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Fasnacht

 

 
 

 

In Erwartung ereignisloser Stunden, nichtssagende Zeilen einer Zeitung lesend, versuchte ich verkrampft mit meinem Blick etwas länger an einem Punkt zu verweilen, mich für eine kurze Zeit trotz dieses herausfordernden, sich stetig bewegenden und verändernden Stromes von gut gelaunten, fröhlichen und ach so glücklichen Menschen auszuruhen und für wenige Minuten nur noch in mich hinein zu leben. Ein nahezu sinnlos anmutendes Vorhaben in Anbetracht der schmerzenden Leere, die sich im Laufe der Tage in mir breit gemacht hatte. Auch hatte ich die so sicher geglaubte Perspektive nahezu tot gezweifelt, von allen Seiten so zerfragt, bis sie schließlich als Abschreckung mir selbst gegenüberstand. In dem Versuch vorüberziehende Vorgänge zu erklären, Zusammenhänge zu beschreiben, ohne an deren Wichtigkeit letztlich zu glauben, überraschte mich ein lange verloren geglaubtes und schon fremd anmutendes Gefühl – eher noch eine innere Bewegtheit, ein nicht deutlich einzuordnendes Interesse an dieser neben mir stehenden Person. Es war mir plötzlich nicht mehr möglich wegzusehen oder gar wegzugehen, ich verspürte plötzlich das brennende Verlangen ihre Anwesenheit zu spüren, diesen Augenblick noch ein wenig festhalten zu dürfen. Unfähig meinem Empfinden Ausdruck zu geben, mich mitzuteilen, beschränkte sich der Dialog im Folgenden auf die bloße Feststellung ‘da zu sein’. Wie sollte ich auch all das ausdrücken, was mir ebenso fremd wie angenehm war, ohne mit banaler Aufdringlichkeit vor einem ohnehin ungewissen Beginn alles abzutöten und in den Bereich der Unglaubwürdigkeit zu ziehen. Plötzlich saß ich da, einen Zettel mit Name und Telefonnummer in der vorsichtig geschlossenen Hand, erinnerte mich daran, dass man schöne Augenblicke nicht endlos wiederholen und ausdehnen darf und wusste doch, dass ich sie wiedersehen musste und sei es nur, um mir eine Illusion zu nehmen.

In all dem aufgeregten Treiben fiel es nicht besonders auf, dass ich damit begonnen hatte mich durch die Menschen und den Raum hindurch in eine andere Wirklichkeit zu begeben. Es lag nicht daran, dass mich die Umtriebe der Narren störten. Das war mir eher gleichgültig. Oder vielleicht war es doch ein enttäuschtes Gefühl, weil die Narren nicht in der Lage waren, mich genau so in ihren Bann zu ziehen, wie all die anderen Leute um mich herum. Einmal im Jahr kommen die Menschen dieser Stadt aus ihren Häusern heraus und stellen sich der Welt in ungewohnt offener Weise. Einmal im Jahr sind all die Regeln vergessen und jeder darf für wenige Tage eine andere Person sein, in eine andere Haut schlüpfen oder sich völlig unkenntlich machen, verschwinden, um sich dann wie ein Phönix aus der Asche des Alltags wieder als Mensch zu erheben, als Mensch, der die starren Fesseln seiner Mittelmäßigkeit abstreift, die ihm zugewiesene Unwesentlichkeit und Belanglosigkeit für eine kurze Zeit vergessen darf, um sich mit Liebe und Zuneigung seinem Leben in einer Art zu widmen, die ihm ansonsten nicht erlaubt ist. Es darf jetzt gelacht werden, Sinnlosigkeit wird erstrebenswertes Ideal und treibende Kraft des Handelns und die Konturen der eigenen Persönlichkeit sind plötzlich nicht mehr peinlich, verletzend und unangenehm, sondern wert nach Außen getragen zu werden, sich im Lichte der Masse als die wahren Werte zu zeigen und Beweis anzutreten, dass unzählige Generationen vor uns nicht sinnlos vergeudet wurden und somit nicht ohne Früchte geblieben sind. Je mehr dem einzelnen dies gelingt, um so mehr Beifall scheint er zu ernten und desto beliebter wird seine vorgespielte Erscheinung sein. Eigentlich seltsam, dass bislang keinem dieser Narren aufgefallen war, dass er nur sich selbst spielte und die so mühsam aufgebaute Maskerade nichts anderes war als eine Facette des eigenen Wunschbildes. Vielleicht wird man gerade dann ein Narr genannt, wenn man meint anders sein zu müssen, um sich frei und glücklich zu fühlen. Vielleicht ist es aber auch nur die tiefe Angst des Menschen, dabei ertappt zu werden, dass er sich in seiner kläglichen Existenz ausreichend zufrieden fühlt oder gar versucht, sich als einmalig zu begreifen und zu akzeptieren. Ich konnte sie nie ertragen, diese tollen Menschen, diese Blender und Heuchler und ich ertappte mich vor allem in einsamen Stunden immer wieder dabei, dass ich dazu neigte, die gesamte Menschheit zu hassen. Es war eine innere Abneigung, die mich in mich selbst trieb, mich tief im Inneren nach Auswegen suchen ließ und die mir den Schlaf raubte, den ich so dringend benötigte. Woher nahmen all diese leuchtenden Persönlichkeiten die Kraft, sich mit den Dingen des Lebens so gut zu arrangieren, um sogar im Rinnstein der Armut und des Elends noch ihre strahlenden Gesichter zu bewahren? Worin lag das Geheimnis der Erfolgreichen, die sich über alle Leiden dieser Welt hinwegsetzen konnten und ohne Selbstzweifel auf ihrem Weg verharrten? Hatten diese selbst ernannten Führer die Weisheit gefunden, die zur Erklärung aller Rätsel gesucht und bislang nie gefunden wurde?

Es war mir nach einiger Bemühung gelungen, meine Rechnung zu begleichen und nun suchte ich meinen Weg durch die Menge der Maskierten und Verkleideten. Inzwischen war es mir auch gelungen wieder in meiner Welt zu sein und abgesehen von versehentlichen Berührungen fühlte nun auch ich mich wieder wohl. Ich dachte an die Ruhe, welche einen palmengesäumten goldenen Strand umgab und wie schön es sein musste, in der heißen Sonne aufzuwachen ohne durch Worte und Menschen gestört zu werden. Gerade jetzt empfand ich die Kälte der Fasnachtszeit besonders hart und ich sehnte mich nach der Stille meiner kleinen Welt. Ich weigerte mich zunehmend das verstehen zu wollen, was unaufhörlich auf mich einzudringen versuchte. Ich saß inzwischen wieder in einer Ecke meines Zimmers und begann mit starrem, bewegungslosem Blick von den Zeiten zu träumen, an die ich mich nur sehr schwer zu erinnern vermochte. Was gab es da so Wichtiges, dass ich so verzweifelt danach auf der Suche war? Nichts war da und allein der stete Versuch, wie ein Blinder in der Dunkelheit nach unsichtbaren Gegenständen zu greifen, welche doch nur zu vermuten waren, nahm mir meine ganze Kraft. Warum wollte ich mich ständig an etwas erinnern? Jeder der heute etwas auf sich hält, weiß auch etwas zu berichten. Gute alte Zeiten, große Taten und unendlicher Ruhm. Aber wer etwas zu berichten hat, wer tote und längst gelebte Erlebnisse zum Besten geben kann, der bekommt schließlich den Beifall der stillen, immer zurückhaltend abwartenden Masse und hat so die Gelegenheit, sich zeitweilig auszuruhen, für wenige Minuten Luft zu holen, ohne das kalte Messer der Erwartungen zu spüren, ohne übergangen zu werden. Geschichten, Ereignisse und längst vergangene Erfolge in die Menge zu werfen ist auch der einfachste Weg bar jeder Anstrengung in den Mittelpunkt des Interesses zu rücken. Ein interessantes Erlebnis oder wenigstens die Vorstellung von einer großen Tat sind durchaus ausreichend, um davon lange Jahre zu zehren. Es müsste so einfach sein, sich in die Ruhe zu begeben ohne sich dabei zu verkaufen. So einfach und doch mit der Aufgabe der Illusion verbunden.

Ich hatte niemanden, dem ich meine vergessenen Erinnerungen hätte erzählen können. Und doch saß ich nun da und stocherte in dieser trägen Masse herum, begann damit, mich mit anderen zu vergleichen und fand kein Licht, welches mich nach draußen hätte führen können. Sicher, die Musik aus dem Hintergrund versetzte mich in eine seltsame Stimmung, welche zwischen Angst und Zuversicht pendelte. Waren es die beinahe endlosen und so völlig unbekümmert durchlebten Nächte bei dröhnender Musik oder war es einfach der Wunsch, nicht mehr da zu sein – gerade jetzt nicht leben zu wollen? Ich bemerkte, wie sich nun ein wohliges und warmes Gefühl in mir breit machte und eine zarte Welle meinen zusammengesunkenen Körper durchlief. Ich war im Begriff das Vergangene auszugraben, Vorgänge zu verbinden, obwohl sich all dies nur bruchstückhaft in meinen Kopf verirrte und sich, wie von selbst, zu fantastischen Bildern in einem harmonischen Ganzen verband, so dass sich selbst das Unerträgliche in seiner schönsten Form betrachten ließ. Ich weigerte mich es aufkeimen, von mir Besitz nehmen zu lassen. Ich begann an einer nie endenden Kette von Erinnerungen zu ziehen, verbrachte an manchen Stellen geraume Zeit, stellte Überlegungen an und begab mich immer schneller zurück, ohne zu bemerken, wie abwesend ich meine eigene Vergangenheit gleich einem Film an mir vorüberziehen ließ. Ich war auf der Suche nach einem Grund, der geeignet war, mich in dieser Nacht am Leben zu erhalten. Zu gut war mir diese Situation bekannt. Ein einsames Zimmer, Musik von toten Menschen und langsam verschwanden die Konturen im Nebel der gelähmten Sinne.

Tränen quollen aus meinen halb geschlossenen Augen und ich suchte nach Schutz in meinen eigenen Armen. Ich dachte an sie, an ihre leuchtenden und lebensfrohen Augen, ihr Lächeln, welches schon lange nicht mehr mir gegolten hatte und an die Wärme ihrer Hand, wenn sie mir Mut zusprach, ich dachte auch an das zufriedene Gefühl zu Hause erwartet zu werden. Mein Blick hob sich und blieb wie gewöhnlich an dem übergroßen, hölzernen Kreuz, welches ich neben meinem Bett aufgehängt hatte, stehen. An diesem Punkt angelangt empfand ich immer wieder eine plötzliche, tiefe Verbundenheit mit diesem Sinnbild menschlichen Leidens, mit diesem Stück Holz, auf das man eine Blechfigur genagelt hatte. Es erschien mir bislang eigentlich immer wesentlich sinnvoller, an mich selbst zu glauben und das war schon schwer genug. Aber in diesen Stunden war alles ganz anders, ich war bereit mich zu opfern, Qualen auf mich zu nehmen für dieses Kreuz, wenn es nur mit mir sprechen wollte. Ich fand keinen Sinn. Ich stand langsam auf, ging ins Badezimmer und blickte minutenlang in das Gesicht im Spiegel, in dem ich mich nur schwer erkennen konnte. Ohne mich zu waschen legte ich mich ins Bett, verfolgte noch die Schatten an der Zimmerdecke, die von dem schwachen Licht der Laterne auf der Straße in mein Zimmer geworfen wurden und bemerkte, dass ich aufgehört hatte nachzudenken. Irgendwann bin ich eingeschlafen.

 

Thomas H. Jäkel

 

 
 

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