nicht ganz ohne Stolz ließ die thailändische Zentralbank schon Tage
zuvor wissen, dass etwas Wesentliches anstehe, und reihte sich damit in
die Stimmung des Landes ein, die mit dem Militärputsch vom 19. September
2006 die politische Landschaft nachhaltig veränderte. Eine „historische“
Maßnahme hätte es nach Meinung der Verantwortlichen werden sollen und in
der Tat wird der 19. Dezember 2006 nun als historischer Tag in die
Geschichte des Königreichs eingehen. An diesem inzwischen als „schwarzer
Dienstag“ bekannten Tag konnten Investoren nicht nur einen dramatischen
Zerfall des thailändischen Aktienindexes SET mit einem Verlust von
14,84% und damit geschätzten 800 Milliarden Baht erleben, sondern auch
die Korrektur der genannten „historischen“ Maßnahme und all dies
innerhalb von 24 Stunden. Der nächste Handelstag sah dann auch prompt
einen signifikanten 11,16% Anstieg des SET und eine augenscheinliche
Erholung von einem Schock, den viele Investoren spontan als rüdes
Blutbad bezeichnet hatten. Hat sich die ganze Angelegenheit damit
erledigt und ist es angebracht wieder zur Tagesordnung überzugehen oder
sollte der „schwarze Dienstag“ in Thailand mehr offenbaren als einen
bedauerlichen Fehler?
Der Wirtschaftskrise in 1997 gingen ein ungezügeltes Wachstum und eine
Stimmung der Unbesiegbarkeit voraus. Im Gegensatz hierzu zeigen sich die
wirtschaftlichen Eckdaten im Jahr 2006 in einem wesentlich besseren
Licht und geben ausreichend Anlass zu einer positiven Bewertung des
thailändischen Marktes. Dies ist ein Resultat der Erfahrungen, die man
während der Wirtschaftskrise nicht nur in Thailand gewonnen hatte und
vor allem ist es ein Lernprozess, der sich langsam aber sicher auch hier
etabliert hat. Die neu gewonnene Attraktivität führte zusammen mit dem
globalen Zerfall des Dollars zu einer signifikanten Aufwertung des
thailändischen Baht, der noch einen Tag vor dem „schwarzen Dienstag“ mit
einem Stand von 35,06 gegen den Dollar notierte und damit eine
Aufwertung von 16% im Vergleich zum Jahresanfang verzeichnete. Das mag
für den Euro oder den Dollar noch im grünen Bereich liegen, doch die
Probleme einer starken Währung sind in ihren Auswirkungen vor allem in
Entwicklungs- und Schwellenländern wohl bekannt und so stand die neue
thailändische Militärregierung unter intensivem Druck lokaler Firmen,
die ihre Interessen durch die starke Währung gefährdet sahen.
Es ist daher nicht verwunderlich, dass die thailändische Zentralbank
nach geeigneten Maßnahmen suchte, die eine weitere Stärkung des
thailändischen Baht verhindern sollten. Anlass für die Dringlichkeit
einer solchen Maßnahme war nicht zuletzt der Anstieg des kurzfristigen
Kapitalzuflusses von 300 Millionen Dollar im November auf 950 Millionen
Dollar im Dezember. Damit steht Thailand jedoch nicht alleine und die
meisten Länder der Region sehen sich mit einer Aufwertung ihrer lokalen
Währungen und damit mit erheblichen Wettbewerbsproblemen konfrontiert.
Die Maßnahme der Wahl ist jedoch üblicherweise eine entsprechende
Anpassung des Zinsniveaus. Warum also wählte man hier in Thailand
entgegen der normalen und durchaus erprobten Praxis eine drakonische
Beschränkung des Devisenhandels, welche vorsah, dass ausländische
Investoren bei Beträgen über 20.000 US$ einen Anteil von 30% in lokalen
Finanzinstituten parken müssen, wobei dieser Betrag erst nach Ablauf
eines Jahres wieder freigegeben wird. Eine vorzeitige Rückführung
solcher Beträge sah entsprechende Strafen vor. Anders als eine
schrittweise Anpassung des Zinsniveaus, wie wir dies von Alan Greenspan
kennen, führte die „historische“ Maßnahme der thailändischen Zentralbank
dann unvermeidlich zu einem Zusammenbruch des Aktienmarktes.
Die Frage stellt sich, ob diese Marktreaktion für die thailändische
Zentralbank nicht absehbar war und welche Überlegungen dazu geführt
hatten, einer Beschränkung des Marktes den Vorzug zu geben.
Finanzpolitische Betrachtungen führen bei der Beantwortung dieser Frage
jedoch kaum zu befriedigenden Lösungen und man darf vermuten, dass die
eigentlichen Gründe in anderen Bereichen zu finden sind. Es wäre aber
sicherlich auch zu einfach eine solch einschneidende Maßnahme nur mit
Naivität zu erklären, da die Verantwortlichen der thailändischen
Zentralbank durchaus über die notwendige Erfahrung verfügen, um mit
einer so normalen Situation, wie der Aufwertung der Währung, umzugehen.
Mehr Aufschluss bietet aber eine langfristige und sensible Betrachtung
der thailändischen Denkweise und vor allem die Motive, welche das
thailändische Handeln immer wieder beeinflussen. Dabei wird einerseits
schnell klar, dass sowohl drakonische und einschneidende Maßnahmen keine
Seltenheit sind und andererseits, dass die nachträgliche Anpassung oder
gar Rücknahme von Entscheidungen nicht der Ausnahmefall sind. Dies ist
vor allem für ausländische Betrachter oft unverständlich, da sich
Thailand gerade durch ein ausgeprägtes „laissez-faire“ oder wie man hier
sagt „mai pen arai“ auszeichnet. Viele wirtschaftliche, politische oder
soziale Entwicklungen werden zwar durchaus gesehen, doch fehlt es immer
wieder an den zeitgerechten und vor allem kontinuierlichen Maßnahmen, um
diesen Entwicklungen effektiv zu begegnen. Es ist ein essenzieller Teil
thailändischer Denk- und Lebensart die Dinge zunächst zu betrachten und
nicht vorschnell oder gar aus Prinzip zu handeln. Wird die Situation
jedoch schlimmer und zeigt sich Gefahr im Verzug, dann beweist man in
Thailand eher selten Geduld oder Übersicht und versucht stattdessen die
Welt in einem Tag zu ändern. Der Militärputsch im September 2006 kann im
Hinblick auf die damals bereits für das Jahresende anberaumten Neuwahlen
kaum anders gesehen werden, denn die Furcht vor einer Wiederwahl des
damaligen Premierministers Thaksin Shinawatra war Grund genug dafür, den
demokratischen Prozess einfach außer Kraft zu setzen und über Nacht
vollendete Tatsachen zu schaffen. So wurde zum Beispiel auch nach
Jahrzehnten halbherziger Maßnahmen plötzlich ein wahrer Feldzug gegen
den Drogenhandel geführt, der sich in seiner Folge mehr als blutig
erwies und heute nicht mehr existent ist.
Darüber hinaus sind Thailänder aber ein überaus stolzes Volk und
besonders wird immer wieder hervorgehoben, dass Thailand nie eine
Kolonie gewesen ist und sich vor allem durch diplomatische Methoden
immer wieder seine Freiheit gesichert hatte. Im Laufe der Jahrhunderte
scheint dieser Stolz jedoch auch eine gewisse neurotische Komponente
gegenüber allem Ausländischen erzeugt zu haben. So war es nicht
verwunderlich, dass sich der Widerstand gegen den inzwischen gestürzten
früheren Premierminister Thaksin Shinawatra erst dann zu einem
Buschfeuer entwickelte, als dieser seine Firma AIS ausgerechnet an
Temasek aus Singapur verkaufte und damit nach Ansicht vieler im Lande
Hochverrat betrieben hatte. Vorwürfe wie Bestechlichkeit, Arroganz und
Missbrauch der Amtsgewalt konnten das Fass alleine nicht zum Überlaufen
bringen. Vor diesem Hintergrund ist es wiederum verständlich, dass dem
dominanten Auftreten ausländischer Supermärkte wie zum Beispiel TESCO
nicht durch eine Stärkung der lokalen Firmen begegnet wurde, sondern mit
der Idee, dass man die Wettbewerbsfähigkeit der ausländischen Firmen
ganz einfach gesetzlich einschränken sollte.
Nun kann man sagen, dass all dies ein natürlicher Anpassungsprozess an
die fortschreitende Globalisierung und die damit verbundenen Änderungen
in der eigenen Gesellschaft sind. Doch Thailänder scheinen langfristigen
Maßnahmen und der eigenen Leistungsfähigkeit nicht sehr viel Vertrauen
entgegen zu bringen und die Angst vor ausländischem Einfluss oder gar
schlimmeren Folgen zieht sich elementar durch die Denkweise und das
politische Handeln. So war die jetzige Entscheidung der Zentralbank
nicht unbedingt verwunderlich, denn nur eine solche Einschränkung kann
ausländische Spekulanten endgültig davon abhalten, der eigenen
Wirtschaft Schaden zuzufügen. Alle anderen Maßnahmen lassen immer noch
Raum für trickreiche Finanzgeschäfte und bieten daher keineswegs eine
endgültige Lösung des Problems. Der Vorwurf der Naivität ist daher nur
insoweit gerechtfertigt, als man bei den Verantwortlichen wohl davon
ausging, dass die ausländischen Investoren eine solche Einschränkung
auch noch gerne hinnehmen würden. Aber auch dies ist eine thailändische
Eigenart, die es nur in ganz seltenen Fällen zulässt, die Welt mit einer
akzeptablen Objektivität zu sehen. So waren die Stellungnahmen nach
Verkündung der „historischen“ Maßnahme im Rundfunk und Fernsehen stark
von dem Argument geprägt, dass Thailand ein so guter und beliebter Markt
sei, dass sich kaum ein Investor von dieser Maßnahme abschrecken lassen
werde. Eine Meinung, die sich als grundlegend weltfremd erweisen sollte.
Von außen betrachtet zeigt sich dieser „Zwischenfall“ nach Ansicht
vieler Analysten als ein naives und befremdendes Verhalten und die
prompte Rücknahme der „historischen“ Maßnahme eher als peinlicher
Gesichtsverlust der Zentralbank und der thailändischen Regierung als
Ganzes. Auch bleibt natürlich die Frage offen, wer im thailändischen
System letztlich die Entscheidungen trifft und wie zuverlässig der
thailändische Markt überhaupt ist. All dies sind berechtigte Fragen und
Überlegungen, die man sich als Investor zur stellen hat.
Von innen betrachtet stellt sich dieser „Zwischenfall” jedoch eher als
„normal“ dar und unterstreicht nur die Schwierigkeiten eines
vergleichbar kleinen Landes sich im globalen Wettbewerb zu behaupten,
sich eine eigene Zukunft aufzubauen und dabei nicht unter die Räder der
Globalisierung zu geraten. Dr. Mahatir drückte dies als Premierminister
von Malaysia einst so aus, dass Investoren wie George Soros mit ihrer
schieren Finanzmacht das hart erarbeitete Geld eines Schwellenlandes
zerstören und zur Verarmung dieser Länder beitragen können. Und genau
darin liegt der Grund für manch unverständliche Marktbeschränkung: es
ist die pure Angst, diesem Feind nicht gewachsen zu sein. Dabei muss
sich ein Land wie Thailand natürlich in eine seltsame Liebesaffaire
begeben, denn ohne ausländisches Kapital lässt sich auch die Entwicklung
des Landes nicht weiter betreiben. Aber letztlich hat man auch in
Thailand erkannt, dass man den professionellen Geschäftspraktiken und
vor allem dem unglaublichen Finanzvolumen ausländischer Investoren
einfach nicht gewachsen ist. In dieser Situation die politische Balance
zu finden mag für eine unerfahrene Militärregierung auch eine allzu
komplexe Aufgabe gewesen sein und eine engstirnige Sicht der nationalen
Interessen hatte daher die Oberhand gewonnen.
Es wird also noch einige Zeit dauern bis Länder wie Thailand sich
entsprechend entwickelt haben, sich gleichwertig fühlen und letztlich
auch wie selbstbewusste und verlässliche Partner in diesem globalen
Markt agieren. Eine Ansteckungsgefahr wie in 1997 sollte im Grunde nicht
bestehen, da die heftige Marktreaktion anderen Ländern eher das
Gegenteil empfehlen wird. Es wird aber auch die gleiche Zeit in Anspruch
nehmen bis Investoren verstehen, dass kurzfristige Profite in der Tat
zwar Profite sind, die auf lange Sicht jedoch ganze Märkte schwächen und
zerstören können. Thailand wird seinerseits noch einige Zeit mit der
selbst verschuldeten Unsicherheit und dem Vertrauensverlust leben und
sich sowohl als Demokratie wie als verantwortlicher und verlässlicher
Partner bewähren müssen. Letztlich neigt unsere moderne Medienwelt
jedoch dazu solche „Zwischenfälle“ recht schnell zu den Akten zu legen
und Investoren werden sich schon bald wieder den Marktdaten und Analysen
zuwenden. Dennoch sollte dieser „Zwischenfall” aber auch eine
nachhaltige Mahnung für alle institutionellen und privaten Investoren
sein, dass „emerging markets“ anderen Gesetzmäßigkeiten unterliegen,
unberechenbarer und daher anfälliger und unbeständiger sind als andere
Wirtschaftsräume. Vielleicht ist es aber auch ein ausreichender Anlass
die Vorgänge um den „schwarzen Dienstag“ als Plädoyer für
Zusammenarbeit, gemeinsamen Erfolg und gegenseitiges Verständnis zu
erkennen – zumindest wäre das ein wichtiger Schritt in Richtung einer
sozial-verträglichen Globalisierung in der auch die Neulinge eine faire
Chance haben.
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