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Wahrscheinlich haben sie jetzt einen längst
überfälligen Nachruf auf Rainer Werner Fassbinder oder gar die
Neuauflage einer Filmbesprechung erwartet. Indes hat der Titel unter den
gegebenen Umständen zu ganz anderen Assoziationen geführt, die jedoch
einer gewissen Ähnlichkeit mit der Geschichte von Emmi und Ali in
Fassbinder’s Film nicht ganz entbehren.
Die Wachablösung hat begonnen und schon reiten sie wieder, die
apokalyptischen Reiter, verbreiten Angst und Schrecken und prophezeien
den Einbruch des Bösen, Bedrohung, Zerstörung. Schleichende
Schizophrenie macht sich breit. Nicht nur bei Fassbinder, sondern auch
hier in Thailand können manche das vermeintliche Glück nicht so recht
genießen, denn nicht nur große Mächte, sondern auch solche, die sich
dafür halten, können gelegentlich untergehen. Das tut besonders dann weh,
wenn man sich seit Jahrhunderten so trefflich bemüht hat das eigene Haus
sauber und alle bösen Mächte in den Schranken zu halten. Die Rede ist
nicht von den „kleinen“ Leuten, denn die hat die Krise natürlich zuerst
getroffen und das besonders hart. Im Gegenteil, die Ratten verlassen
keineswegs das sinkende Schiff, sondern nagen emsig am Gebälk und haben
sich ganz offensichtlich vorgenommen, das Schiff zu säubern und neu
aufzubauen. Die einstigen Kapitäne sehen vermehrt dunkle Schatten an den
Wänden. Die Wachablösung ist in vollem Gange.
Um Thailand zu verstehen muß man schon tiefer gehen als die Kollegen von
Newsweek, denn bei allem Unterhaltungswert, den dieser umstrittene
Artikel außerhalb Thailands gehabt haben möge, der sich hier im Lande
vollziehende Wandel ist ganz offensichtlich nicht erkannt worden. Gehen
wir ein Jahrhundert in der Geschichte Thailands zurück als man einst
chinesische Händler bewußt ins Land geholt hatte, um so den eigenen
Handel aufzubauen. Und da die Chinesen bereits damals dafür bekannt
waren, hart zu arbeiten und sich nicht um die Politik zu kümmern, waren
diese Fremden auch gerne gesehen. Das war wichtig, denn schon seit der
Ayudhaya und Sukhothai Ära war der führenden Schicht in Thailand immer
nur die Kontrolle ihres Landes und ihrer eigenen politischen
Angelegenheiten wichtig und mußte daher um jeden Preis in eigenen Händen
gehalten werden. Die Kontrolle und der Einfluß in den Firmen war nicht
das vorrangige Anliegen, solange durch Steuern und Abgaben genügend Geld
für die Politik erwirtschaftet werden konnte. Das sollte auch so bleiben.
Ganz anders mußte daher die Einladung an die Europäer formuliert werden.
Einerseits eröffneten europäischen Firmen schon damals die Möglichkeit
neueste Technologien in Thailand einzuführen. Andererseits war aber auch
klar, daß diese Europäer sich ständig ungeniert und unvorhersehbar in
die politischen Angelegenheiten anderer einmischen würden. So hat man
schon vor langer Zeit entsprechende Regelwerke eingeführt, um dies nicht
geschehen zu lassen.
Die Idee, selbst zu regieren und andere das Geschäft machen zu lassen,
ist so einfach wie bestechend. Verwunderlich ist nur, daß Thailand mit
dieser Strategie so lange durchhalten und dabei auch Erfolge verbuchen
konnte. Doch wesentliche Industrien, einschließlich der Banken, waren,
zumindest bis zum Einbruch der Krise, überwiegend in den Händen der
Nachkommen dieser chinesischen Händler, die man einst ins Land geholt
hatte. Der Rest steht weitgehend unter japanischer Kontrolle und, soweit
nicht europäisch oder amerikanisch, verbleiben eigentlich nur
Randbereiche in tatsächlich thailändischer Hand. Doch noch nie hatte
eine ausländische Macht direkten Einfluß auf die Politik oder die
Führung des Landes nehmen können und so war Thailand selbst auch noch
nie eine Kolonie. Sicherlich ist dies vor allem der bekannten
thailändischen Diplomatie zu verdanken. Ob diese Nachlässigkeit jedoch
von Vorteil war, steht zunehmend in zweifelhaftem Licht, denn noch immer
gilt der Grundsatz: wer zahlt, schafft an.
Noch bis vor der Krise war das ja auch ein und dasselbe. Die von der
neuen Verfassung geforderte Offenlegung der Vermögensverhältnisse hat
vielerorts zunächst auch nicht mehr als Überraschung oder bewußte
Ignoranz verursacht. Doch die Vermögen der führenden Schicht sind
verschwunden und haben sich in den Büchern der Banken zu roten Zahlen
verwandelt. Imperien sind zusammen gebrochen und selbst die Banken gehen
Stück für Stück unter den Hammer. Der Farang kommt und Angst essen Seele
auf!
Doch, sieht man einmal von Uwe Solinger ab, der schon vor Jahren als
Berater den Einzug ins Innere des thailändischen Parlaments geschafft
hat, die Politik des Landes ist noch immer in festen Händen. Es mag für
die Betroffenen vielleicht kaum verständlich sein, aber in diese Domäne
will der Farang ja sicherlich auch gar nicht eindringen und der
internationale Währungsfond, die Weltbank und selbst George Soros haben
bei weitem anderes zu tun. Mit gar grausigen Vorhersagen und Theorien
wurde noch vor Kurzem der Regierung gemeinsame Sache mit den Ausländern
vorgeworfen. Vom nationalen Ausverkauf war die Rede und davon, daß die
Ausländer nun doch noch zu ihrem Ziel kämen, nämlich Thailand zur
Kolonie zu machen. Solchen Entwicklungen muß natürlich vorgebeugt werden
und so wurden Rufe laut selbst alle Journalisten aus Thailand zu
verbannen, die sich gar schlecht über das Land auszulassen gedenken.
Selbst der Klerus meldete sich zu Wort und warnte vorm bösen Mann. Doch,
wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte und mir kommt ganz
zwangsläufig das hämische Grinsen von Herrn Dr. Mahatir aus Malaysia in
den Sinn, als er in einem Fernsehinterview des Senders CNBC auf die
drohende Konkurrenz aus Thailand angesprochen wurde.
Dabei lief alles so perfekt. Schnelles und vor allem leichtes Geld kam
in schier endlosen Strömen ins Land geflossen und konnte auch beinahe
ungestört in die hiesigen Kanäle verteilt werden. Allein schon ein
bißchen Zögern oder die altbewährte Hinhalte-Taktik brachte ausländische
Konzerne soweit, daß diese schließlich nicht nur die Produkte, sondern
auch gleich das Geld zu deren Finanzierung mitgebracht hatten. Sollten
sie als Normalverbraucher schon einmal versucht haben auch nur einen
lausigen Kleinkredit bei einer deutschen Bank zu erhalten, dann werden
sie sicherlich auch verstehen, wie verblüfft viele thailändische
Unternehmer gewesen sein müssen, als plötzlich Millionen von Dollars auf
die einheimischen Konten wanderten. Und dann war da das bornierte
Selbstverständnis vieler ausländischer Konzerne, die unaufhaltsam nach
immer neuen Wegen suchten, um die Globalisierung ihrer Unternehmen voran
zu treiben und dabei selbst auf unbekanntem Terrain einem allzu
optimistischen Enthusiasmus den Vorzug gaben.
Angesichts solch faszinierender Umweltbedingungen mag es dann auch kaum
mehr verwunderlich sein, daß der ungetrübte Positivismus des Auslands
seine konsequente Fortsetzung bei thailändischen Politikern und in den
Führungsetagen gefunden hatte. Überdies legte bis dahin ja auch kaum ein
Investor ernsthaft Wert auf Mehrheiten, Kontrolle oder gar ausreichende
Sicherheiten, denn hier in Thailand war das eben so. Und genau so konnte
sich die altbewährte thailändische Strategie zu ihrer vollen Blüte
entwickeln. Kartenhäuser und windige Imperien schossen wie Pilze aus dem
Boden und selbst die guten Unternehmen konnten der Versuchung einer
permanenten Überinvestition kaum widerstehen. Andere wiederum hatten
sich als Wegelagerer die eigenen Taschen so voll gestopft, daß auch
diese Vermögen irgendwie gewinnbringend in den Markt zurückfließen
mußten. Mangels besserer Ideen wurden unglaubliche Summen vor allem in
den Immobilienmarkt gepumpt. Kaum verwunderlich, daß dies natürlich
alles fast ausnahmslos ohne Marktanalysen oder Planungen von Statten
ging. Der schnelle Reichtum war in Sicht und diese Verheißung blendete
nicht nur die Großen des Landes.
Welche Bedeutung hat da dann noch der Aufbau eines Sozialsystems,
Bildungswesens oder einer modernen Infrastruktur? Der Wein floß in
Strömen, Sektkorken flogen durch Führungsetagen, goldene Uhren hielten
genauso Einzug ins tägliche Leben wie Designerjeans aus Italien oder
natürlich der gute Stern auf ihren Straßen. Mit dem Privatjet zum
Frühstück nach Paris und dazwischen noch eine Firma in England oder
Amerika gekauft. Der Aufstieg schien unaufhaltsam und endlich war man
auch jemand im Kreise der Magnaten dieser Welt. Nun, vielleicht hat man
die Realitäten schlicht verneint oder es ist all den Managern nie
aufgefallen, daß dieses Glück leider nur geborgt war. Die Party war dann
auch schnell zu Ende und was blieb war die Rechnung.
Hochmut kommt gelegentlich vor dem Fall und so konnte die Krise nicht
ausbleiben. Wie am Morgen nach der Party haben Krisen jedoch auch den
Vorteil, daß sie für eine ganz gewisse Zeit zumindest die traurige
Wahrheit ans Licht bringen und die Realität ohne Schminke zur Schau
stellen. Dies veranlaßt jetzt auch viele Personen des öffentlichen
Lebens hier in Thailand zu einer kritischen Bestandsaufnahme, Arbeiter
gehen auf die Straßen, Bauern protestieren und die Presse zieht offen
gegen Mißstände zu Felde. Verfolgt man jedoch die offizielle politische
Debatte, dann drängt sich eher der Eindruck auf, daß Thailand eben nur
gelernt hat mit der Krise zu leben. Dramatische Veränderungen, wie zum
Beispiel in Korea, fanden tatsächlich nicht statt und entsprechende
Vorstöße blieben in den genannten politischen Debatten und
Schlammschlachten stecken. Fast schon könnte man den Eindruck gewinnen,
daß es sich mehr um eine Familienstreitigkeit handelt, die durch die
Dolchstoßlegende nur vervollständigt wurde.
Doch Thailand ist ganz und gar nicht am Ende und Veränderungen sind im
Gange, die langfristig das Gefüge im Lande nachhaltig verändern und dem
Land die erforderliche Stabilität wieder geben werden. Ein neuer und
revolutionärer Geist ist zugange. Mehr und mehr will das thailändische
Volk Roß und Reiter wissen, fordert die Namen der Übeltäter, die Rede
ist von Gerichtsverfahren, Bestrafung und davon, daß dem Volk zurück
gegeben werden solle, was man ihm über Jahre hinweg genommen hat. Dabei
ist nicht zu verkennen, daß die durch die Krise erzwungene Öffnung der
eigenen Wirtschaft durchaus als Bedrohung empfunden wird, da man mit den
Gesetzen des offenen Wettbewerbs nicht sehr vertraut ist, denn die
liebgewonnenen Monopole und Marktbeschränkungen haben bisher
ausreichende Absicherung vor aggressiven Eindringlingen geboten.
Veränderungen finden vor allem in gesellschaftlichen Ebenen statt und
wer die Entwicklung genau verfolgt stellt unschwer fest, daß vor allem
das einstige Establishment so langsam aus dem Fokus verschwindet. Das
versteckte Ziel ist nichts geringeres als die grundsätzliche Veränderung
der gesamten gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen
Struktur des Landes. Solche Veränderungen kommen nicht einfach und
erfordern in vielen Bereichen schwerwiegende Einschnitte. Für viele
bedeutet dies den Verlust von Einfluß, Macht und vor allem sozialer
Anerkennung. Das Bestehen ganzer Familien und Klans steht auf dem Spiel
und wen mag es da verwundern, wenn verändernde Kräfte nicht gerade
freundlich aufgenommen werden. Und wer das Denken nicht bekämpfen kann,
der bekämpft eben den Denkenden.
Die Veränderungen kommen nicht von außen, auch wenn dies plakativ von
manchen heute so gesehen wird. Die „Bedrohung“ ist im eigenen Hause und
kaum mehr aufzuhalten. Die Frage wird sich jedoch stellen, wie lange
dieser Prozeß anhalten wird und wann entsprechende Änderungen zu
tatsächlichen Verbesserungen führen werden. Nationaler Stolz ist hierbei
kein Hinderungsgrund, solange es nicht zur Verblendung der Realitäten
führt. Thailand wird sich in erster Linie mit sich selbst und seinen
regionalen Nachbarn messen müssen, kaum jedoch mit den westlichen
Industrienationen. Und genau bei diesen Nachbarn gehen Veränderungen
wesentlich schneller voran, wird Vertauen in die Wirtschaft wieder
aufgebaut und wichtige Investitionen finden ihren Weg in diese
Nachbarstaaten. Der Farang als Schreckgespenst hat ausgedient und die
Betroffenen sollten damit beginnen sich auf die internen Angelegenheiten
zu konzentrieren. Drastische Veränderungen sind von Nöten. Die
Einschätzung der langfristigen Entwicklung Thailands wird daher nicht so
sehr von wirtschaftlichen Zuwachsraten abhängen, sondern davon, ob die
notwendigen Entscheidungen in den Bereichen Gesetzgebung, Rechtsprechung
und Ausbildungssystem getroffen werden.
Für ausländische Investoren wird zum entscheidenden Faktor, ob die
betroffenen lokalen Unternehmen in den alten Denkweisen verharren und
nur nach neuem Geld Ausschau halten oder ob Investitionen die
Durchführung substantieller Veränderungen ermöglichen können. Neue
Produktionsmethoden, neue Technologien und neues Geld allein werden kaum
zum Erfolg führen. Ausländische Investoren müssen sich darauf einstellen,
daß die erfolgreiche Investition untrennbar mit einer Reorganisation
einhergehen muß. Solange alte Geschäftspraktiken, Verwaltungsmethoden
und Denkweisen die Grundlage des Unternehmens bilden, solange werden
auch Investitionen zweifelhaft bleiben. Gerade deutsche Unternehmen
sollten sich damit anfreunden, daß allein das technische Wissen und die
Ausbildung von Ingenieuren bei weitem nicht mehr ausreichend ist.
Ausbildung muß sich auf das Management und die Abteilungsleiter
konzentrieren und moderne Managementmethoden, vor allem aber das
Verständnis für Verantwortung und wirtschaftliche Zusammenhänge zum Ziel
haben.
Die thailändischen Mitarbeiter sind auf ihrer Seite, solange sie
erkennbar verantwortlich handeln. Die Thailänder wollen jetzt endlich
Taten sehen, denn zu lange wurde man mit Kultur und sozialen Regeln
abgespeist. Das soll sich nun ändern. Dabei kann nicht außer Betracht
gelassen werden, daß von ausländischen Investoren neben der üblichen
Sorgfalt auch eine gute Portion Verständnis verlangt wird. Schließlich
könnte es ja wirklich sein, daß ihre Partner reichlich Angst davor haben,
geschluckt und wieder ausgespuckt zu werden. Daß dies nicht so ist, muß
persönlich und über Zeit vermittelt werden und Taten zählen da mehr als
bloße Worte. Die Angst vor fremden Mächten sitzt tief und wird leider
noch immer geschürt. Wir sollten nicht vergessen, daß wir genau diese
bösen Mächte repräsentieren und daher Vertauen zu schaffen haben, bevor
wir von unseren thailändischen Partnern erwarten können, daß diese sich
auf neue Wege einlassen, sich von altvertrauten Praktiken verabschieden
und einem Ausländer die Kontrolle über das eigene Unternehmen überlassen.
Auch wenn derzeit gehäuft Parolen durch die Presse gehen, muß man sehen,
daß die Thailänder in der Vergangenheit immer wieder ihre Flexibilität
unter Beweis gestellt haben. Wer Angst hat benötigt gute und
vertrauensvolle Partner, die sich erkennbar den gemeinsamen Erfolg zum
Ziel gemacht haben, bereit sind die Führung zu übernehmen ohne Vorteil
daraus zu ziehen und realistisch genug sind, um die Herausforderungen
Thailands zusammen mit den thailändischen Partnern zu meistern. |