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„Geld stinkt nicht!“ So oder ähnlich erwiderte
Kaiser Vespasian die Kritik seines Sohnes Titus, der ernstliche Bedenken
gegen die Erhebung einer neuen Steuer für öffentliche Toiletten
vorgetragenen hatte. Über die Zeit hat dieser tragende Grundsatz kaum an
Bedeutung verloren und nicht nur verwegene Zeitgenossen, sondern auch
ganz normale Bürger finden hierin Rechtfertigung, wenn nach allzu kühnen
Machenschaften die ersten Zweifel an den eigenen Taten aufkommen. In
gewissem Sinne könnte man sogar sagen, daß dieser Leitsatz dazu
beigetragen hat, die moralisch religiösen Bastionen weitgehend zu
verdrängen und schließlich Einzug in unser tägliches Leben genommen hat.
Die soziale Relevanz des Handelns verliert scheinbar immer dann an
Bedeutung, wenn es um das liebe Geld geht. Wenn man ehrlich genug ist,
dann stellt man fest, daß es gerade die Skrupellosen sind, die immer
wieder unsere stille Bewunderung erheischen.
Zurecht weist daher Professor Dr. Walter, Chefvolkswirt der Deutsche
Bank AG, darauf hin, daß heute verstärkt die „normativen Grenzen
unternehmerischen Handelns“ zu berücksichtigen sind, denn wo immer diese
Wirtschaftsethik fehlt, ergeben sich negative Folgen für das Unternehmen.
Doch unverantwortliches Gewinnstreben führt nicht nur zu Turbulenzen auf
den internationalen Finanzmärkten, sondern gefährdet im Einzelfall auch
Leben und Gesundheit. Welche Lehren ziehen wir eigentlich aus der
Vergangenheit? Giftiger Industriemüll wird weiter in Flüsse und Seen
gekippt, Lebensmittel mit Hormonen und Chemikalien angereichert und
Häuser stürzen wegen konsequentem Pfusch am Bau ein. Doch auch neuere
Beispiele lassen erkennen, daß Profitgier in zu vielen Fällen noch immer
über verantwortliches Handeln triumphiert. So wurde der ehemalige
Präsident der Finance One unter Thailändern einst als Wunderkind und
genialer Manager gefeiert. Nach dem Zusammenbruch seines Kartenhauses
hat er sich, wie so viele, nach Amerika abgesetzt und sieht sich jetzt
einem Haftbefehl ausgesetzt. Die Schulden trägt der Steuerzahler. Er ist
dabei in „guter“ Gesellschaft. Dieser Tage wurde von verseuchten
Blutkonserven in Amerika berichtet und davon, daß das Blut unter
dubiosen Umständen aus amerikanischen Gefängnissen geliefert wurde. Die
Telephone Organization of Thailand hat über Jahre hinweg freie
Telefonleitungen an einflußreiche Bürger vergeben und der normale Bürger
weigert sich nun, die Rechnung hierfür zu bezahlen. Die Liste ist lang
und selbst ein Besuch im Vatikan läßt keinen Zweifel offen, daß der
frühe Disput, ob Jesus nun reich oder arm war, wohl zurecht und mit
Erfolg von den Verantwortlichen positiv entschieden wurde. Der dort zur
Schau gestellte Prunk verbreitet auch keinerlei Geruch.
Generationen von Kritikern, Philosophen, Dichtern und Denkern konnten
die Verfremdung menschlicher Kreativität und Schaffenskraft letztlich
nicht verhindern und sich schon gar nicht dem Siegeszug eines
grenzenlosen Materialismus entgegen stellen. Was und vor allem wo sind
also die vielgepriesenen „Asian Values“, die Grundsätze der
Kaufmannschaft oder wie das deutsche Bürgerliche Gesetzbuch es nennt:
der Grundsatz von Treu und Glauben?
Viele haben Vespasian‘s Grundsatz ausgiebig verfeinert und so die Basis
für eine zunehmend zweifelhafte Geschäftsethik gelegt. Die Konsequenz,
mit der diese auf Profit ausgerichtete Denkweise verfolgt wird, stimmt
zu Recht nachdenklich. „Der Zweck heiligt die Mittel“ steht in direkter
Seelenverwandtschaft mit Vespasian‘s Rechtfertigung und hat vielen
zweifelhaften Figuren der Geschichte eine genau so zweifelhafte
Rechtfertigung für deren Handlungen gegeben. „Nehmen sie das nicht
persönlich, hier geht es nur ums Geschäft“ zeigt, mit welcher
Gefühllosigkeit so mancher Manager seinen sozialen Verpflichtungen
gerecht zu werden versucht, um sich möglichst einfach aus der Affäre zu
ziehen. Moralische, religiöse oder gar ganz persönliche Bedenken sind in
der modernen Geschäftswelt verpönt und führen ganz schnell zur
Verurteilung als alternativer Schwächling. Verlierer sind nicht gefragt,
denn, „weil wir hart sind, sind wir da“ und „was uns nicht umbringt,
macht uns nur noch härter“. Gut gebrüllt, Löwe, doch bei solchen Devisen
stahlharter Manager stellt sich gelegentlich doch die Frage: wo bleibt
der Mensch?
Die Väter unseres Grundgesetzes haben sich diese Frage wohl auch
gestellt und sehr wohl erkannt, daß nicht nur Adel, sondern auch „Eigentum
verpflichtet“. Dies hat dem Aufbau einer sozialen Marktwirtschaft
entscheidend geholfen, auch wenn alle Seiten immer wieder an diesen
Grundsatz erinnert werden müssen. In Asien, so mag man annehmen, seien
solche Probleme im Hinblick auf die Lehren Buddhas und die
sprichwörtliche Gelassenheit der Menschen zumindest nur in
abgeschwächter Form vorhanden. Diese doch etwas verklärte Ansicht wird
im Laufe der Jahre durch die Erkenntnis, daß auch hier Klöster zum Teil
über beträchtlichen Reichtum verfügen, man es als Politiker bei guter
Führung bis zum Millionär bringen kann und die Tatsache, daß kaum ein
Staat der Region auch nur über ein normales Maß an sozialer Sicherung
verfügt, ganz nachhaltig relativiert. Die einseitige Verteilung
nationalen Reichtums geht nicht nur zu Lasten der sozial schwachen
Schichten, sondern verhindert auch den Aufbau eines gesunden
Mittelstandes und damit der Innovationskraft des Landes. Damit aber
nicht genug. Es scheint zunehmend schick und akzeptabel zu sein, sich
den Neppern, Schleppern und Bauernfängern anzuschließen, um durch
möglichst trickreiche Methoden hohe Profite für schlechte Leistung zu
erzielen. Dieser gelebte Materialismus hat sich zum entscheidenden
Faktor für sinnloses Profitstreben entwickelt. Wir könnten auch sagen,
daß das Fehlen eines stabilen Rechtssystems und vor allem einer
fundierten Unternehmensphilosophie die Einstellung der eigenen
Mitarbeiter, aber auch der Kunden äußerst negativ beeinflußt. In der
Regel sind es auch nicht die Mitarbeiter, sondern die Unternehmenskultur,
die zweifelhafte Methoden im täglichen Geschäft motiviert.
Wofür steht ein Unternehmen, welche sozial-relevanten Produkte oder
Dienstleistungen werden geschaffen und welche tatsächlichen Vorteile
werden angeboten? Worin liegt der eigentliche Mehrwert für die
Gesellschaft? Die Wirtschaftskrise gibt auch in diesem Punkt Anlaß zu
einer Rückbesinnung. So mancher Wirtschaftskonzern in Thailand hat
inzwischen erkannt, daß die bloße Ansammlung von Geschäftsfeldern nur zu
einem Bauchladen führt und keinerlei Kompetenz oder gar wirtschaftliche
Sicherheit schafft. Nun wollen sich manche eher wieder dem Kerngeschäft
widmen und dort mit Kompetenz für den entsprechenden Mehrwert sorgen.
Auch andere haben dies sehr wohl erkannt und plötzlich rückt der Kunde
wieder ins Zentrum des Geschehens. Mit Freude durften wir auch auf
internationalem Parkett hören, daß Bill Gates sich an den Grund seines
Reichtums erinnerte und sein Unternehmen nun neuerdings wieder auf den
Kunden ausrichten will.
Langfristig und sozialverträglich angelegte Firmenstrategien benötigen
auch keine Korruption und Bestechung, sondern überzeugen durch Leistung
und nur durch Leistung. Monopole und Marktbeschränkungen sind der Anfang
von Selbstgerechtigkeit, Fehleinschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit
und dem Verfall der Disziplin. Das Ergebnis ist langfristig der
Untergang des Unternehmens. Die Geschichte ist voll von einschlägigen
Beispielen.
So mag man meinen, daß die Privatisierung der thailändischen
Staatsunternehmen ein Schritt in die richtige Richtung ist, um die
Strukturen weit verbreiteter Verschwendung öffentlichen Vermögens und
die damit verbundene Schädigung der Gesellschaft zu beenden. Die meisten
Proteste dagegen sind da auch nicht mehr als das letzte Aufbäumen derer,
die schon zu lange auf Kosten anderer gelebt haben. Leider erscheint
jedoch auch die schlichte Auslagerung staatlicher Pflichten in private
Hände nicht sehr hilfreich, solange die soziale Verpflichtung
unternehmerischen Handelns bei den künftigen Betreibern nicht klar
verstanden wird.
Verursacht durch die Folgen der Wirtschaftskrise gibt es neuerdings in
zunehmendem Maße wieder Kundendienst und in manchen Fällen sogar so
etwas wie Qualitätsprüfung, Preise sind auf ein normales Maß gefallen
und man könnte fast den Eindruck erhalten, daß man als Kunde wieder
etwas zählt. Rückbesinnung auf alte Werte oder Tugend in der Not? Die
Mehrheit der Firmen reagiert derzeit leider nur auf äußeren Druck,
verfolgt auch weiterhin keine konkrete Strategie und hofft auf die
Rückkehr der alten Zeiten. Die Verantwortlichen solcher Firmen reiten
das Pferd zu Tode. Substantieller Erfolg wird sich jedoch kaum
einstellen und für viele ist es schon fraglich, ob sie die bis auf
weiteres andauernde Säuberung des Marktes überleben werden. Der nun
allseits erwartete und geradezu beschworene Aufschwung der Wirtschaft
liegt leider in den Händen einer Minderheit, die die Zeichen der Zeit
erkannt hat und tatkräftig an der Neustrukturierung ihrer Unternehmen
arbeitet. Ob sich dadurch die Wirtschaftsethik in gleichem Maße
verbessert, soll dahingestellt bleiben.
Der tägliche Blick in die Medien ist eher ernüchternd. Es ist an der
Zeit, daß wir wieder an alte Tugenden anknüpfen und diese bewußt und
konsequent leben. Die Sucht nach dem schnellen Geld ist eine
Einbahnstraße, denn eine solide Geschäftsbasis besteht eben nicht nur
aus Geld, sondern in ganz besonderem Maße auch in einem soliden
Vertrauen der Kunden und einer ausgezeichneten Reputation im Markt.
Thailändische Firmen spüren dies bereits und müssen zunehmend auch
erkennen, daß selbst thailändische Kunden berechtigte Ansprüche haben
und für ihr teures Geld eine exzellente Gegenleistung wollen.
Unternehmen können diesen Ansprüchen auf die Dauer nur gerecht werden,
wenn sie einer soliden Geschäftsethik folgen und alle ihre Mitarbeiter
konsequent auf diesen Kurs gebracht haben.
„Das Ziel erfolgreicher Unternehmensführung ist die nachhaltige
Steigerung des Unternehmenswertes. Angesichts des enormen
Wettbewerbsdrucks auf den Absatzmärkte ist dabei Kundenfokussierung
oberstes Gebot jeder zielführenden Geschäftsstrategie“, mahnt Professor
Walter in seinem letzten Beitrag. Wer dies nicht erkennen will, wird
vielleicht auch bis auf weiteres schnelle Dollars erwirtschaften und
somit Vespasian‘s alten Grundsatz zur Ausnahme machen. Geld besitzt eben
doch die Fähigkeit selbst unerhörten Gestank zu verbreiten und so bleibt
wenigstens die Hoffnung, daß dies zum Schluß von möglichst vielen
erkannt wird. |