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Eine alte Weisheit besagt, wenn über eine Sache
Gras gewachsen ist, dann kommt bestimmt so ein Kamel und frißt das Gras
wieder weg! Und das zurecht, denn nach gut 30 Jahren ist es an der Zeit,
sich wieder einmal der 68er Bewegung zu erinnern. Das waren die Zeiten,
als die Kommunarden den Muff von tausend Jahren unter den Talaren
rausgeblasen haben und auch in den Jahren danach das Establishment ganz
gehörig auf Trab gehalten haben. Aber, Hand aufs Herz, da waren nicht
nur Mitglieder der Kommune I, wie Fritz Teufel, Rainer Langhans oder
Dieter Kunzelmann, sondern auch brave, graue Mäuse, die sich in diesen
Jahren von alten Traditionen abnabelten und neue Freiheit schnupperten.
Abgesehen von den paar Spontis, die später in der Friedensbewegung und
letztlich bei den Grünen ihre Heimat gefunden haben, scheinen die ganzen
68er verschwunden zu sein. Und, so ehrlich muß man schon sein, auch die
Grünen sind nicht mehr das was sie einmal waren.
Vereinzelt kann man sie noch erkennen und Joschka Fischer macht ja auch
eine schmucke Figur als Minister. Die meisten haben sich jedoch den Gang
durch die Institutionen selbst neu definiert und sich dabei kaum an die
ursprüngliche Idee von Rudi Dutschke gehalten. Wer will sich auch heute
noch an die APO, die Schlacht am Tegeler Weg, wilde Demonstrationen oder
die Ermordung von Benno Ohnesorg erinnern? Gut rasiert, gestriegelt und
eingewickelt in bestem Zwirn würde die Beteiligung an dieser Episode so
manchem hochdotierten und etablierten 68er im Rahmen der anstehenden
Aufsichtsratssitzung wohl auch nicht gut zu Gesicht stehen. Vielleicht,
aber natürlich nur mit demütigem Schmunzeln im Gesicht, könnte der eine
oder die andere im Rahmen einer Cocktailparty noch Bewunderung
erheischen und aus der offensichtlichen Jugendsünde auch noch Profit
schlagen. Vielleicht schlägt auch manchem beim Klang von Street fighting
man, Blowing in the wind oder Born to be wild noch die Seele höher. Wie
sonst sollte auch die ungebrochene Hörerschaft der ergrauten Rolling
Stones zu erklären sein. Doch zum Glück ist ja aus den eigenen Kindern
der 68er etwas Ordentliches geworden und schließlich sind Michael
Jackson und die Spice Girls ja auch viel zeitgemäßer und besser für die
Kids.
Sicherlich, die 68er Bewegung steht auch im Zusammenhang mit Namen wie
Ulrike Meinhof, Andreas Baader und der späteren RAF, die vom Protest zum
Widerstand übergingen und sich in einem nicht akzeptablen Exzeß
verirrten. Die von der APO in Berlin organisierte 1. Mai Kundgebung
versammelte 1968 aber ganze 40.000 Menschen und schon am 11. Mai zog es
in Bonn weitere 50.000 Menschen zusammen, die gegen die Notstandsgesetze
demonstrierten. Auch in den folgenden Jahren beteiligten sich unzählige
Studenten an Demonstrationen und man kann mit Fug und Recht sagen, daß
die Mehrheit zumindest mit den grundsätzlichen Ideen der 68er Bewegung
sympathisierte. Doch schon damals war eigentlich klar, daß diese
Bewegung langfristig keine Chance zum Überleben hatte. „Die Bewegung
rennt und rennt, weil sie das Ziel nicht kennt“ drückt aus, woran es
mangelte und so haben sich die meisten der damaligen Studenten ins
normale Leben zurückgezogen und sind brave Bürger geworden.
Und doch hat diese Bewegung die politische und gesellschaftliche
Landschaft in Deutschland nachhaltig verändert und eigentlich gäbe es
keinen Grund sich nicht dazu zu bekennen. Hochschulreformen, Aufbau der
demokratisch geprägten Kritikfähigkeit, Friedens- und Umweltbewegung
haben vieles verursacht, was wir heute als selbstverständlich hinnehmen
und wofür uns unsere Partner international schätzen. Die Probleme haben
sich im Laufe der Jahre geändert, sind aber nicht weniger geworden. Es
würde der jungen Generation in Deutschland sicherlich nicht schlecht tun,
die Kritikfähigkeit und den Mut zur Veränderung der 68er Generation zu
übernehmen, um die aktuellen Herausforderungen zwischen Ost und West,
zwischen Deutschen und Ausländern und zwischen Arm und Reich aktiv zu
bearbeiten, anstatt sich nur tatenlos an der Wohlstandsgesellschaft zu
laben.
Die typischen 68er sind heute um die 50 Jahre alt und haben sich in
allen Bereichen etabliert. Soweit, so gut. Aber allein die Sorge um die
Karriere und das Wohl der Familie können kaum Grund genug sein, alles zu
vergessen und diese Periode in den Schrank zu stellen. Vielleicht sollte
sich der eine oder die andere nach nunmehr 30 Jahren wieder an die
Ideale erinnern, die man einmal sein eigen nannte und diese an die junge
Generation weiter geben. Es ist das Andersdenken, das uns weiter bringt
und nicht die endlose Konformität und Problemvermeidung. Und
Gelegenheiten gibt es genug. Wenn sie sich einmal wieder in erlauchtem
Kreise befinden und sich bei all den zum Besten gegebenen Banalitäten zu
Tode langweilen, dann nehmen sie das einfach nicht mehr hin, sondern
nennen sie das Kind beim Namen. Auch wenn wir alle ganz normale Bürger
geworden sind, so haben wir doch auch etwas verändert. Wir sind noch
lange nicht zu alt, um unseren Hintern zu bewegen, etwas zu riskieren
und für unsere Ideale einzustehen. Na ja, und das mit der Karriere
werden sie schon regeln. |