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Ausweglose Situationen sind das Resultat verpaßter
Gelegenheiten und ein Krieg ist fürwahr der Inbegriff einer ausweglosen
Situation. Hätten wir alle die richtige Lösung bei der Hand, so wäre es
sicherlich auch nicht soweit gekommen. Aber Farben- oder Steinewerfer
tragen genauso wenig zur Lösung eines solchen Konfliktes bei wie
Schreihälse, brennende Flaggen und Propaganda. Ja, die Rede ist vom
Krieg in Jugoslawien.
Wie sich die Bilder doch gleichen: Irak, Afghanistan, Vietnam, Korea und
nun der Balkan und selbst die etwas scherzhaft aufgelegten werden sich
sogar an das kleine Dorf im besetzten Gallien erinnern, das sich einer
absoluten militärischen Übermacht entgegen gesetzt hat. Scherzhaft oder
nicht, Großmächte tun sich seit jeher schwer, wenn die Gegenseite bereit
ist für eine Idee bis zum bitteren Ende zu kämpfen. Auch bei Saddam
Hussein hat die halbe Welt fest daran geglaubt, daß es nicht zum Krieg
kommen würde, denn „so unvernünftig kann doch keiner sein“. Es kam zum
Krieg.
Und nun steht sie wieder da, die sogenannte internationale Gemeinschaft,
und versucht das Unglaubliche durch Moral und die besseren Motive zu
rechtfertigen. Die „moralische Mehrheit“ ist kein Garant dafür, daß
Recht und Unrecht sauber auseinander gehalten werden und am Ende spielt
das auch keine Rolle mehr, denn Menschen sterben und am Ende dieses
Jahrtausends haben wir Krieg. Kofi Anan, der Generalsekretär der
Vereinten Nationen, hat zurecht eindringlich an Journalisten plädiert
vorbeugend zu berichten und dabei zu helfen, Schaden schon im Vorfeld zu
vermeiden. Er hätte diese Nachricht auch gleich an die ganze Menschheit
richten können, denn ganz offensichtlich haben ganze Generationen
versagt.
Richten wir den Blick zurück auf den 28. Juni 1389, als die serbische
Niederlage auf dem Amselfeld zur Eingliederung Serbiens ins osmanische
Reich führte. Bosnien, Herzegowina und große Teile Montenegros folgten.
Nach den Türkenkriegen des 17. bis 19. Jahrhunderts begann 1804 der
Freiheitskampf mit dem Heiducken-Aufstand in Belgrad. 1848 kämpfen die
Serben dann mit den Österreichern gegen die Ungarn und erst 1878 lösen
sich Serbien und Montenegro vom osmanischen Reich und 1882 wird das
Königreich Serbien gegründet. 1886 verlieren die Serben den Krieg mit
Bulgarien und 1908 anektiert Österreich Bosnien und die Herzegowina. Um
1912/13 sind die Serben mit anderen erfolgreich und vertreiben die
Türken aus Europa. Aber 1914 verübte ein serbischer Nationalist den Mord
an dem österreichischen Tronfolger Franz Ferdinand in Sarajevo -
Auslöser des ersten Weltkrieges. In 1929 errichtet der serbische König
Alexander eine Militärdiktatur und ändert den Namen in Königreich
Jugoslawien. Doch auch im zweiten Weltkrieg wird Jugoslawien dann von
Hitler besetzt und Kämpfe zwischen Serben, Kroaten, Monarchisten und
Kommunisten brechen aus. Von 1945 bis 1980 werden alle Gruppen von
Marschall Josip Broz-Tito „vereint“, doch nach dessen Tod leben die
Unruhen im Kosovo bereits 1981 wieder auf. 1991 verteidigt Slowenien in
einem Zehn-Tage-Krieg seine Unabhängigkeit und in Albanien wird die
Diktatur gestürzt. Dem folgt von 1992 bis 1995 der Bürgerkrieg in
Bosnien-Herzegowina und die Serben streben die Errichtung eines
großserbischen Staates an. In 1998 flammt dann der Konflikt mit den
Kosovo-Albanern auf. Nun stehen die Serben gegen die größte militärische
Streitmacht aller Zeiten. Zufall?
Wo war die „internationale Gemeinschaft“ in diesen 600 Jahren? Der
Balkan ist nicht erst seit kurzem ein überkochender Schmelztiegel, der
nicht zur Ruhe kommen wird, solange diese Vergangenheit nicht bewältigt
wird. So geboten das Einschreiten der NATO auch im Hinblick auf die
grauenvollen Massaker sein möge, so zweifelhaft erscheint es, daß
dadurch Probleme gelöst und dauerhafter Frieden hergestellt werden kann.
Und selbst wenn die Serben einer internationalen Militärpräsenz
zustimmen, was passiert, wenn sich diese Truppen in vielen Jahren dann
irgendwann wieder zurück ziehen?
Eine Lösung muß gefunden werden und wenn es noch so schmerzlich ist.
Dabei sollte sich allmählich die Erkenntnis eingestellt haben, daß
Bomben alleine keine Lösung ermöglichen. Unrecht muß nicht zu Recht
werden und dem dauerhaften Frieden der Menschen im Balkan darf weder ein
vermeintlicher Gesichtsverlust der NATO noch das Selbstwertgefühl der
Serben entgegen stehen. Die Lösung auswegloser Situationen erfordert die
teilweise Aufgabe eigener Prinzipien, um schlußendlich dem Guten eine
Chance zu geben und Kriege endgültig aus dem Repertoire der Geschichte
zu verdammen.
Wir reden gerne von Globalisierung und Weltgemeinschaft, davon, daß die
Welt kleiner geworden ist. Es ist an der Zeit die Probleme dieser Welt
zu lösen, bevor sie ausweglos geworden sind. Sobald wir einmal damit
begonnen haben, werden wir feststellen, daß nur das tief empfundene
Verständnis für andere Kulturen, Ideen, Religionen und Prinzipien zum
Respekt vor den Menschen und zum Frieden führen kann. Sollten wir auf
diese Frage keine sinnvolle Antwort finden, dann haben wir in 2000
Jahren nicht viel dazu gelernt. |