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Das Leben eines Managers ist voll von kritischen
Situationen und doch stellt kaum eine Situation mehr Anforderungen an
die Akteure als „die richtige Entscheidung zur richtigen Zeit“. Setzt
diese Aufgabe doch zwingend voraus, daß der jeweilige Entscheider über
alle Fakten genau Bescheid weiß und sich der vielfältigen
Rahmenbedingungen vollauf bewußt ist. Doch, mit allem gehörigen Respekt,
wer kann das schon mit Sicherheit von sich behaupten? So erscheinen
selbst beste Planungen und letztlich auch die hieraus resultierenden
Entscheidungen lediglich als Versuch aus der gegebenen Situation das
Beste zu machen. Selten genug tritt dieses Resultat dann auch wie
geplant ein und muß zur eigenen Rechtfertigung wieder „ins richtige
Licht“ gestellt werden. Tut man dies mit entsprechender Gewandtheit, so
besteht sogar die Wahrscheinlichkeit, daß man hierfür eine ausreichend
große Zahl von Gleichgesinnten findet und sich die Sache sogar „zur
herrschenden Meinung“ herausbildet. Besser wird die Entscheidung deshalb
natürlich nicht, aber Erfolg kann sie haben.
Liegt es dann nicht nahe, Entscheidungen und Handlungen eher von der
Perspektive der Intentionen als von den Fakten her zu beurteilen?
Dagegen mag stehen, daß Intentionen deutlich Spekulation sind und wir
gelernt haben, daß nur die Fakten zählen. Und doch, gerade wenn die
Entscheidung nicht von Erfolg getragen war, hört man Argumente wie „sie
müssen mich verstehen“, „verstehen sie mich nicht falsch“ oder auch „wir
müssen die Entscheidung vor dem Hintergrund“ sehen. Also kommt es zum
Schluß doch auf die Intentionen an, zumindest dann, wenn wir uns selbst
vor den Folgen der eigenen Entscheidung in Sicherheit bringen wollen.
Sind Fakten und gelegentlich auch Intentionen innerhalb des selben
Kulturkreises noch vergleichbar oder erklärbar, so führen diese beim
Zusammentreffen unterschiedlicher Kulturen nicht nur zu Unverständnis,
sondern leider ganz leicht zum offenen Konflikt. Versehen mit gediegener
Ausbildung und standhaftem Selbstbewußtsein neigen viele dann auch gerne
dazu, den Konflikt anzunehmen ohne diesen eigentlich lösen zu wollen.
Schließlich fehlt ja auch zu oft das Verständnis für die tieferen
Hintergründe, die den vermeintlichen Kontrahenten zu solch
unverständlichen Handlungen bewegen und die Entschlüsselung von Motiven
und Beweggründen ist nicht gerade ein integraler Bestandteil eines
dynamischen Führungsstils. Ignoranz, Enttäuschung, Frustration und
letztlich Konfrontation sind die Folgen.
Im Umgang mit unseren thailändischen Geschäftspartnern erfahren wir dies
jeden Tag und diese Erfahrung beruht durchaus auf Gegenseitigkeit. Die
Konzepte passen nicht zusammen und viele haben selbst nach Jahren keine
Lösung auf dieses Problem gefunden. Und sicherlich wird sich nun auch
der eine oder andere Fragen, was das nun alles mit dem Geschäft zu tun
haben soll und ob dies nicht besser in einer Gazette der
Kulturvereinigung aufgehoben wäre. Nun, die Frage mag auf den ersten
Anblick berechtigt erscheinen. Dann wiederum erinnert man sich an all
die Erfahrungen und Berichte von verlorenen Projekten und es liegt nahe,
gerade die Verneinung des Problems als dessen Ursprung zu erkennen.
Da zu Anfang eines interkulturellen Konfliktes meistens ein Gesicht
verloren wurde, muß zu dessen Lösung auch eine entsprechende Maßnahme
eingeleitet werden. Dies wiederum erfordert nun eine stark vertiefte
Kenntnis der anderen Kultur und vor allem des anderen Wertesystems als
Triebfeder des Handelns. Zunächst darf festgestellt werden, daß der
Gesichtsverlust, trotz landläufiger Meinung, keine asiatische oder gar
thailändische Erfindung ist und es darf an dieser Stelle nochmals daran
erinnert werden, daß auch andere das Gesicht verlieren können. Wenn das
verlorene Gesicht nun schon keinen Anspruch auf Einmaligkeit erheben
kann, dann stellt sich die Frage, ob der Unterschied vielleicht darin
liegt, wie andere dieses Phänomen bewerten und wie sie damit umgehen,
welche Rolle es spielt und welche Auswirkungen es im Einzelfall hat.
Sicherlich ist ihnen schon aufgefallen, daß Gesichter immer dann
verloren gehen, wenn der oder die Betreffende einen Fehler gemacht hat
oder sonstwie unterlegen ist. Das allein scheint aber nicht auszureichen,
denn es bedarf zusätzlich des Umstandes, daß ein anderer Zeitgenosse
dies ganz offen zum Fehler erhebt, den Fehler oder Mißstand aufgreift
und im schlimmsten Falle auch noch zum allgemeinen Thema macht. Damit
aber nicht genug, der Peiniger besteht vielleicht auch noch auf Klärung
der ohnehin schon peinlichen Situation und versucht um jeden Preis den
Schuldigen ausfindig zu machen. In solchen Fällen wird Druck aufgebaut.
Viele Thailänder können mit Druck aber nicht sehr gut umgehen und sehen
sich entsprechend in die Enge gedrängt. Dann gehen Gesichter verloren
und der Feind ist immer der, der sich nicht an die hiesigen Regeln hält
und die bestehende Ordnung stört. Wer Recht hat spielt keine Rolle mehr.
Sollte die Flucht im einzelnen Falle nicht möglich sein, dann muß der
Gesichtsverlust erst einmal hingenommen werden. Gerade im Umgang mit
Ausländern trifft dies besonders oft zu, da diese sich nicht an die
ungeschriebenen Regeln des Gesichtsverlusts halten und zudem ständig
versuchen Recht zu haben, Entscheidungen zu erzwingen und überdies
selten ausreichend Zeit und Interesse für persönliche Belange haben.
Diese Situation kann von selbst nicht gelöst werden, da auch direkte
Konfrontation mit einem Problem nicht zu den thailändischen Vorlieben
zählt und daher Dritte ins Rennen geschickt werden müssen, um die
notwendigen Reparaturen zu verrichten. Auch wird zwingend erwartet, daß
das Thema nicht weiter vertieft wird und man eher unverrichteter Dinge
zur Tagesordnung übergeht. Eine Lösung des eigentlichen Problems erfolgt
in den seltensten Fällen, womit die meisten jedoch leben können.
Verlust und Reparatur des Gesichtes gehören untrennbar zusammen. So
gesehen werden Gesichter nicht verloren, sondern weggenommen und wieder
zurück gegeben. Sollte das Letztere fehlen, dann kann es ganz leicht zu
Konflikten oder unkontrollierten Reaktionen kommen. Der gesamte Prozeß
dient einerseits dem Schutz des Einzelnen vor Peinlichkeit und
Eigenverantwortung und ermöglicht den Beteiligten schließlich doch noch
eine für alle zufriedenstellende Lösung zu finden. Leider führt dies in
vielen Fällen auch dazu, daß Fehler jahrelang herumgetragen werden und
keinerlei Besserung eintritt. Kompromisse werden einer einvernehmlichen
Lösung des Problems immer wieder vorgezogen und zum Schluß zählt das
Gesicht mehr als der geschäftliche Erfolg. Gerade diese Erkenntnis macht
es schwer, diese Eigenart zu verstehen, da wir ganz selbstverständlich
davon ausgehen, daß unser Geschäftspartner spätestens dann einlenken
wird, wenn es darum geht drohenden beruflichen oder geschäftlichen
Schaden von sich abzuwenden. Die hiesige Kultur sieht aber eine andere
Reihenfolge vor.
Nun kann man aber auch nicht davon ausgehen, daß ein Unterliegen von den
Thailändern dann letztlich so einfach hingenommen und akzeptiert wird,
denn entgegen unserer Auffassung muß der Unterlegene seine Niederlage
nicht für immer hinnehmen und kann durchaus weiter versuchen sein Ziel
auf anderem Wege zu erreichen. Die Erkenntnis der eigenen Grenzen führt
in der Regel auch nicht zwingend dazu, daß sich entsprechender Ehrgeiz
aufbaut und die eigene Leistungsfähigkeit verbessert wird. Dies wird von
vielen leider als nicht notwendig und überdies als zu anstrengend
betrachtet, solange es einfachere Wege gibt an sein Ziel zu kommen. In
diesem Sinne heiligt der Zweck oft Mittel und so ist es nicht
überraschend, daß hinter dem Lächeln des Landes ganz harte
Gesetzmäßigkeiten und Regeln stehen.
Ausländer sind daher eine ständige Belastung. Nicht, daß wir ohne Fehler
wären, aber mit unserer zielgerichteten und oft sehr direkten Art passen
wir überhaupt nicht in dieses Schema und sorgen damit für ständiges
Unbehagen. Unsere Art mit Problemen umzugehen ist zudem gänzlich
unvereinbar mit der thailändischen Vorgehensweise, unsere druckvoll
vorgetragenen Argumente werden schon bald zur bloßen Rechthaberei und
persönliche Dynamik zur unerträglichen Belastung. Die thailändische Art
miteinander umzugehen sieht vor, daß zum Schluß jeder überlebt. Da dies
oft schwer ist, muß dem geholfen werden, der gerade sein Gesicht
verloren hat. Wir allerdings gehen in unserer germanischen Art davon aus,
daß sich nun ja jeder selbst zu helfen hat und schließlich muß man da
eben auch selbst durch. Für Thailänder ist dies eine grausige
Vorstellung.
In einer Zeit der Globalisierung ist die Aufnahme kultureller und
geschichtlicher Gesetzmäßigkeiten in die Entscheidungsfindung kein
esoterischer Ansatz, sondern zwingende Voraussetzung zum Erfolg. Daß
andere dies sehr oft als alternatives und für einen Manager nicht
zuträgliches Denken bewerten, muß der Manager bewußt hinnehmen. Wer in
einem interkulturellen Umfeld tätig ist, muß auch interkulturelle
Aspekte beachten. Westliche Überzeugungen und Methoden haben keinen
Anspruch auf Absolutheit und so haben auch lange belächelte Methoden
afrikanischer oder chinesischer Medizin durch Erfolge überzeugt und
mittlerweile Einzug in unsere westliche Medizin gehalten. Ähnliches gilt
für japanische Management Methoden, welche von vielen westlichen Firmen
nachgeahmt wurden. Daß dabei nicht alle Gleichungen einfach zu lösen
sind ist klar.
Obwohl die meisten Ausländer unter stetigem Erfolgsdruck stehen und sich
kulturell bedingte Verluste erst gar nicht leisten können, wird diesem
Aspekt viel zu wenig Bedeutung beigemessen. Und auch auf internationalem
Parkett scheint die hohe Kunst der Diplomatie zu versagen, wenn man sich
die schwierigen und oft erfolglosen Verhandlungen zwischen westlichen
Nationen und China, Rußland, dem mittleren Osten und zuletzt dem Balkan
betrachtet.
So wäre es angebracht das notwendige Verständnis für kulturelle und
geschichtliche Gegebenheiten immer dann zu zeigen, sobald sie sich in
eine Situation begeben, in der sie guter Dinge versuchen, einen
Thailänder mit starken Argumenten zu überzeugen. Achten sie darauf, daß
sie niemanden unnötig unter Druck setzen und dem Gesprächspartner immer
ausreichend Spielraum zum Rückzug ermöglichen. Wenn ihr Gegenüber das
Gesicht verliert ist ihnen auch nicht geholfen und solange sie bei
diesem Spiel die Kontrolle behalten, werden sie auch erfolgreich sein.
Sollten sie sich in der Situation befinden unangenehme Entscheidungen
treffen zu müssen, dann sorgen sie ausreichend schnell für entsprechende
Unterstützung unter den Betroffenen, bauen sie allgemeine Ängste
rechtzeitig ab und stellen sie sicher, daß sie keinen der Betroffenen in
die Enge treiben oder vor unlösbare Probleme stellen. Sicherlich muß
aber jeder seine persönliche Lösung finden, um mit diesem sehr ernsten
Thema fertig zu werden, denn die Folgen können sehr nachhaltig und
leider auch sehr nachteilig sein. |