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Da sitzt man nun spät des Nachts bei strömendem
Regen im Büro, der Himmel wird von donnernden Blitzen erleuchtet und die
Gedanken schweifen umher, gerade so, als sollte alles so sein. Stille
Erwartung drängt sich auf beim Gedanken an das Jahr 2000 und irgendwie
beginnt man letztlich sogar stolz darauf zu sein, daß man nun wohl zu
denen gehören soll, die den Wechsel der Jahrtausende erleben werden.
Doch all die Jahre hier in Asien haben auch eine gewisse und seltsame
Distanz hervorgebracht und irgendwie scheint manchmal alles sehr weit
weg zu sein. Und dann stellt man sich die Frage, ob man selbst oder die
Menschheit eigentlich einen ausreichenden Grund hat, den Beginn des
Jahrtausends zu feiern. Wo stehen wir eigentlich in der Geschichte und
was haben wir erreicht?
Nun, sollten unsere amerikanischen Zeitgenossen, ganz im Sinne ihres
eigenen Selbstverständnisses, das Maß aller Dinge sein, dann würden wir
uns derzeit zielgerichtet in Richtung eines moralisch und ethischen
Verfalls der Werte bewegen, die sich die sogenannte Neue Welt vor Zeiten
selbst vorgegeben hat. Als unbeteiligter Zuschauer kann man sich kaum
noch eines zumindest leichten Erstaunens erwehren, wenn man die
fanatischen und doch so heuchlerischen Kampagnen der amerikanischen
Moralisten und natürlich der Medien verfolgt. Da hat sich Amerika als
Führer der gelobten kapitalistischen Welt seit jeher den freien Kräften
des Marktes verschworen und all diejenigen gefeiert, die sich ungeachtet
ihrer oft skrupellosen Methoden entsprechenden Reichtum verschafften.
Die Revolution frißt ihre Kinder und so wird nun Bill Gates und seine
Firma Microsoft zur Schlachtbank getrieben. Bei näherem Nachdenken fragt
man sich jedoch, ob es nicht auch sein könnte, daß dieser Bill Gates die
geheiligten Gesetze des Kapitalismus und eines vermeintlich freien
Marktes, wie so viele vor ihm, eben nur bis zur absoluten
Unerträglichkeit ausgenutzt hat. Natürlich könnte es auch sein, daß die
Verlierer nun endlich erkennen, daß das gelobte System an seine eigenen
Grenzen gestoßen ist?
Welch heuchlerische Motivation war die Triebfeder für die Demontage des
amerikanischen Präsidenten Bill Clinton? Waren es tatsächlich moralische
Beweggründe oder ganz einfach die letzte Maßnahme gegen die unerträglich
hohe Beliebtheit des amerikanischen Präsidenten? Die Bilder gleichen
sich und auch hier in Thailand tut man sich mit den selbst auferlegten
Regeln der Demokratie immer dann schwer, wenn es darum geht, selbst an
die Macht zu kommen. Da dies ja nun auch keinesfalls Einzelfälle sind,
drängt sich die Vermutung auf, ob wir nicht zunehmend an unseren eigenen
Regeln zerbrechen und das Soziale als unverzichtbaren Teil der
Gesellschaft hartnäckig verneinen. Doch alles ist offensichtlich erlaubt,
solange wir selbst nicht bei den Verlieren sind. Die Unzulänglichkeit
nationaler und globaler Systeme kann da nicht länger verborgen bleiben
und es ist an der Zeit eine Zwischenbilanz zu ziehen.
„Wir gehen durch unser tägliches Leben und verstehen kaum etwas von der
Welt“, schreibt Carl Sagan in seinem Vorwort zu „Eine kurze Geschichte
der Zeit“ von Stephen W. Hawking. Fürwahr eine treffende Bemerkung und
wenn in wenigen Wochen dann die letzten Sekunden bis zum Beginn des
Jahres 2000 gezählt werden, dann sollten wir bei aller Euphorie nicht
verkennen, daß dies letztlich ein Tag wie jeder andere ist, der in der
Geschichte der Zeit eine geradezu unwesentliche Rolle spielt. Sollten
die Fanatiker überraschenderweise nicht Recht behalten, dann wird die
Erde am 1. Januar des Jahres 2000 auch nicht untergehen, sondern sich
alsbald wieder dem normalen Alltag zuwenden und einen neuen Tag für den
Untergang errechnen. Angesichts der Bedeutungslosigkeit dieses durchaus
willkürlichen Abschnitts menschlicher Zeitrechnung ist dies
wahrscheinlich auch angebracht, denn die Faszination dieses Augenblicks
läßt sich kaum durch schlichten Zeitablauf, sondern allein durch eine
kritische Bilanz menschlicher Leistung und Errungenschaften
rechtfertigen. Haben wir in all den zweitausend Jahren tatsächlich etwas
erreicht oder haben wir nur die Zeit totgeschlagen?
Das zumindest steht leider fest, daß wir in den letzten zweitausend
Jahren gewiß nicht nur die Zeit totgeschlagen haben. Ein Besuch in
Verdun oder im Kosovo wird jeden ganz schnell davon überzeugen, daß die
Menschheit in dieser Richtung fleißig war. Dafür hat der biblische
Aufruf „wachset und vermehret euch“ ganz offensichtlich vollste
Zustimmung erfahren. Wandelten im Jahre Null unserer Zeitrechnung noch
gerade mal 0,30 Milliarden Zeitgenossen auf Mutter Erde, so treten sich
kurz vor dem Jahr 2000 immerhin stattliche sechs Milliarden auf die Füße
und in nicht allzu ferner Zukunft werden wir die zehn Milliarden
erreichen. Auf unserem Weg haben wir alles mitgenommen was zu haben war
und Berge von Müll und giftigen Abfällen hinterlassen. Nichts ist vor
unserem Zugriff und unserer Habgier mehr sicher und die anderen Bewohner
unseres Planeten haben sich entweder in entlegene Regionen zurückgezogen
oder sich bereits für immer verabschiedet. Fürwahr, wir haben uns die
Erde zum Untertan gemacht und mit beachtlicher Konsequenz auch an den
Rand der Leistungsfähigkeit getrieben. Die Erde ist an einem tödlichen
Virus erkrankt, dem Menschen, und wird sich von dieser Krankheit kaum
oder nur sehr schwer jemals wieder erholen.
In diesem Punkte haben wir uns nun offensichtlich nicht gerade mit Ruhm
bekleckert und es scheint, daß jede überschwengliche Festrede oder eine
allzu ausgelassene Silvesterparty nicht nur den Ernst der Lage verkennt,
sondern verseuchte Flüsse und Seen, abgeholzte Regenwälder, Ozonlöcher,
ausgestorbene Tierarten und die Qualen und Leiden ganzer Generationen
von Hexen, Ketzern, Ungläubigen und der Andersdenkenden geradezu
verhöhnt. Doch nun ist wieder Champagner Zeit und die Welt macht sich
bereit mit verbundenen Augen das neue Jahrtausend mit einem rauschenden
Fest zu feiern.
Auch die Medien der Welt werden natürlich Lobeshymnen unter dem Titel „unser
Jahrtausend“ anstimmen und leicht verdauliche Rückblicke für teures Geld
anbieten. Welche Bedeutung aber sollten wir dem Flug zum Mond beimessen,
wenn täglich Kinder an Hunger sterben und die Mehrheit der
Weltbevölkerung unter der Armutsgrenze lebt? Wenn am Ende dieses
Jahrtausends prunkvolle Festreden gehalten werden, dann stellt sich auch
die Frage, wen wir meinen, wenn wir von „wir“ reden, denn es ist kaum
davon auszugehen, daß die Armen aus den Gettos der Welt zu Wort kommen
werden. Statt dessen wird die Zwischenbilanz von den Reichen und
Betuchten der Erde gezogen und kommentiert werden. Die Welt wird wieder
einmal zu kurz kommen und am 1. Januar des Jahres 2000 zur Tagesordnung
übergehen.
Doch mehr und mehr zeigt sich, daß auch unsere Wirtschafts- und
Gesellschaftssysteme versagt haben und sieht man einmal von einer
fürwahr auserlesenen Minderheit ab, so haben auch technologische
Fortschritte kaum zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen
oder auch der Tiere dieser Welt geführt. Statt dessen überziehen wir den
Planeten auch heute noch mit Kriegen und sinnlosem Völkermord – gerade
so, als hätten wir in 2000 Jahren absolut nichts dazu gelernt. Die
Bilder des Jahres 1999 aus dem Balkan und aus Timor sprechen für sich
und finden keinerlei Rechtfertigung mehr.
Wenn schon das große Bild nicht so recht zur guten Stimmung beiträgt,
dann stellt sich die Frage, ob wir wenigstens im Kleinen etwas
Sinnvolles erreicht haben. Doch auch im Mikrokosmos unserer Gesellschaft
zeichnen sich kaum Verbesserungen ab. Vielleicht liegt dies auch nur
daran, daß uns die Medien täglich so trefflich und einseitig über
Massenmorde, Vergewaltigungen, Exekutionen oder sonstige Greueltaten
informieren. Auch in Thailand stimmen die Presseberichte nicht gerade
ermutigend, wenn zunehmend die Rede von Morden auf offener Straße ist,
die allesamt nur dazu dienen ganz persönliche Interessen zu befriedigen.
Genau diese Motivation mag auch der Grund dafür sein, daß die Schulden
dieses tropischen Landes zum Großteil in den Händen und der
Verantwortung einer erlesenen Minderheit liegen, die sich anscheinend
keinerlei Skrupel hingibt, daß nun ein gesamtes Volk unter ihrer
Verantwortungslosigkeit zu leiden hat.
Der moderne Mensch hat bei allen Veränderungen seiner Umwelt keine
Veranlassung gesehen, auch nur eine seiner schlechten Eigenarten
aufzugeben. Und die Geschichte der letzten 2000 Jahre hält uns dies ja
nun beeindruckend vor Augen. So unterscheiden wir uns kaum von unseren
Zeitgenossen, die schon vor 2000 Jahren mit Attributen wie habsüchtig,
geizig, mörderisch oder hinterhältig belegt wurden und der Griff zur
Keule wird auch heute noch als beste Wahl angesehen, wenn es um die
Lösung der eigenen Probleme geht.
Zurecht werden bei dieser Darstellung nun viele ihre Zustimmung
verweigern und genauso zurecht auf all die humanistischen Bewegungen,
Hilfsaktionen und ihr eigenes rechtschaffenes Leben verweisen. Und in
der Tat gibt es bewegende Persönlichkeiten und Vorgänge in der
Geschichte der letzten 2000 Jahre. Die Frage ist letztlich nur, was
Jesus, Mohammed, Buddha, die Schriften eines Sokrates oder Plato, die
Taten eines Franz von Assisi, das Leben der Mutter Theresa oder eines
Mahatma Ghandi bewirken konnten. Nun kann man wie immer natürlich auch
hier geteilter Meinung sein, doch wenn die Mehrheit der Menschheit in
vermeintlicher Harmonie leben sollte, dann stellt sich erneut die Frage,
wie diese Mehrheit es zulassen konnte, daß eine verschwindende
Minderheit unablässig daran arbeitet diese Harmonie zugrunde zu richten.
Und so einfach ist es eben auch nicht. Die Masse leidet, schweigt und
toleriert mit stiller Anerkennung die Vorgänge der Welt. Vielleicht
haben ja diejenigen Recht, die da immer so beflissen sagen, daß man da
ja nichts machen könne oder vielleicht sollten wir endlich damit
beginnen uns auf die Gesetzmäßigkeiten der Natur und den Sinn unseres
Menschseins zu konzentrieren und den Versuch unternehmen in Harmonie mit
uns und der Natur zu leben. Die Aussicht auf zehn Milliarden Menschen,
die schon bald diesen Planeten bevölkern werden, ist eine Aufgabe, die
von uns allen zu tragen ist, wobei den Starken naturgemäß eine wichtige
Rolle zukommt. Schon in absehbarer Zukunft wird es nicht mehr von
Bedeutung sein, wie viel Profit ein Unternehmen oder eine
Volkswirtschaft erzeugt, sondern welchen konkreten Beitrag dieses
Unternehmen und die Gesellschaft zum Gemeinwohl am Ende eines Jahres
geleistet hat. Hierzu gehört auch, daß die wirtschaftliche
Globalisierung durch geeignete politische Vereinigungen unterstützt wird.
All dies wird sich kaum realisieren lassen, solange wir unseren Kindern
nahe legen, sich zunächst um den eigenen Vorteil zu kümmern. Aber auch
unsere Idolwelt ist überholt, denn smarte Managertypen und harte Kämpfer
werden die Herausforderungen des dritten Jahrtausends kaum bewältigen.
Es mag ironisch klingen, aber es scheint, daß die Menschen schon bald
zum Vorbild heranwachen werden, die heute wegen ihres Engagements für
die Umwelt, die Tiere und den Frieden belächelt werden. Das sollte sich
vor allem die Werbung zum Leitbild machen, die uns noch immer und
unverdrossen klarmachen will, daß nur starke, junge und dynamische
Menschen von Interesse sind. Es wird wohl auch keinen Sinn machen, wenn
wir einfach damit fortfahren uns nur noch zu amüsieren und dabei
zunehmend Gefahr laufen geistig zu verarmen. In diesem Sinne ist die
humanistische Bewegung leider sogar rückläufig.
Ein sinnvoller Wandel der Systeme muß gleichfalls die drastische
Änderung der Lehrpläne in den Schulen und Universitäten nach sich ziehen,
um neues Denken zu erzeugen, damit sich Manager endlich das Gemeinwohl
zum Ziel setzen und nicht mehr nur die schiere Vermehrung ihres
Vermögens als Leitbild verfolgen. Vielleicht wäre es in einem solchen
System dann auch möglich, daß Lebensmittel nicht mehr aus ökonomischen
Gründen vernichtet werden, sondern in die Länder gebracht werden, in
denen Menschen vor Hunger sterben.
Anleitungen zu einer besseren Welt gibt es genügend und wir müssen
hierfür nicht einmal ein neues Buch schreiben. Dabei ist es ganz egal,
ob wir den Koran oder die Bibel lesen. Wir können uns an Martin Luther
King erinnern, an Merlin den Zauberer oder die Lehren der Indianer.
Unsere Bibliotheken sind voll von Einsichten und Visionen, die über 2000
Jahre gesammelt wurden. Dies sind die wahren Errungenschaften und es
wäre an der Zeit, daß wir diese Bücher wieder in die Hand nehmen und
neue Wege finden, um eine Zukunft für diese Welt zu gestalten, die es
allen Menschen erlaubt unter menschlichen Bedingungen und in Frieden zu
leben.
Immer und überall haben sich auf der Welt Brände, Katastrophen, Kriege,
Morde und Liebesaffären ereignet. Aber anders als vor 2000 Jahren haben
wir heute durch die Technologie die Chance alles zu erleben, was sich in
dieser Welt zuträgt und daraus auch zu lernen. Es liegt an uns die
Visionen von Orwell und Huxley zu verhindern und endlich damit zu
beginnen unsere Systeme neu zu überdenken und zu unserem Vorteil zu
nutzen. Vor allem aber ist es an der Zeit, daß die schweigende Mehrheit
das Wort ergreift und die destruktiven Machenschaften einer skrupellosen
Minderheit für immer beendet.
Wenn am 1. Januar 2000 die Sonne wieder aufgeht, sollten wir uns alle in
Demut verbeugen und ernsthaft Besserung geloben. Wir sollten damit
beginnen die zu unterstützen, die sich für eine bessere Welt aufopfern,
anstatt uns vom Colgate Lächeln der Berühmtheiten blenden zu lassen. So
könnte der Beginn des Jahres 2000 der Auftakt zu einer wahren
Renaissance werden und den Beginn einer neuen Weltordnung bedeuten.
Natürlich ist all dies nur ein Traum. Und doch bleibt die Hoffnung, daß
sich der eine oder andere bei Sekt und Feuerwerk daran erinnert, daß
auch die Uhr der Welt kurz vor zwölf steht und unsere Teilnahme an der
Zukunft dringend erforderlich ist. André Heller hat ganz trefflich
festgestellt: „Die wahren Abenteuer sind im Kopf. Und sind sie nicht im
Kopf, dann sind sie nirgendwo.“ Ja, wir sollten zumindest damit beginnen,
über das Abenteuer einer friedlichen und sauberen Welt nachzudenken und
das Ende dieses Jahrtausends ist hierfür ein ausgesprochen guter Tag. |