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Hin und wieder, wenn man so da sitzt und sich
überlegt, was man denn in einer Zeitung wie der Thailand Aktuell so
schreiben könnte, hofft man doch, daß der eine oder andere Leser die zu
Papier gebrachten Gedanken zumindest kritisch bewertet. Und dann hat man
immer wieder das Problem, daß man ja nicht so recht weiß, was der
unbekannte Leser denkt, denn er antwortet ja nun eher selten. Da es sich
deshalb um eine sehr einseitige Kommunikation handelt, tappt man auch
zumeist eher im Dunkeln, wenn es um die Auswahl geeigneter Themen geht.
Und nach den bisherigen 19 Artikeln unter der Rubrik „Business Rescue“
erschien uns der gesetzte Rahmen als zu eng und es war an der Zeit
zumindest in diesem Sinne eine Erweiterung oder vielleicht eher einen
Freiraum zu schaffen.
Dem aufmerksamen Leser wird es kaum entgangen sein, daß sich deshalb die
Rubrik von dem bisherigen anglistischen „Business Rescue“ in ein gar
schwäbisch anmutendes „Es menschelet überall“ verwandelt hat. Sie können
jedoch ganz beruhigt sein, denn auch wenn der schwäbische Schreiberling
derselbe bleibt, so wird er, trotz eingestandener Versuchung, sich von
nun an keineswegs der „soziokulturellen Analyse des Schwäbischen im
Lichte des sozialen Wandels in Asien“ widmen, sondern auch in Zukunft
ganz und gar bodenständig bleiben. Was immer dies natürlich auch
bedeuten mag und Veränderungen sind ja doch immer wieder eine
willkommene Abwechslung im täglichen Einerlei. Oder?
Veränderungen sind ein ganz besonderes Thema, denn in ihrer ureigensten
Bestimmung sind sie im positivsten Falle die unverzichtbare Grundlage
jeglicher Entwicklung, Verbesserung und Harmonie. Nun liegt dies zwar
theoretisch klar auf der Hand, doch ist es vielen nicht immer bewußt,
daß es gerade die Veränderungen sind, die, obwohl allgegenwärtig,
zumeist von uns vermieden, verleugnet oder gar ignoriert werden. „Ordnung
ist das halbe Leben“ wird uns schon in frühester Kindheit gepredigt und
in all den Jahren danach fragt sich so mancher unter uns, was es denn
wohl mit der anderen Hälfte auf sich hat. Damit aber nicht genug, denn
auch die vielgepriesene Ordnung erweist sich keineswegs als ehernes
Naturgesetz, sondern eher als willkürlicher Versuch des Menschen
wenigstens die Veränderungen in seiner nächsten Umgebung einigermaßen in
den Griff zu bekommen.
Es mag vielleicht auch letztlich dahingestellt bleiben, wie all dies zu
werten sei, denn in der Regel wird der heimische Reisende bereits im
alljährlichen Sommerurlaub mit ganz anderen Ordnungen konfrontiert und
mit zunehmender Distanz zum heimischen Herd verwandeln sich diese
Ordnungen geradezu in ein uferloses Chaos. Plötzlich sind dann unsere
Regeln und Ordnungsversuche nicht mehr anwendbar und wir verwandeln uns
schrittweise in gar hilflose oder zumindest unsichere Wesen. Auch wenn
wir dies nie zugeben würden, so liegt es doch auf der Hand, daß die
meisten von uns ganz schnell damit beginnen werden, sich vor dem
Ungewissen irgendwie abzuschotten, um diese fremden Ordnungen als Chaos
abzutun. Die endgültige Erleichterung stellt sich erst dann ein, wenn
wir wieder im eigenen Sofa sitzen oder in unserem geordneten
Urlaubshotel die Türen hinter uns geschlossen haben.
Die Verleugnung der Veränderung als Grundgesetz der Natur steckt tief in
uns. So sehr wir aber die Ordnung in unserem Leben benötigen, so sehr
entgehen uns die universellen Möglichkeiten, die sich gerade aus dem
steten Wandel der Dinge ergeben. Auch der Glaube an die natürliche
Ordnung der Dinge ist trügerisch und verwandelt sich ganz gerne in
Aberglauben und Unverständnis, sollte sich die Natur einmal dazu
entschließen unserer eigenen menschlichen Ordnung zu folgen. So kann ein
verschüttetes Glas Wein zwar ärgerlich sein, doch wird wohl niemand
hierin etwas allzu Chaotisches oder gar etwas Übernatürliches sehen.
Ganz anders wäre es aber dann, wenn sich der zuvor verschüttete Wein
ganz von selbst wieder ins Glas bewegen und sich somit „ordentlich“
verhalten würde. Für weniger spektakuläre Tricks wurden Menschen früher
gevierteilt oder als Hexen verbrannt. Der moderne Mensch wird sich
wahrscheinlich nur lächelnd abwenden und die Sache auf sich beruhen
lassen.
Die Unzulänglichkeit jeglicher Ordnung begegnet uns jeden Tag und doch
weigern wir uns dies als eine Tatsache hinzunehmen. Wer kennt nicht
diese Situation: Man fährt gemütlich und sehr geordnet auf einer schönen
Autobahn als plötzlich alle Fahrzeuge bis zum Stillstand gebremst werden.
Ja, das ist wieder einer der vielen Staus auf der Autobahn und jeder ist
mehr oder minder davon überzeugt, daß es irgendwo da vorne gekracht hat.
Man steht und rollt und steht und rollt. Doch schon geht es langsam,
aber stetig weiter und innerhalb kürzester Zeit hat man wieder das
gewohnte Tempo erreicht ohne einen einzigen Unfall oder eine der
gefürchteten Baustellen gesehen zu haben. Die meisten werden den Kopf
schütteln und das Ganze als etwas ablegen, was wohl nicht zu verstehen
ist.
Die Fixierung auf für uns einfach verständliche Regeln und
Ordnungssysteme verhindert, daß wir die wahre Ordnung unserer Umwelt
erkennen. Dieses Schicksal teilt auch die Parapsychologie, die sich mit
all den Dingen beschäftigt, die nicht mit normalen Regeln erklärbar sind.
Wer kann denn nachvollziehen, wie der Außenseiter Oskar Matzerath in dem
Roman die Blechtrommel mit seiner Stimme Glas zersingen und schneiden
kann? Bei Günther Grass erweist sich dieser Außenseiter aber als der
einzig Gesunde in einer Welt des Scheins und der Lüge. Wie würden sie
auf einen Nachbarn oder Kollegen reagieren, der bei jeder passenden oder
unpassenden Gelegenheit tatsächlich Glas zersingt?
Unsere Befremdung mit unbekannten Dingen und Systemen mag ihren Ursprung
darin finden, daß diese natürliche Ordnung extrem komplexen Regeln
unterliegt, welche sich mit dem menschlichen Intellekt nicht oder nur
sehr schwer erfassen lassen. Doch die schlichte Tatsache, daß wir die
Komplexität eines Systems nicht verstehen, qualifiziert dieses System
keineswegs als Chaos. Goethe’s Mephisto läßt grüßen und so
repräsentieren Ordnung, Zufall und Chaos nur die Eckpfeiler des
menschlichen Dilemmas, sich in dieser Welt zurecht zu finden und
Antworten auf die drängenden Fragen des Lebens zu erhalten. Denn nichts
scheint letztlich so zu sein, wie wir uns dies in unseren noch so
ausgeklügelten Berechnungen und Planungen ausgedacht haben.
Dieses Phänomen hat die Denker und Philosophen seit Tausenden von Jahren
beschäftigt, doch erst im Jahre 1960 wurde dieses Phänomen von dem
Meteorologen Edward Lorenz erstmals wissenschaftlich bearbeitet. Und,
obwohl Lorenz sehr wohl klare Gesetzmäßigkeiten in der vermeintlichen
Unordnung erkannte, sprechen wir heute fälschlicherweise von der
Chaostheorie, denn es geht natürlich nicht um Chaos und Chaoten, sondern
um die Erforschung eines hochgradig komplexen Systems, welches die
Ursache für nichts Geringeres sein soll als alles, was in diesem
Universum geschieht. Nun wollen wir nicht gleich intergalaktisch werden,
doch die Hauptaussage der Chaostheorie führt im Hinblick auf die
logische Verarbeitung unserer Regelwerke zu neuen und sehr hilfreichen
Aspekten. In kurzen Worten geht die Chaostheorie davon aus, daß
Ereignisse in unserem Universum im Wesentlichen von Variablen abhängen,
wohingegen unsere menschliche Denkweise hauptsächlich auf Konstanten
beruht, da wir die Vielzahl der Variablen und die sich hieraus
ergebenden Möglichkeiten intellektuell ohnehin kaum erfassen können.
Die Frage ist nun, wie sich all dies in unserem Umfeld auswirkt und wie
wir hierauf reagieren können. Ein kurzer Blick zum Fachmann kann nicht
schaden, denn schon Darwin hat dereinst festgestellt, daß es nicht die
stärksten Arten sind, die überleben, sondern diejenigen, die am besten
auf Veränderungen reagieren. Aber wer liest schon Darwin und die
Tatsache, daß sich einige Beratungsunternehmen solch schlaue Sprüche zu
eigen machen, holt auch kaum noch einen vom warmen Sofa. Doch auch das
in Amerika erfundene „Brainstorming“ macht sich die Loslösung von engen
Regeln und die zeitweise chaotisch anmutende Diskussion zunutze, um neue
und bessere Ideen zu finden. Dies gilt, in weiterem Sinne, auch für die
Künstler, die in der Regel nur dann zu ihrer Blüte aufleben, wenn sie
sich etwas abseits der Gesellschaft und ohne Einengung durch soziale
Regeln ihrer Schaffenskraft widmen können. All dies sind jedoch
keineswegs die normalen Umgangsformen des ordentlichen Bürgers und schon
gar nicht des hochbezahlten Managers. Oder könnten sie sich einen Typen
wie Salvatore Dali als Vorsitzenden des Aufsichtsrats einer Firma
vorstellen?
Nicht nur in unserem privaten Leben, sondern gerade im geschäftlichen
Umgang zwängen wir uns in ein allzu enges Regelwerk. Da wird uns täglich
vorgeschrieben wie wir uns anzuziehen haben, wie wir zu reden, zu
schreiben und zu erscheinen haben, um in jedem Falle nicht aus dem Heer
der grauen Mäuse herauszuragen. Nur den Technikern, Forschern und so
manchem Programmierer ist es erlaubt frei zu denken und in Jeans und
T-Shirt ins Büro zu kommen, sofern nicht gerade eine Präsentation
ansteht. Man könnte gerade den verblüffenden Eindruck erhalten, daß die
Leitung einer Firma oder Abteilung nicht dieselbe Kreativität und
Schaffenskraft erfordert, wie das Schreiben eines Software Programms.
Ganz offensichtlich nicht, denn noch vor Jahren haben die Grünen mit
ihrer Erscheinung und ihren Umgangsformen in den parlamentarischen
Gremien geradezu für Aufstand unter den braven Bürgern gesorgt und zum
allgemeinen Glück dürfen wir heute Joschka Fischer auch im schmucken
Anzug bewundern. Hat dies die Ideen und Gedanken akzeptabler oder gar
besser gemacht? Hat sich die Befolgung von Regeln und Vorschriften schon
je als die Triebfeder menschlicher Fantasie und Schaffenskraft erwiesen
oder waren es nicht die Freigeister, die für die wichtigsten
Errungenschaften unseres Zeitalters verantwortlich zeichneten?
Besonders ernst aber wird es, wenn es ans Planen geht und unsere Zukunft
zur Debatte steht. Mit Recht könnte man behaupten, daß die Planung eines
Konzerns, einer Volkswirtschaft oder des Weltmarktes in jeder Hinsicht
der Komplexität der Wettervorhersage gleichkommt, aus der Edward Lorenz
die Regeln der Chaostheorie entwickelte. Jeder Manager steht in seinem
beruflichen Leben mehrfach vor der Situation, daß sich Planungen aus
zunächst unerklärlichen Gründen nicht realisieren lassen. Erst die
genaue und vor allem Vorbehaltlose Analyse der Ausgangs- und
Rahmenbedingungen bringt Licht in das Dunkel, wobei in den seltensten
Fällen eine exakte Erklärung zu finden ist.
Auch betriebliche und marktwirtschaftliche Systeme sind kaum an feste
Regeln gebunden, sondern reagieren in Abhängigkeit von sich ständig
verändernden Variablen. Darunter befinden sind so schwer zu beurteilende
Aspekte wie Mitarbeiterverhalten, Kundenbedürfnisse oder Strategien der
Mitbewerber und falls dann Boris Jelzin mal wieder alle seine Minister
nach Sibirien schickt brechen plötzlich und natürlich unerwartet alle
doch so wohlgeplanten Märkte in sich zusammen. Den Analysten bleibt dann
nur noch die Nachlese und die Bemerkung, daß dies ja eigentlich alles
vorhersehbar war.
Das alles ist nicht unbekannt und jeder Manager weiß davon zu berichten.
Erstaunlich ist eigentlich nur, daß wir trotz all den falschen Prognosen
und den darauf folgenden Niederlagen noch immer und fest an unseren
ehernen Regeln festhalten und bislang noch keine anpassungsfähige
Strategie entwickelt haben, die sich genau so flexibel handhaben läßt
wie das Chaos, das uns täglich umgibt. Flexible Strategien müssen auch
nicht gleich im Chaos oder der Anarchie enden, wie so mancher gerne
befürchtet. Vielmehr sind unsere steifen mathematischen Regeln allzu oft
unzulänglich und versagen regelmäßig.
„Über den Tellerrand schauen“ nennen es die einen. Erleuchtung,
Erkenntnis oder schlicht Kreativität und Flexibilität nennen es die
anderen. Doch dem menschlichen Geist sind natürliche Grenzen gesteckt.
Schon allein die jämmerliche Beschränkung unseres Denkens auf drei
lausige Dimensionen führt uns schon bald an die Grenzen des „Möglichen“
und diejenigen, die mit Fug und Recht behaupten können, daß sie
Einsteins Relativitätstheorie in ihrem vollen Umfange verstehen und
nachvollziehen können, passen sicherlich ganz einfach in einen VW-Bus.
Darüber hinaus belasten wir uns aber zusätzlich noch mit Tabus und jeder
Art von sozialen, religiösen oder geschäftlichen Regeln, die unseren
Horizont nur noch weiter einschränken.
In der Tat drängen sich auch einige Parallelen zu den unterschiedlichen
strategischen Ansätzen der westlichen und östlichen Kulturen auf. In all
dem Chaos erscheint die asiatische Vorgehensweise, die Dinge nicht
langfristig zu planen, sondern täglich erneut auf die sich verändernden
Rahmenbedingungen entsprechend flexibel einzugehen, zunächst als die auf
die Dauer erfolgreiche Strategie. Nun, aber auch hier in Asien scheint
es so zu sein, daß Fehlplanungen, Enttäuschungen und die sozusagen
falsche Entwicklung der Dinge gerne mit sozialer, politischer oder gar
militärischer Gewalt wieder zurecht gerückt wird, denn schließlich kann
nicht sein, was nicht sein darf und was nicht paßt, wird eben passend
gemacht. Dabei ist nicht zu vergessen, daß viele den Preis für diese
vereinfachte Lebensformel bezahlen und East Timor oder die Folgen der
Wirtschaftskrise sprechen für sich. Die Geschichte ist voll von solchen
menschlichen Kapitulationen vor der universellen Logik der Natur.
Es geht nicht ohne Ordnung und auch nicht mit ihr. In diesem Vakuum
erinnern wir uns vielleicht wieder an die Erkenntnis, daß die Ausnahme
die Regel bestätigt und daß es eben in einer komplexen Welt keine
einfachen Lösungen gibt. Sollten wir zu der Einsicht gelangen, daß wir
vielleicht den Mond bevölkern oder Mikroorganismen erforschen können,
aber dennoch keinerlei Antwort auf die Regeln der Welt haben, dann sind
wir bereits einen Schritt weiter. In der Tat haben wir hier noch lange
nichts im Griff und die Natur macht unsere Bemühungen täglich wieder
zunichte. Überflutungen, Stürme oder Erdbeben gehen genau so ungestört
ihres Weges wie Seuchen und hinterlassen grausame Veränderungen, denen
wir nur mit Hoffnung und Glauben entgegnen können. Nicht anders verhält
es sich, wenn wir selbst versagen und durch Kriege, Wirtschaftskrisen,
Explosionen, Flugzeugabstürze oder sonstige Unfälle die allgemeine
Ordnung zerstören.
Nein, wir haben die Dinge noch lange nicht im Griff. Ganz im Gegenteil,
denn jede neue Technologie und jede Veränderung der Umwelt führt zu
Rückschlägen im wahrsten Sinne des Wortes. Und ganz egal, ob wir nun
Gesellschaftssysteme verändern oder unsere Umwelt verseuchen, wir
verändern jedesmal eine Variable. Rückschläge sind lediglich die
logische Konsequenz dieser geänderten Variablen und müssen nicht durch
mystische Begründungen verschleiert werden. Wir verändern in unserem
Unverstand laufend gute und funktionierende Systeme und wundern uns dann,
wenn das Ganze nicht mehr funktioniert.
Zurecht fragen sie nun nach der Antwort auf dieses Dilemma. Der
Antworten sind viele und reichen von den Weltreligionen bis hin zu
Theorien, die die soziale Relevanz des Handelns propagieren. Nun, sollte
es eine solche Antwort, die sich so einfach niederschreiben ließe, für
uns Menschen geben, dann wäre entweder der Schreiberling kein Mensch
oder all das oben Geschriebene hätte sich hiermit bereits und endgültig
erübrigt. Das Bewußtsein für solche Zusammenhänge kann uns jedoch dabei
helfen, unsere Entscheidungen als Person oder Gesellschaft sorgfältiger
zu überdenken und uns nicht leichtfertig von den kurzfristigen Vorteilen
der Atomenergie, Genmanipulation oder der Globalisierung der Weltmärkte
beeindrucken zu lassen. Es muß nicht Gesetz werden, daß erst einmal
etwas schiefgehen muß, bevor sich etwas in die richtige Richtung bewegt.
Ja, immer wieder, wenn man so da sitzt und sich überlegt, was man denn
in einer Zeitung wie der Thailand Aktuell so schreiben könnte, wird
einem auch bewußt, wie weit wir alle doch noch von dem entfernt sind,
was wir bereits meinen zu sein.
In diesem Sinne wünsche ich ihnen allen einen gelungenen Anfang des
neuen Jahrtausends. |