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Die thailändische Kultur stellt einen gelegentlich
schon vor seltsame Rätsel und selbst der willigste unter uns Langnasen
wird an der einen oder anderen Stelle ganz einfach an die Wand laufen
und alsbald auch erkennen, daß der Weg Thailands mit verlorenen
Gesichtern gepflastert ist.
Ja, es ist schon eine seltsame Sache, dieses verlorene Gesicht. Man muß
da äußerst vorsichtig sein, denn sein Gesicht kann man jeden Tag, ja
jede Minute verlieren. Vorsichtsmaßnahmen sind also angesagt und am
besten erscheint es, wenn man gleich gar keine Angriffsfläche mehr
bietet, keine eigene Meinung vertritt, Barrieren aufbaut, sich hinter
einem verunsicherten Lächeln versteckt und als schlichtes Neutrum durch
die Lande zieht. Sehr beliebt ist auch ein verlegenes Kopfnicken, zur
rechten Zeit die Hände zum Wai zu falten und, wenn es ganz dick kommt,
schnell das Thema zu wechseln, einfach gar nichts mehr zu sagen und dann
möglichst schnell die Kurve zu kriegen und sich aus dem Staub zu machen.
„Leute seid nicht feige, laßt mich hinter den Baum“ ist eine wohl
gewählte Devise und beschert dem besorgten Gesichtsverlierer auch
ausreichend Möglichkeiten, dasselbe doch noch zu bewahren.
Das Gute ist, man kann sein Gesicht auch wieder bekommen, natürlich nur,
wenn man sich dabei geschickt anstellt und am besten geht dies, wenn der
Andere einem das Gesicht wieder zurück gibt oder man einen Anderen sein
Gesicht verlieren läßt. Bei all diesem Wirrwarr stellt sich dann für die
in dieser Kunst so ganz und gar ungeübte Langnase die Frage, welches
Gesicht man nun gerade vor sich hat und wie lange einen dieses noch so
lieb und lächelnd ansieht. Und in der Tat, es geht ganz schnell, daß
dieses Gesicht verschwindet, denn der immer noch ungeübte Farang hat
natürlich schon wieder die Regeln nicht eingehalten und schon wieder hat
so ein armer Mensch sein Gesicht verloren.
Eher verspielt beschäftigt sich der Tourist oder Neuankömmling noch mit
diesem Thema ohne auch nur im Entferntesten zu ahnen, daß dies schon
bald zu einem entscheidenden Faktor im täglichen Kampf werden wird.
Viele empfinden diese neurotische Eigenheit geradezu als exotische
Besonderheit, die zur Bewunderung aufruft. Nun, man kann hier geteilter
Meinung sein und für all diejenigen unter uns, die ihren beruflichen
Erfolg dem reibungslosen Miteinander mit Kunden und Mitarbeitern
verdanken, stellt sich vielmehr die Frage, wie man mit diesem Syndrom
leben kann. Daher stellt sich auch die Frage, was ist eigentlich ein
verlorenes Gesicht und was hat es mit all dem auf sich?
Zunächst kann festgestellt werden, daß trotz landläufiger Meinung die
Kunst des Gesichtsverlusts keine asiatische oder gar thailändische
Erfindung ist und es soll an dieser Stelle nochmals daran erinnert
werden, daß auch andere das Gesicht verlieren können. Man hat ihnen aber
sicherlich bereits hinreichend erläutert, daß dies aber auf keinen Fall
das Gleiche sei und sie doch bitte auch Thailand verstehen sollten. Wenn
das verlorene Gesicht nun schon keinen Anspruch auf Einmaligkeit erheben
kann, dann stellt sich die Frage, ob der Unterschied vielleicht darin
liegt, wie die Thailänder mit diesem Phänomen umgehen, welche Rolle es
spielt und wie es im Einzelfall angewandt wird.
Sicherlich ist ihnen schon aufgefallen, daß Gesichter immer dann
verloren gehen, wenn der oder die Betreffende einen Fehler gemacht hat,
durch allzu offensichtliche Unkenntnis oder persönliche Unfähigkeit
aufgefallen ist oder sich sonst irgendwie deutlich daneben benommen hat.
Das allein scheint aber nicht auszureichen, denn sonst hätte ja bald gar
keiner mehr ein Gesicht. Es bedarf also zusätzlich des Umstandes, daß
ein gefühlloser Zeitgenosse diesen Fehler oder Mißstand aufgreift und im
schlimmsten Falle auch noch zum allgemeinen Thema macht. Damit aber
nicht genug, der Peiniger besteht vielleicht auch noch auf Klärung der
ohnehin schon peinlichen Situation und versucht um jeden Preis den
Schuldigen ausfindig zu machen. In solchen Fällen wird Druck aufgebaut,
der Thailänder kann das Problem meist nicht lösen, sieht sich in die
Enge gedrängt und dann gehen auch gleich reihenweise Gesichter verloren.
Und schon kommt Hilfe aus den eigenen Reihen, um den Gepeinigten
wenigstens einigermaßen zu rehabilitieren. Der Feind ist immer der, der
sich nicht an die Regeln hält und die bestehende Ordnung stört. Wer
Recht hat spielt keine Rolle.
Direkter Druck ist etwas, was Thailänder überhaupt nicht aushalten und
sollte die Flucht im einzelnen Falle nicht möglich sein, dann muß der
Gesichtsverlust erst einmal hingenommen werden. Gerade im Umgang mit
Ausländern trifft dies besonders oft zu, da diese sich nicht an die
ungeschriebenen Regeln des Gesichtsverlusts halten und zudem versuchen
ständig Recht zu haben, Entscheidungen zu erzwingen und überdies nie
Zeit für persönliche Belange haben. Diese Situation kann jedoch von
selbst nicht gelöst werden, da auch direkte Konfrontation mit einem
Problem nicht zu den thailändischen Vorlieben zählt und daher Dritte ins
Rennen geschickt werden müssen, um die notwendigen Reparaturen zu
verrichten. Auch wird von den Thailändern zwingend erwartet, daß das
Thema nicht weiter vertieft wird. Die darauf folgenden Informationen und
Erklärungen sind einfach zur Kenntnis zu nehmen und alle Beteiligten
gehen ohne weitere Verrichtung zur Tagesordnung über. Eine Lösung des
eigentlichen Problems erfolgt in den seltensten Fällen, womit die
meisten jedoch leben können.
Verlust und Reparatur des Gesichtes gehören untrennbar zusammen. So
gesehen werden Gesichter nicht verloren, sondern weggenommen und wieder
zurück gegeben. Sollte das Letztere fehlen, dann kann es ganz leicht zu
lebenslangen Feindschaften oder unkontrollierten Reaktionen aller Art
kommen. Der gesamte Prozeß dient dem Schutz des Einzelnen vor
Peinlichkeit und Eigenverantwortung und bewahrt die Betroffenen vor der
Offenlegung ihrer eigenen Unfähigkeit. Leider führt dies in vielen
Fällen dazu, daß Fehler jahrelang herumgetragen werden und keinerlei
Besserung eintritt. Kompromisse werden einer einvernehmlichen Lösung des
Problems immer wieder gerne vorgezogen und zum Schluß zählt das Gesicht
mehr als der geschäftliche Erfolg. Gerade diese Erkenntnis macht es
schwer, diese Eigenheiten zu verstehen, da wir ganz selbstverständlich
davon ausgehen, daß der Mensch spätestens dann die eigene Position
opfert, wenn es darum geht drohenden beruflichen oder geschäftlichen
Schaden abzuwenden. Die hiesige Kultur sieht aber eine andere
Reihenfolge vor. Nun kann man aber auch nicht davon ausgehen, daß der
Schaden von den Thailändern dann letztlich so einfach hingenommen und
akzeptiert wird, denn sonst wären Feindseligkeiten oder gar Racheakte
nicht an der Tagesordnung. Schließlich muß man ja irgendwie sein Ziel
doch noch erreichen, denn das Gesicht muß ja wieder hergestellt werden.
Thailänder sind ausgesprochen schlechte Verlierer. Auch wenn sich
gelegentlich der vermeintliche Eindruck aufdrängen möge, daß Thailänder
Niederlagen gelassen hinnehmen, entspricht dies keineswegs der Realität.
So versucht man auf ganz eigene Art und Weise in allen
Bevölkerungsschichten den Erfolg schon zu einem möglichst frühen
Zeitpunkt zu sichern und die Möglichkeiten sind offensichtlich ohne
Grenzen. Politiker kaufen Stimmen, Geschäftsleute besorgen sich Monopole
oder kaufen Entscheidungen, Verträge werden nicht eingehalten oder
willkürlich zum eigenen Vorteil ausgelegt, schlechte Qualität wird zu
überteuerten Preisen angeboten, verkaufte Leistungen oft gleich gar
nicht erbracht, unliebsame Wettbewerber werden unter Druck gesetzt oder
gar auf offener Straße erschossen und selbst ausländische Berater sind
nicht vor den Kurzschlußreaktionen der Frustrierten sicher, wie die
kürzliche Ermordung eines ausländischen Beraters zeigt. Die Erkenntnis
der eigenen Grenzen und der eigenen Unzulänglichkeiten führt in der
Regel nicht dazu, daß sich entsprechender Ehrgeiz aufbaut und die eigene
Leistungsfähigkeit verbessert wird. Dies wird von den meisten als nicht
notwendig und überdies als zu anstrengend betrachtet, solange es
einfachere Wege gibt an sein Ziel zu kommen. In diesem Sinne heiligt der
Zweck die Mittel und so ist es nicht überraschend, daß hinter dem
Lächeln des Landes ganz harte Gesetzmäßigkeiten und Regeln stehen, die
eine offene und dynamische Entwicklung des Landes außerordentlich
erschweren.
Letztlich ist all dies nichts anderes als eine besondere Form mit dem
eigenen Versagen und der eigenen Unzulänglichkeit umzugehen. Ausländer
sind daher eine ständige Bedrohung. Nicht, daß wir ohne Fehler wären,
aber mit unserer zielgerichteten und oft sehr direkten Art passen wir
überhaupt nicht in dieses Schema und sorgen damit für ständiges
Unbehagen. Unsere Art mit Problemen umzugehen ist zudem gänzlich
unvereinbar mit der thailändischen Vorgehensweise. Wenn Alter, Titel
oder Familiennamen, Rangstellung und Positionen zum Inhalt des
Selbstbewußtseins werden, dann werden Argumente zur Rechthaberei und
Dynamik zur unerträglichen Belastung. Die thailändische Art miteinander
umzugehen sieht vor, daß zum Schluß jeder überlebt. Da dies oft schwer
ist, muß dem geholfen werden, der gerade sein Gesicht verloren hat. Wir
allerdings gehen in unserer rauhen germanischen Art davon aus, daß sich
nun ja jeder selbst zu helfen hat und schließlich muß man da eben auch
selbst durch. Wir haben damit weniger Probleme, da wir so erzogen wurden
und unsere Gesellschaft auch nach diesen Regeln lebt. Für Thailänder ist
dies eine grausige Vorstellung.
Da die meisten Ausländer jedoch unter Erfolgsdruck stehen und sich
kulturell bedingte Verluste erst gar nicht leisten können, werden wir
wohl noch eine Zeit lang damit leben müssen, daß hin und wieder ein
Gesicht verloren geht. Dennoch sollten sie das notwendige Verständnis
und Einfühlungsvermögen immer dann zeigen, sobald sie sich in eine
Situation begeben, in der sie guter Dinge versuchen, einen Thailänder
mit starken oder noch schlimmer, logischen Argumenten zu überzeugen.
Achten sie darauf, daß sie niemanden unnötig unter Druck setzen und dem
Gesprächspartner immer ausreichend Spielraum zum Rückzug ermöglichen.
Wenn ihr Gegenüber das Gesicht verliert ist ihnen auch nicht geholfen
und solange sie bei diesem Spiel die Kontrolle behalten, werden sie auch
erfolgreich sein. Sollten sie sich in der Situation befinden unangenehme
Entscheidungen treffen zu müssen, dann sorgen sie ausreichend schnell
für entsprechende Unterstützung unter den Betroffenen, bauen sie
allgemeine Ängste rechtzeitig ab und stellen sie sicher, daß sie keinen
der Betroffenen in die Enge treiben oder vor unlösbare Probleme stellen.
Sicherlich muß aber jeder seine persönliche Lösung finden, um mit diesem
sehr ernsten Thema fertig zu werden, denn die Folgen können sehr
nachhaltig und leider auch sehr nachteilig sein. |