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„Bringen diese Artikel Lösungen für Probleme, an
denen wir alle zu knabbern haben?“ Wenngleich auch im Folgenden etwas
polemisch gehalten, so repräsentiert die so vorgetragene Leserkritik
sicherlich nicht nur den Unmut der Situation, sondern in ganz besonderem
Maße den Wunsch nach Lösungen, die ganz offenbar nicht einfach zu haben
sind. So schmeichelhaft auch die Annahme sein möge, daß wir all die
Antworten auf die drängenden Fragen des Lebens haben, so klar ist doch
wiederum die Antwort auf die Frage, nämlich: nein.
Nun können sie an dieser Stelle natürlich gleich damit aufhören, den
Rest dieses Artikels zu lesen. In der Tat ist uns allen genau dieses
jederzeit freigestellt, denn als mündige Bürger entscheiden wir selbst,
was wir uns antun, womit wir uns beschäftigen und wofür wir letztlich
unser Interesse einsetzen. Vielleicht ist es gerade dieser Ansatz, der
immer wieder meine Verwunderung hervorruft, wenn ich an einem Kiosk die
angepriesene Literatur bewundere und mich frage, warum es ganz
offensichtlich eine große Nachfrage für „Lösungsbücher“ und
gleichgeartete Zeitungen gibt, die vorgeben genau diese Antworten in
Fülle vorrätig zu haben.
Bei genauerer Betrachtung fällt es sogar schwer zu glauben, daß eine für
alle Leser veröffentlichte Lösung auch nur einen Bruchteil der Dinge
erfaßt, mit denen wir uns tatsächlich herumschlagen und die in der Tat
nach einer effektiven Lösung verlangen. Auch wird kaum einer der Leser
dieser „Lösungsbücher“ je zugeben, daß er seine privaten oder
beruflichen Lösung aus einem dieser Lebensratgeber kopiert und nun in
seinem Leben tatsächlich angewandt hat. Und doch verkaufen sich diese
Lektüren ausgesprochen gut, ohne jemals den Erwartungen gerecht zu
werden.
Im Jahre 1778 schrieb Gotthold Ephraim Lessing: „Wenn Gott in seiner
Rechten alle Wahrheit, und in seiner Linken den einzigen immer regen
Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu
irren, verschlossen hielte, und spräche zu mir wähle! Ich fiele ihm mit
Demut in seine Linke, und sagte: Vater gib! Die reine Wahrheit ist ja
doch nur für dich allein!“ Ist es opportun sich Wahrheiten zu kaufen, um
so in den Besitz der Wahrheit schlechthin zu gelangen oder sind
Wahrheiten und damit auch Lösungen nur durch ein stetes Streben nach der
Wahrheit selbst zu erlangen? Für Lessing waren die mit diesem Streben
nach Wahrheit verbundenen Widersprüche und Irrtümer, die sich
zwangsläufig aus der begrenzten Erkenntnisfähigkeit und Fehlbarkeit des
Menschen ergeben, eher verzeihlich und weniger schlimm als das starre
und sture Beharren auf dogmatischen Positionen, die als einzig gültige
Wahrheit verkauft werden, sei es in religiösen, politischen oder
literarisch-wissenschaftlichen Fragen.
Unser ganzes Leben hindurch wird uns vorgegeben, was richtig und was
falsch ist. Dieses Spiel wird in der Kindheit begonnen, setzt sich
während unserer Ausbildung fort und findet auch kein Ende, wenn wir dann
irgendwann einmal unsere berufliche Karriere beginnen. Damit ist es
jedoch keinesfalls getan, denn auch im Privatleben bedrängt man uns mit
„Wahrheiten“ und Verhaltensregeln. Trotz entsprechender Beteuerungen
wird uns dabei kaum flexibles oder kritisches Denken unterstellt,
sondern in ganz einfacher Form unser Bedürfnis nach Autoritäten
ausgenutzt. Und genau diese Autoritäten rufen wir an, wenn wir nach
fertigen Lösungen und Wahrheiten fragen.
Was aber ist Autorität? Eine Definition des deutschen Dudens erklärt
dies als „ ein auf Leistung oder Tradition beruhender maßgebender
Einfluß einer Person oder Institution und das daraus erwachsende Ansehen“.
Die vorgenannte Definition läßt jedoch offen, wie diese Person oder
Institution zu solch einem Einfluß und Ansehen gelangt und welche
Auswirkungen Autoritäten haben. So hat die katholische Kirche in einem
in der Geschichte wohl einmaligen Vorgehen ihre eigene Kompetenz und
Autorität ein für allemal selbst geregelt, als sie mit dem Ersten
Vatikanischen Konzil im Jahre 1870 die Unfehlbarkeit des Papstes
festgestellt hatte und damit drohte, jeden Zweifler für dessen
Irrglauben mit dem Anathema, also der Exkommunikation, zu belegen. Uns
Sterblichen ist ein solches Vorgehen leider vorenthalten und Autorität
muß noch immer erarbeitet oder anderweitig erlangt werden.
Die Frage ist also, ob sich Autorität von selbst entwickelt oder ob wir
es selbst sind, die diese Autorität vergeben und damit erst entstehen
lassen. Sicherlich, wir alle haben schon einmal die Situation erlebt,
daß eine Person den Raum betritt und unmittelbar respektvolle Ruhe
verursacht, ohne daß diese Person auch nur irgend einem der Anwesenden
bekannt ist. Zwar liegt es nahe in solchen Fällen der eintretenden
Person den Besitz von Autorität zu unterstellen oder ist es eher das,
was wir aufgrund verschiedener Äußerlichkeiten in diese Person
projizieren, um diese somit zur Autorität zu machen. In der Tat schaffen
wir uns ständig Autoritäten, die dann in der Folge unser Leben
nachhaltig beeinflussen. Ungeachtet der Tatsache, ob es sich hierbei um
den Vorstand des lokalen Fußballvereins, den Klassensprecher, den
Abteilungsleiter oder einen Staatspräsidenten handelt, diese Personen
werden mit Macht und nicht selten mit entsprechenden Insignien
ausgestattet. Doch auch die Definition des Dudens spricht nicht von
Macht, sondern von Autorität und erfordert daher eine weitere Komponente,
denn zur Autorität wird auch der Mächtigste erst, wenn wir diese Person
als eine solche Autorität erachten.
Leider wird genau diese Autorität oft bereits dann unterstellt, wenn wir
auf entsprechende Symbole wie Titel, Kleidung, Autos oder Familiennamen
reagieren. Die Folge ist, daß wir dazu neigen, Anweisungen dieser
sogenannten Autoritäten automatisch auszuführen ohne die Autorität
zunächst ausreichend in Frage zu stellen und zu prüfen. Autoritäten
ersetzen unsere Kritikfähigkeit und, um das Ganze noch perfekt zu machen,
werden diese Autoritäten von uns mit denselben Attributen der
Unfehlbarkeit belegt, wie dies die katholische Kirche für sich in
Anspruch nimmt.
Wie sonst kann es angehen, daß sich viele nun allzu bestürzt zeigen,
wenn wir erfahren, daß mit unserem ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl
doch etwas nicht ganz koscher gewesen sei. Anscheinend erwarten die
meisten doch allen Ernstes, daß ein normaler Mensch schon dadurch
fehlerfrei und über jeden Zweifel erhaben ist, nur weil wir ihn zum
Führer unseres Landes gemacht haben. Welch’ verklärtes Bild tritt hier
angesichts der Ergebnisse einer solch langen Amtszeit zutage und: wird
dem Betroffenen nun auch rückwirkend die Autorität entzogen? Und welche
Beweggründe stehen hinter der scharfen Kritik an dem Vorsitzenden der
Bischofskonferenz Karl Lehmann, der sich letztlich nur Gedanken über den
gesundheitlichen Zustand des Papstes gemacht hatte. Autoritätsentzug?
Wie weit geht Autorität und wo beginnt der normale Menschenverstand?
Nun, wenn wir diesen Personen und Institutionen schon unseren Respekt
bekunden und ihnen die notwendige Autorität verleihen, dann wollen wir
uns auch blind darauf verlassen, daß diese Autoritäten all die Fragen
des Lebens und der Gemeinschaft nicht nur allwissend behandeln, sondern
darüber hinaus in keinem Falle die Fehlbarkeiten mitbringen, die wir nur
zu gut in uns selbst sehen. Und so entsteht eine verhängnisvolle
Wechselwirkung, da die im Rampenlicht stehenden Autoritäten wiederum nur
allzu gerne ihre Entscheidungen eben danach fällen, was von den Umfragen
als populär ausgewiesen wird und nicht danach, was sie selbst für
richtig erachten.
Können wir uns dann auf die Antworten und Lösungen der Autoritäten
verlassen oder wäre es doch eher angebracht uns im Sinne aufklärerischen
Denkens dem Kampf gegen Vorurteile und dem Eintreten für die Vernunft zu
verschreiben. Ist Wahrheit nicht etwas allzu Persönliches, das wir durch
Nutzung unserer eigenen Ressourcen finden und begründen müssen oder ist
es etwas was wir aufgrund unseres Vertrauens in Personen oder
Institutionen von Anderen erhalten können? Die Frage ist berechtigt,
denn auch das Vertrauen in andere Personen oder Institutionen setzt
zwingend voraus, daß diese nach unserem Standard denken und handeln.
Damit wird unsere eigene innere Autorität zum Maß der Dinge, welches
sich letztlich nicht hinter die Wahrheiten anderer stellen kann, denn
schließlich sind wir ja auch noch für unsere Aussagen und Handlungen
verantwortlich.
Nein, jegliche Wahrheit kann nur in uns selbst entstehen und erfordert
in diesem Sinne keine fertigen Lösungen, Kochrezepte oder heiße Tips,
sondern Alternativen, Lösungsansätze und Ideen, die wir dann abwägen und
gegebenenfalls als gewichtig genug empfinden, um sie in unser
persönliches Portfolio zu übernehmen. Meinungen werden zu oft gemacht
und zu selten entstehen sie auf natürliche Weise. Und selbst wenn einmal
Menschen mit fertigen Lösungen und Erkenntnissen laut werden, dann
bedeutet das noch lange nicht, daß die Obrigkeit und ihre hörige Masse
dies auch zuläßt oder akzeptiert. Der Disput zwischen dem Papst und den
Wissenschaftlern Galileo und Kopernikus stehen hierfür sinnbildlich. Es
ist eben auch viel einfacher, Vorgekautes als Wahrheit zu akzeptieren
und sich die Mühe der eigenen Wahrheitsfindung zu ersparen. Erfolg
jedoch verspricht nur die stete Suche nach der Wahrheit und den Lösungen,
die sich wirklich und effektiv auf unser eigenes ganz persönliches Leben
anwenden lassen.
Sollten sie also fertige Lösungen und heiße Tips suchen: sie werden
diese zumindest auf dieser Seite nicht finden. |