|
„Sie haben zu wild gelebt, nun haben sie den Salat!“
Nicht gerade eine motivierende Diagnose die Thailand da nach dem Absturz
in die Wirtschaftskrise bescheinigt wurde und so hat man sich zur
Sicherheit dann auch ungern aber bereitwillig in die Intensivstation des
IMF begeben. Die dort verschriebenen Medikamente und Maßnahmen waren
bitter und die Nebenwirkungen der Standardbehandlung haben zu weiteren
Komplikationen geführt, die Thailand noch heute zu schaffen machen. Und
doch wurde der Patient gerettet und auch während der folgenden
Rehabilitation hat sich Thailand zum wahren Musterkind entwickelt. Immer
noch angeschlagen und durch deutliche Blessuren gekennzeichnet bewegt
sich Thailand heute etwas freier und versucht seine alte Form wieder zu
erlangen.
Der wirtschaftliche Stern Thailands ist vor über einem Jahr plötzlich
abgestürzt und hat sich, wie bei einem Albatros, bei der Landung
mehrfach überschlagen. Vermeintlich hat alles mit dem Druck auf die
Währung und der daraus folgenden Abwertung begonnen. Aus Malaysia kam
auch prompt die Erklärung, die den internationalen Spekulanten die
alleinige Schuld an diesem Desaster zugewiesen hat. Denn schließlich
wurden hier ja eigentlich gesunde und kräftige Kameraden in den Ruin
getrieben. Waren manche anfangs noch geneigt dieser Deutung zu folgen,
so mußte man bald feststellen, daß die ganze Sache auch noch ansteckend
war und in kurzer Zeit die ganze Region und später auch noch den Rest
der Welt erfaßt hat. Ganz nach Sitte des Landes wurde all dies hier in
Thailand zunächst einmal gelassen aufgenommen und die meisten
Unternehmer sind davon ausgegangen, daß sich das Land von dieser kurzen
Grippe bald erholen wird. Doch es kam wie immer anders.
Finanzgesellschaften wurden reihenweise geschlossen, Banken vom Staat
übernommen und auch die Industriekonzerne machten mit Riesenverlusten
auf sich aufmerksam. Da haben auch die liebevollen Versuche, dem Land in
seiner Not durch Spenden unter die Arme zu greifen, nicht mehr geholfen.
Nunmehr wild entschlossen der Krise zu trotzen wurde die alte Regierung
mit Hilfe abtrünniger Schlangen, so nennt man hier zu Lande die
abtrünnigen Abgeordneten, ausgewechselt und eine neue Mannschaft ins
Rennen geschickt. Neue Besen kehren gut und so hat die neue Regierung,
ausgestattet mit einer eher dünnen Mehrheit, Zuversicht verbreitet, Geld
besorgt, Staatshaushalte gekürzt, neue Institutionen ins Leben gerufen,
die Privatisierung von Staatsbetrieben geplant und damit begonnen den
Großen der Welt Besuche abzustatten. Trotz aller Bemühungen blieb die
Währung weiter auf Talfahrt und erreichte schon bald einen historischen
Tiefstand. Gefolgt von steigenden Zinsen, Geldknappheit und fallenden
Produktionszahlen hat sich auch bald die zweite Welle eingestellt, die
weitreichende Entlassungen und Firmenschließungen zur Folge hatte. Guter
Rat ist teuer und so haben viele damit begonnen die verbleibenden
Überreste des Wohlstands auf dem „Markt der ehemals Reichen“ zu
verhökern. Unaufhaltsam machte sich auch die Erkenntnis breit, daß es
sich hier wohl nicht um ein kurzfristiges Phänomen handelt und
außergewöhnliche Situationen eben auch außergewöhnliche Maßnahmen
erfordern. Für die einen bedeutete dies die Einleitung konsequenter
Sanierung der Unternehmen. Andere haben die Zeichen der Zeit in anderer
Weise gedeutet und sind dazu übergegangen Rechnungen nicht mehr oder nur
sehr zögerlich zu bezahlen. Schließlich waren nun alle in dieser
Situation und so konnte man auch kaum mehr sein Gesicht verlieren, wenn
man schlechte Qualität zu hohen Preisen lieferte oder bestehende Kredite
absichtlich nicht mehr bediente. Kaum zu erwähnen, daß auch diese
Versuche nicht von Erfolg gekrönt waren.
Die Regierung hat ihren Kurs in bemerkenswerter Weise weiter betrieben.
Bislang sind jedoch maßgebliche Veränderungen in vielen Bereichen in der
Planung stecken geblieben. Die letzten Gesetzesentwürfe haben sogar die
Nationalisten wieder auf den Plan gerufen und alte Ängste geschürt, daß
das Land in die Hände der Ausländer fallen könnte - und das ist für
Thailänder ja nun eine grausige Vorstellung. Dabei geht es aber wohl
weniger um die Angst vor Ausländern, sondern vielmehr um die Panik derer,
die nur noch vom Schein vergangener Erfolge leben und den Anforderungen
des neuen Marktes nicht mehr gewachsen sind. Schließlich befinden sich
unter den größten Schuldnern des Landes auch ausgerechnet diejenigen,
die aufgrund ihres Familiennamens bislang noch höchstes Ansehen genießen
und die wichtigsten Ämter des Landes bekleiden. Die Einführung des neuen
Konkursrechts ist dabei eine glatte Bedrohung und vor allem die
Offenbarung der eigenen Besitzverhältnisse würde zum Verlust der Ämter
und damit zum Verlust des Ansehens und der eigenen Existenz führen. So
ist das hier in Thailand und da nicht sein kann, was nicht sein darf,
hat sich die Opposition sofort aufgerafft wieder einmal die
Vertrauensfrage zu stellen und, ganz nach amerikanischem Vorbild, gleich
die Amtsenthebung des Premierministers gefordert. Daß bei der eigens
hierfür von der Opposition einberufenen Pressekonferenz kein einziger
ausländischer Journalist erschienen ist, zeigt, daß auch andere dieses
Vorhaben nicht allzu ernst nehmen.
Quo vadis, Thailand? Auch wenn Thailand heute von mannigfaltigen
Problemen geplagt wird, so darf bei der Einschätzung der weiteren
Entwicklung keinesfalls vergessen werden, daß Thailand über viele Jahre
hinweg ein Musterkind der Region war und selbst Skeptiker mit seinen
Wachstumszahlen beeindruckt hat. Das politische Gerangel ist aber auch
ein weiteres Zeichen für den bereits hohen Grad an demokratischem
Verständnis im Lande und ein Garant für wachsende Stabilität. Die
heutige Krise ist daher weniger ein Zeichen fehlender wirtschaftlicher
und politischer Grundlagen als vielmehr die Notbremse, um weiteres
unkontrolliertes und planloses Wachstum zu verhindern. Die jetzige
Konsolidierungsphase wird noch geraume Zeit andauern bevor das Land
wieder einen stabilen Kurs einschlagen kann. Voreilige Euphorie ist
dabei so verfehlt wie übertriebener Pessimismus und Unternehmer müssen
langfristig planen und flexibel agieren, um sicher auf den wieder
anfahrenden Zug zu kommen.
Thailand ist entschlossen sich der Globalisierung zu stellen und sich
auch weiterhin zu einem ernsthaften Mitspieler im internationalen Markt
zu entwickeln. Jedoch kann dies auch vor dem Hintergrund einer derzeit
wieder stabilen Währung und verbesserten Wirtschaftszahlen nicht
kurzfristig geschehen. Allein schon die Bewältigung von notleidenden
Krediten in Höhe von einem Drittel des Bruttoinlandsprodukts erfordert
Zeit, die eigentlich nicht zur Verfügung steht, da die Wiederbelebung
des Inlandsmarktes dringend geboten ist. Allzu optimistische Vorhersagen
lassen außer Betracht, daß es mit einer Wiederbelebung des Marktes bei
weitem nicht getan ist. Bedingt durch den Preisdruck aus
Billiglohnländern kann sich Thailand nur dann erfolgreich behaupten,
wenn sich die heimische Industrie verstärkt auf Qualität und hochwertige
Produkte konzentriert. Ein Rückzug ist nicht mehr möglich und selbst ein
Stillstand hätte fatale Folgen.
In vielen Firmen dürfen wir auch überrascht feststellen, daß wieder Wert
auf den Kunden gelegt wird und sich die Preise am Markt orientieren.
Thailändische Firmen haben damit begonnen sich der Herausforderung zu
stellen und geben zum ersten Mal seit vielen Jahren sogar zu, daß
Probleme vorhanden sind. Diese Einsicht ist auch die Basis für eine
breit angelegte Verbesserung der Unternehmen und vor allem bei den
jüngeren Thailändern wird mehr und mehr der Ruf nach mehr
Leistungsfähigkeit und Qualität innerhalb des Managements laut.
Vielerorts wird dies auch erkannt und wir dürfen erwarten, daß bei der
Besetzung von Führungspositionen vermehrt nicht der Familienname,
sondern die Qualifikation des Managers entscheidend sein wird. Dabei
wird es jede Menge Engpässe geben, da das traditionelle
Ausbildungssystem dieser Entwicklung kaum gerecht wird und alte
Besitzstände natürlich bis zum Ende verteidigt werden.
Das neue Jahr ist für Thailand entscheidend und wird zeigen, ob das Land
die Kraft hat sich von überkommenen Gesellschaftsstrukturen zu trennen
und sich den Anforderungen eines globalen Weltmarktes zu stellen. Die
heutige Bedrohung wird weniger von außen als von innen verursacht und
erfordert strukturelle Veränderungen, nicht nur in den Unternehmen. Dies
ist in jedem Falle ein schmerzhafter Prozeß und verlangt die Einsicht
der führenden Schicht des Landes, daß der eigene Wohlstand auf die Dauer
nur durch den Wohlstand des ganzen Landes zu sichern ist. Wir sehen
diesem Prozeß zuversichtlich entgegen, da die wachsende Demokratie und
die Liebe der Thailänder zu ihrem Land der Garant für eine positive
Entwicklung sind. Dies bedeutet auch, daß Thailand keine westliche
Gesellschaft werden, sondern auch weiterhin nach Unabhängigkeit und
Anerkennung streben wird. Sollte Thailand eine sinnvolle Antwort auf die
Einschränkungen des eigenen Gesellschaftssystems finden, dann wird die
Risikofreude, Einsatzbereitschaft und Energie der Thailänder zu einem
tragenden Faktor des gesellschaftlichen, politischen und
wirtschaftlichen Erfolges Thailands werden. |